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Die Welt · 1900-03-01 · 1 (3.1900) · p. 17

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
1 (3.1900)
Article
Vor der Majestät
Date
1900-03-01
Page
17 (sequence 3)
Language
German
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„Die <x weit Seite 17 an der vollständigen Assimilation hinderten. Nun scheint es, als ob die Vorsehung gerade dieses Reservoir für ihre besonderen Zwecke eonserviert habe. Nur jene der europäischen Cultur noch ganz unzugänglichen, treu in ihren Traditionen lebenden osteuropäischen Juden könnten das Gros der Colonisten stellen, die das alte Heimatland wieder zur Blüte brächten und auch für die in älterer Cultur lebenden Stanmiesgenosseii anziehend machen würden. Die kleine Schar der amalgamierten Juden ist unvermögend, das Gros sich nach in die europäische Cultur hineinzuziehen; umgekehrt aber könnte das Gros, sobald es sich erst wohnlich eingerichtet hätte, die noch nicht ganz amalgamierten, nicht ihres Lebens froh werdenden westlichen Juden zu sich hinüberziehen, für sich damit Gulturträger gewinnen und Europa entlasten. Wie immer man die Sache ansieht, die friedliche Uebersiedlung einiger Millionen zunächst östlicher Juden nach Palästina wäre ein Segen beider Theile. Es möge demnach gestattet sein, in nicht officieller Weise bei Seiner Majestät dem Sultan die Gewährung eines Charter an das zionistische Gomite zu befürworten So spräche ich, wenn ich einer Majestät leitender Staatsminister wäre. () u i d a in. Tribüne. (Au dieser Stelle geben wir gerne Zuschriften Kaum, die in schickiiehemToneAngelegenheiten von allgemeinem Interesse oder gerechtfertigte Beschwerden enthalten. Die Redaetion.) Ein Nothschrei. Wissen Sie, geehrter Herr, was Judennoth ist? Wissen es die Juden Wiens? Hierher kommet, und Ihr werdet lernen, was Judenelend heisst, aber auch Juden Verzweiflung. Auf die „bedrängten und verfolgten'- russischen und rumänischen ■luden lenkt sich Euer Auge, unser gedenkt aber keiner» Und doch haben diese, was zum Leben noththut. Wir aber haben nur die Constitution und gemessen nur die Segnungen eines cultivierten Staatswesens. Was haben wir? Haben wir Strassen? Nein! Brücken? Nein! Schulen? Nein! Eine Möglichkeit zum ehrlichen Erwerbe? Nein! Was ist uns die Cultur? Der Gendarm und der Sfeuercommissär! Man muss Ostgalizien kennen und seine Juden. In den Meierhöfen, Dörfern und Ortschaften Ostgaliziens leben tausende Juden vom Ein- und Verkauf von Hülsenfrüchten. Eiern, von Trägerarbeiten. Lohn- und Botendiensten. Tausende von Juden, die nichts besitzen, als ihre zehn Finger an der Hand und ihre zehn Kinder in der Stube, ohne Brot, ohne Verdienst. Leben! Schändlicher ward dies Wort nirgends parodiert als hier. Und unsere sogenannte Intelligenz, die üekonomen, Feldaufseher, Propinations - Subpächter. Wie leicht Fallt ihnen die Intelligenz und wie schwer kommt ihnen das Brot. Ueberau" nichts als Elend. Jammer. Armut! Die Noth ist gross, Herr! Von der Regierung verlassen, von J u d und Christ verachtet und zu Boden getreten, kennen wir die Freude nicht mehr, haben wir das Lachen verlernt, aber auch das Weinen. Und doch zahlen wir unsere Blutsteuer und doch sind wir die bescheidensten, ruhigsten und folgsamsten Juden, beugen wir uns vor jedem, der einen guten Rock an hat und einen Spazierstock in der Hand, nennen ihn demüthig und ergeben „Herr". Unsere Nahrung ist das gröbste trockene Broch unsere Kleider Lumpen, unsere Wohnungen verfallene Hütten, unsere Feiertage Kummertage, unsere Kinder ohne jegliche Erziehung. In den ruthenischen Gemeindeschulen lernen die Kinder nichts mehr als das Vaterunser. In die Stadt können wir sie nicht schicken, dazu haben wir kein Geld, und die Erlangung eines Arm Utazeugnisses ohne Protection igt unmöglich, und die Protection ist unmöglich ohne .... Wir kennen nicht die Freude, unsere Kranken nicht den Arzt und unsere Todteti nicht die Klage. Wer soll uns helfen? Die reichen Juden in Lemberg oder in den anderen Städten? die mit dem Adel Hazard spielen und dessen Geschäfte besorgen, die von uns nichts wissen wollen und uns verachten, wie das Vieh im Stalle'.' Denn wir sind ja „die polnischen Juden". Ehei hat der ruthenische Bauer Mitleid mit uns und erschlägt uns. Und der kleine Mittelstand? Tausende sind brotlos geworden durch die Einführung der neuen Brantwein- und Consumsteuer. durch Entziehung des Salzhandels und durch Errichtung der polnischen Consumvereine haben sich unsere Bettler vermehrt! Die Noth hat uns schlecht gemacht und dumm. Bei den letzten Reichsrathswahlen leisteten diese Juden die unglaublichsten Wahldienste. Für zwei Gulden entrissen sie den zur Urne schreitenden Bauern die Stimmzettel und vernichteten diese, für fünf Gulden prügelten sie unter dem Schutze der polnischen Agitatoren die Bauern und liessen sich mit diesen einsperren. So theuer ist den Juden der Gulden geworden. Und Ostern war vor der Thür! Wir haben die Ostern überdauert, aber wir haben uns den ruthenischen Bauer, diesen ruhigen, friedfertigen Melancholiker, zum Todfeinde gemacht. Die Lage ist kritisch, denn die Regierung kennt uns nicht mehr. Hier muss geholfen werden! Wir wollen keine Zionsvereine mit Purimfeiern und Makkabäerfesten, wir wollm nach Palästina, in unser heiliges Land, um Weingärten zu pflanzen und den Acker zu bebauen, wir wollen den theuren Boden mit unseren Thränen netzen, dass er eine gute Saat gibt. Wir sind stark. Schwere Arbeit hat uns gekräftigt und gestählt, wir sind Feldarbeiter und Ackerbauer von Beruf, und wir haben gelernt, zu entbehren und -zu darben. Im Namen von tausend Juden, die nicht schreiben können, aber mich umstehen und mir ihre Verzweiflung und ihre Sehnsucht in die Seele giessen, bitte ich Sie, flehe ich Sie an : Geben Sie uns ein Stückchen Erde, wir wollen arbeiten, schwer arbeiten, es wird uns glücklich machen, arbeiten zu dürfen. Niwra, Post; Krzywize, Galizien. J osef Feldmann. Weltchronik. Juden in Athen. Man sehreibt aus Athen : In einer der rechtsseitigen Ausstrahlungen der Hermesstrasse. Ldie sich vom königlichen Schlosse bis in die Nähe des Thesous- Tempels in gerader Linie hinzieht, haben sich die Juden Athens angesiedelt. Die Männer sind zumeist kleine Händler, die mit Stoffen und Bändern die Strassen durchziehen und sieh mühselig ihr Brod verdienen. Wer schon etwas erübrigt hat, schreitet wohl auch hieben einem Maulthiere einher, auf dessen Rücken allerlei aus Kasten und Schachteln hervorblickende Herrlichkeiten schwanken. Andere haben dem unsteten Hausiererleben eine beschaulichere Wirksamkeit vorgezogen und verkaufen in dunkelfeuchten Läden alte Kleider und ähnliche Gegenstände. Am] lebhaftesten geht es des Abends zu. Da sitzen die Familien auf der Haustreppe, die Kinder spielen, fröhlich lärmend; die Väter überrechnen den Gewitin des Tages, und die Mütter sehen nach den Kochtöpfen, die über winzigen, mit Holzkohle gefüllten Oefen im Freien brodeln. Die meisten alten Frauen sind den Costümen treu geblieben, die. sie in ihrer Jugend trugen, dem kurzen, die Knöchel freilassenden Kleide, dessen Ränder mit Fransen besetzt sind, und das in zwei voneinander geschiedene Theile, den Vorder- und Hinterrock, zerfällt, sowie dem dunklen, schweren Mantel. Das Haar tragen sie zusammengeknotet unter einem grünen Tuche. Aber unter den Juden wohnen auch friedlich zahlreiche christliche Familien, und gerade in dieser Gegend trifft man auch mehrere griechische Kirchlein und Kapellen. Auch die Israeliten Athens haben ihr Gotteshaus, das sich von den übrigen nur durch eine über dem Thore befindliche Laterne unterscheidet. Ein enger, durch ein breites Holzgitter vom Hauptsaale abgeschiedener Raum4 war Jür die Frauen reserviert. Dort traf ich auch den Rabbiner der Gemeinde an. Ein röthlicher, theilweise ergrauter Vollbart, umrahmte ein sympathisches, von lebhaften grossen Augen

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