Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 1 (3.1900)
- Article
- Colonialpolitik
- Date
- 1900-03-01
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 11 Die $ Welt'.' weil der bestehende Import von Industrieartikeln zu klein ist, um bloss durch seine Vernichtung eine wesentliche Besserung der Verhältnisse erhoffen zu lassen. Wenn also die wirtschaftliche Zukunft unseres Landes keine günstigen Aussichten verheisst, so ist das für alle Oesterreicher betrübend, für die Juden aber um schlimmsten. Für die Juden, die überall in der Welt nur diejenigen Plätze oceupieren, welche ihnen die anderen übrig gelassen haben, für die Juden, die auch in ihren bisherigen Positionen von offener Gewalt und von einem viel wirksameren stillen Boycott bedroht sind, ist diese Lage eine fürchterliche und nach schleuniger Abhilfe drängende. Der Wiener „Figaro" hat sich bei der I'ersiflierung des Zionisten-Congresses den Witz geleistet, die Juden hätten sich so stark vermehrt, dass sie schliesslich sich selbst zuviel geworden sind, und dass sie deshalb den Zionismus erfunden haben, um die überlästigen .Stammesgenossen nach Palästina zu exportieren. Wir wissen, dass nicht die materielle Noll), sondern vor allem die ethischnationale Noth des Judenthunis den Gedanken des Zionismus gezeitigt und gefördert hat, aber die Wahrnehmung, dass den ethischen Gedanken starke socialökonomische Triebfedern unterstützen, macht den Zionismus nicht lächerlich, sondern nur noch ernsthafter. Ja, der „Figaro" hat ein klein wenig recht, es sind zuviel Juden in Oesterreich, selbst, für uns zuviel. Die Zustände im jüdischen Zwischenhandel sind bekannt, die Zustände im Aerzte- und Juristenproletariat, in der Lage der jüdischen Lehrer, der erbitterte Wettbewerb der jüdischen Journalistik, in der Mann gegen Mann kämpft und der in Oesterreich einen blutigen Ton hervorgebracht hat, dem man nirgends sonst, ■ ausser vielleicht in den südamerikanischen Räuberrepubliken, begegnet, sind unerträglich geworden. Die Oesterreicher, welche zur Auswanderung gezwungen sind, geratheil mangels einer Auswanderung-Organisation, mangels eines Stützpunktes in der Heimat und infolge der Unkenntnis der fremden Sprachen sehr oft in die Lage, nach jahrelangen Mühsalen noch ärmer als vorher zurückzukehren, um zuhause die proletarische Reservearmee zu vermeinen. Ks gibt auf dem ganzen Erdenrund kein Land, in dem die fiscalischen Abzüge vom Arbeitslohn in Form von Mietssteuern, Gebäudesteuern, Verzehrungssleuern, Staatsmonopolen und Gebüren so hoch sind, wie in Oesterreich, und kein Land, in welchem so niedrige Durchschnittslöhne gezahlt werden. Eine planmässige Colonisation, welche von einer vorbereitenden Centraistelle ausgeht und über genügende Mittel verfügt, begegnet nirgends so günstigen natürlichen Vorbedingungen wie in Oesterreich. Sie ist deshalb, gleichgiltig, ob sie in Palästina gelingen wird oder nicht, ein latentes Bedürfnis — nicht nur für die Juden und eine drängende Aufgabe für die österreichische Socialpolitik. Alle anderen Heilmittel, welche die allzu zahlreichen politischen Poctoren Oesterreichs vorgeschlagen haben, sind nutzlos oder schädlich und nur dadurch möglich geworden, dass die politische Diseussion in Oesterreich ausschliesslich aus liederlichem persönlichen Geschwätz besteht und die sogenannten volkswirtschaftlichen Schriftsteller meisthin nur Stilisten für scheugewordene Alpine-Actien und dergleichen sind. Während von allen Nachbarländern ökonomische Eroberungszüge nach den entlegensten Gebieten der Erde organisiert werden, wird bei uns geschwätzt und gespielt. Der Sinn für erspriessliche Arbeit ist unter dem Drucke der Verhältnisse in weilen Volkskreisen zurückgegangen, und eine ganze Generation von jungen Leuten träumt von keiner anderen Hoffnung, als von einem Haupttrefler oder einer guten Partie. Und sowie bei den einzelnen die impulsive Thatkraft sich in verlräumte Apathie verwandelt hat, so sieht man in Oesterreich ganze Völker in unmöglichen Hoffnungen dahintaumeln. Die einen träumen davon, durch die Majorisierung eines ganzen Volkes ein (in wirtschaftlicher Beziehung wünschenswertes, aber durch Gewalt unmöglich zu erlangendes) Staatsrecht aufzurichten, andere wieder glauben einen wirtschaftlichen Aufschwung nur durch das Eingreifen des reichen Onkels in Berlin anbahnen zu können, Kein Mensch bedenkt, dass die österreichische Landwirtschaft, welche den Zollschutz dringender nöthig hat als die deutsche, durch die Aufhebung der Zollschranken einen schweren Schlag erleiden würde und dass die Industrie betteln gehen könnte. Wenn Deutsche, welche wenig Gelegenheit haben, sich in Fragen ökonomischer Natur zu vertiefen, glauben, eine auswärtige Macht, welche unsere stärkste Rivalin auf industriellem Gebiete ist, wollte und könnte bei uns den erträumten »Aufschwung", den sich niemand concret vorstellen kann, durchführen, so ist das entschuldbar. Dass aber viele Juden, welche mitten im Wirtschaftsleben stehen, ähnlichen Gedanken anhängen, ist: nur durch die unpolitische Oberflächlichkeit, welche sich zumeist in Personenfragen erschöpft, erklärlich. In Oesterreich muss colonisierf werden, nach innen und nach aussen, nach innen brauchen wir eine Colonie fhatkräftiger Pionniere, welche das Land aus seiner wirtschaftlichen Lethargie aufrütteln, nach aussen eine Colonie, die unsere Ueberzähligen aufnehmen kann. Wir brauchen alle — nicht nur die Juden — Colonien, aus materiellen und aus ethischen Gründen. Gelingt es, in Palästina einen Platz für die Bethätigung der überschüssigen jüdischen Volkskraft zu finden, so wird das sittliche und körperliche Niveau unserer Rasse gehoben werden, bei den Ausgewanderten sowohl, als bei den Zurückgebliebenen. Sir Francis Montefiore Uber die Colonialbank. B i im i n g Ii a in. •>'>. October. Vom hiesigen zionistischen Vereine war auf letzten Sonntag abends aus Antass der Anwesenheit der englischen Mitglieder des Actions-Comites eine grosse Versammlung in die Räume der jüdischen Schule, Singer Hall, einberufen worden. Saal und Corridor waren zum Erdrücken voll. Die fremden Gäste, Sir Francis M o n t e fi o r e, H erben B entwich, J. C o w e n, .1. de Haas, Massel und Morris wurden enthusiastisch begrüsst, ebenso die hiesigen Notabilitäten. Rev. G. J. E m a n u e 1. Henry D a v i s, L i o n e I S p i er s, L e vy u. a. Tn der Eröffnungsrede versicherte Mr. Davis, dass die Briminghainer Xionislen voll und ganz auf dem Boden des Baseler Protrranimes ständen und zu den Führern, vor allem zu Doctor T Ii e o d or He r /. 1, das unumschränkteste Vertrauen hätten. Die zionistischen .Juden Englands, obgleich in freiheitlichen Verhältnissen lebend, haben doch nur einen Wunsch, und dieser lasse sich in dem Worte zusammenfassen, das (Sott dem jüdischen Volke beim Auszüge aus der ägytisehen Selaverei zugerufen: Vorwärts! Unter dröhnendem Beifalle bestieg sodann Sir Francis Montefiore die Tribüne. „Alles, was mit dem Zionismus zusammenhängt." so begann nach einigen Dankesworten für den wohlwollenden Empfang der Redner, .muss das höchste Interesse erwecken. Aber das Feld ist ein so grosses, dass es kaum möglich erscheint, im Verlaufe eines einzigen Abends alle Seiten einer eingehenden Besprechung zu unterziehen. Ich will daher von den verschiedenen Hauptfragen nur einige