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Die Welt · 1900-03-01 · 1 (3.1900) · p. 20

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
1 (3.1900)
Article
Saaz
Date
1900-03-01
Page
20 (sequence 2)
Language
German
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Seite 20 .,Dle # Welt breitet. Sein Programm: 1. Hepp, hepp, ± Hepp, hepp, :!- Heilö^ und alle arischen Herzen (liegen ihm zu. Der Antisemitismus ist bei uns nicht, wie der technische Ausdruck lautet, .Zeiterschoinung;*. Unsere Gegend, wie das nordwestliche Deulschböhmen überhaupt, galt zwar officiell immer als .Hochburg' des Liberalismus. Aber dennoch war die Stimmung der Bevölkerung immer judenfeindlich. Der Judenhass trat zwar nicht so offen, ja marktschreierisch zutage, wie heute, aber andererseits bestand niemals ein herzliches Verhältnis zwischen Juden und Nichtjudeu, immer hinderte etwas Kaltes, Fremdes den innigen Verkehr. Der Antisemitismus schlummerte stets unter der Bilddäche, jeden Moment konnte er erwachen. Und jetzt ist er erwacht. Wird er verschwinden? Schwerlich. Er wird höchstens wieder einschlummern. Aber er hat einen leisen Schlaf. Die Städte der Umgegend, Kaaden, Brüx, Komotau etc., sind ebenfalls vollständig antisemitisch. Die „hoffähigeren" Vereine sind alle ,.judenrein\ Die Juden müssen sich nolens volens separieren, sie geben ihre eigenen Judenbälle, ihre eigenen Unterhaltungs-Abende. Und damit der traurigen Wahrheit auch die komische Seite nicht fehle, sind selbst die Homunculi in den Gymnasien in zwei Parteien: Liberale (Juden) und Antisemiten, gespalten, die sieh gegenseitig verachten und ignorieren. Budapest. (Orig.-Corr.) In Ungarn ist die Judenträge aufgetaucht. Die jüdischen galizischen Auswanderer haben sie eingeschleppt. Das Elend treibt diese Unglücklichen, denen in Galizien im Kampfe ums Dasein runder Hunger als Erbe zufiel, aus der Heimat, und sie ergiessen sich in das benachbarte Ungarn. Die Magyaren beginnen sich zu wehren — Nichtjuden und Juden. Den Juden in den Palästen wird bange. Denn der jüdische Lumpenproletarier mit den unverschuldeten Gebrechen, die ein Symptom der crassen Noth sind, bringt ein Uebel mit, das sich Antisemitismus nennt. Und die wohlhabenden Juden wissen, dass die-. > generalisierende Uebel unerbittlich von der selunulzstarrenden Hütte der Armut gegen die glänzenden Paläste hinansehleiehl wenn nur in den Palästen Juden wohnen. Juden und Nichtjuden, eine grausame Front gegen den einwandernden Hunger. Der galizische Jude findet überall verschüttete Erwerbsquellen und abgesperrte Existenzwege. Mit unbarmherziger Strenge entzieht man den jüdischen Hausierern in der Hauptstadt das Brot, und die einzige Gegenwehr dieser Bedauernswerten ist ein hoffnungsloses Protestieren und Demonstrieren auf der (Hasse vor verschlossenen Fenstern und verschlossenen Heizen. Dann greift der Verzweifelte wieder zum Wanderstabe und wendet sich hin, wo ein Lichtstrahl ihn lockt, und dann gibt es wieder enttäuschte Hoffnungen und ungestillten Hunger. Nachdem der „Pester Lloyd" für die um ihre Existenz gebrachten Hausierer das Wort ergriffen hat, bringt null der „Magyarorszag" einen Artikel, der die strengen Massnahmen gegen die jüdischen Einwanderer entschuldigen soll. Da heisst es : „Man hat ihnen schon vor zwei Jahren zu wissen gegeben, dass sie in Budapest die Hausierbewilligung bekommen können, wenn sie sich das Bürgerrecht erwerben. Aber diese Heimatlosen versäumten es, dies zu thun. Jetzt wissen sie nicht, was sie mit sieh und ihren Familien anfangen sollen. Sie selbst sind die Ursache dieses Vebels. Man kann sie bedauern, muss aber anerkennen, dass es bereits nolhwendig ist. strenge gegen die Invasion der Heimatlosen aufzutreten, seien diese galizische Juden oder italienische oder czechische Arbeiter. Was bedeutet es denn, dass in Ungarn die Auswanderung ununterbrochen andauert und unausgesetzt fremde Elemente hereinströmen "? Die Einwanderungen machen die Auswanderung. Die Ureinwohner werden von den Heimatlosen abgelöst, aber der Tausch ist ein sehr schlechter. Der allergrösste Theil der Ankömmlinge sind weder Ackerbautreibende, noch Gewerbetreibende. An Arbeit, sind sie überhaupt nicht gewöhnt. Das Elend treibt sie und nach dem Glücke jagen sie blind, mit allen Mitteln, seien es anständige oder nicht. Sie sind bereit, mit der Ruinierung anderer ihr bitteres Los zu lindern. Man bemäntle die Gefahr der galizischen Einwanderung weder mit dem Humanismus, noch mit dem Liberalismus. Das ist eine volkwirtschaftliche Sache, nichts anderes. Die liberalst denkenden Geister, wie Daniel Iranyi, urgierten schon lange und oftmals, dass die Einwanderung beschränkt und sie selbst mit Hilfe stärkerer Massregeln hintangehalten werde/' England. London. (Orig.-Corr.) Die Massenauswanderung der Juden des Ostendes in die Grafschaft Essex erregt allgemeines Interesse. Es ist auch ein höchst merkwürdiger Vorgang, der sieh da vor unseren Augen bei helllichtcni Tage vollzieht. Brechen da Tausende auf einen momentanen Impuls hin ihre Zelte ab, reissen sieh los von einer altvertrauten, heimischen Umgebung, mit einem Ruck werfen sie ihre kleinen und grossen Gewohnheiten, ihre bisherigen Lebensverhältnisse, ihren Lebensberuf von sich und wandern aus, scharenweise, mit Kind und Kegel, in ein fremdes Stück Land, in eine fremde Zukunft, für deren Solidität sie keine anderen Wiheissuitgcn. keine andere Garantie haben, als unbestimmte Hoffnungen, als den Glauben an einen gütigen Glücksstern. Diese jüdischen Auswanderer recrutieren sich zumeist aus dem kleinen Gewerbestande. Zumeist sind es Schneider und Schuhmacher. Es geht ihnen in der Grossstadt leidlich gut oder knapp oder schlecht, und eines Tages taucht das Gerücht auf, dass dort und dort nex-h die Existenzen und Concurrenzen dünner gesäet sind, dass dort Kaum ist, die Ellbogen zu gebrauchen, und ohne sich viel zu besinnen, ohne zu grübeln, ohne an den eigenen Aussichten und Hoffnungen zu nörgeln, legen sie Schere und Ahle beiseite, wandern in die Grafschaft Essex aus, kaufen sieh einen grösseren oder kleineren Baugrund für ein Wohnhaus, je nach den mitgebrachten Ersparniesen, dazu ein paar Acker Landes und widmen sich dem Acker- und Gartenbau. Benfleet heisst die Ortschaft, die den Mittelpunkt dieser jüdischen Ansiedlungen bildet. Man hat sich hier an Londoner Rabbiner um Auskunft über das Wesen dieser Massenauswanderung gewendet. Die Rabbiner erzählen, dass niemand die Leute angefeuert habe, dass der Trieb plötzlich in ihnen erwacht sei. Für den Zionisten ist diese Aaswanderungserscheinung sehr belehrend. Wir bekommen da einen neuerlichen Beweis für die leichte, fast spielende Beweglichkeit des jüdischen Volkselementes. Für so einen Schneider, der vielleicht jedes Vierteljahr in einem anderen Stadttheil der Grossstadt gewohnt hat, existieren einfach die kleinlichen Bedenken der Regungslosigkeit nicht. Er sieht ein Luftloch und zwängt sich durch, ohne erst viel bei verschiedenen Seelsorgern und anderen Sachverständigen herumzutragen, ob denn der Drang nach frischer Luft mit diesen oder jenen Prophezeiungen auch wirklich im Einklang steht. Es heisst, dass diese jüdischen Auswanderer dem Ackerbau mit grösserem Erfolge obliegen, als die englische Bevölkerung. Sie verstehen zu sparen, heisst es. und können hei ruhiger Ausdauer von ihrer Arbeit mehr Nutzen ziehen, als der weniger geduldige englische Landbauer. Es bewährt sich wieder die ungemein grosse Anpassungsfähigkeit der Juden an fremde Lebensbedingungen, das rasche Zurechtfinden in den verschiedenartigsten Thiitigkeiten, das schnelle Einleben in neue Verhältnisse. Heute der Pfriem, morgen der Pflug. Der Austausch vollzieht sich glatt, ohne viel Lärm, eine ruhige Uebersiedlung aus der Werkstatt in das Bauernhaus. Es sieht ganz selbstverständlich aus, und der Zuschauer findet es ganz begreiflich, weil es gut gelingt. Und der Zionist schöpft aus der kleinen Erscheinung Hoffnung auf das Gelingen eines grossen Werkes. R. London. Ich freue mich, Ihnen berichten zu können, dass che „English Zionist Föderation' mit gutem Erfolge arbeitet. Seit dem letzten Congresse wurden in folgenden Städten neue Vereine gegründet: London (Knight of Zion, Exiles of Ziuiii. Nottingham, Sunderland, Wolverhampton, Brndford, Hull, Newcastle und Swansea. Die Vereine Cork, Blackburn und Hnnley wurden reconstruiert. Ausser eben-

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