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Die Welt · 1900-03-01 · 1 (3.1900) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
1 (3.1900)
Article
[Ohne Titel] / E. R.
Date
1900-03-01
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Dia # WeJtf Seite 13 grauen Himmel des Herbstes und wieder in Monaten den Winterfrost. Der Scenenwechsel erfolgt mit einer gewissen gesetzlichen Langsamkeit, die Ereignisse wickeln sich in kalendarischer Regelmässigkeit ab. Das Volk der Juden, das über alle Zonen zerstreut ist. empfindet alle Launen des Himmels an einem Tage. Auf einer winterlichen, schneeverwehten Strasse Kusslands erfriert ein jüdischer Hausierer, in Algier wird der Pöbel vom heiteren Sommerwetter aus den Schlupfwinkeln hervorgelockt und gibt seiner aufgeräumten Stimmung durch Improvisierung eines Judenkrawalles Ausdruck, irgendwo in einem Walde Mitteleuropas wird ein fahrender Strauchritter durch den Herbstnebel zur Voliführung eines Verbrechens begeistert, so dass den Wald fortan die Romantik des Ritualmärchens umgibt — und dies alles an einem Tage. # * * Die Judenheit als Ganzes erlebt an jedem Tage mehr als ein anderes Volk. Von zwei Menschen, die nebeneinander im Grase liegen, hat der Grössergebaute mehr physische Kindrücke. Er empfindet eine grössere Zahl der Eigenheiten des Bodens, eine grössere Zahl von drückenden Steinchen, Wurzeln, Distelstümpfen, weil er eine grössere Strecke des Bodens mit seinem Körper bedeckt. Bei den Völkern ist es ebenso. Das Volk der Juden hat an einem Tage mehr Erlebnisse, weil es über allen Boden des Erdballes hingestreckt ist. # # *fe Das Volk der Juden hat überhaupt die ereignisreichste Geschichte unter allen Völkern. Denn jedes andere Volk hat nur seine besondere eigene Geschichte, doch das Volk der Juden, das neben allen Völkern der Erde wohnt, muss in seine Geschichte auch noch alle Erlebnisse aller Völker eintragen. So kommt es, dass den Juden kein menschliches Los fremd ist. Denn wo immer ein Los einem Volke zufällt, fällt es auch den Juden zu. Irgend ein Erdbeben, das nur in einem entlegenen Ländchen der Erde Verheerungen anrichtet und alle übrigen Völker verschont, verschont nicht die Juden. Denn sie wohnen auch in dem entlegenen Ländchen. Irgend eine Seuche wüthet nur in einem bestimmten Winkel der Erde. Alle Völker bleiben frei von der Seuche, doch die Juden fallen ihr zum Opfer. Denn sie wohnen auch in jenem Winkel der Erde. Jedes Volk hat nur eine eigene Bürde zu tragen, das jüdische Volk trägt alle Bürden aller Völker. Es heisst, dass man durch Erlebnisse, äussere und innere, altert. Der Begriff der Zeit ist doch nur der Sammelbegriff für all unsere Erlebnisse. Je mehr jeder erlebt hat, eine desto längere Zeitstrecke hat er zurückgelegt, mag auch der Uhrenzeiger, der sich stumpfsinnig im Kreise dreht, anderer Meinung sein. Von zwei Völkern ist dasjenige, das ein dickeres Geschichtswerk aufzuweisen hat, das ältere, wenn es auch um viele hundert Jahre Jünger" ist, als das andere. Das jüdische Volk vereinigt in seinem Geschichtswerke viele, viele Geschichtswerke. - Wie alt wohl das jüdische Volk sein mag? E. R. Colonialpolitik. Von Rudolf Kohn-Schlaekenwerth. Wir Zionisten versuchen Colonialpolitik — ohne Mutterland. Wir Juden haben ja kein Mutterland, höchstens ein Stiefmutteiiand. Wo immer wir unseren Platz im (lause, der uns ebenso wie den anderen Landeskindern zukommt, für uns haben wollen, wirft man uns scheele Blicke zu und leistet uns activen oder passiven Widerstand. Solche Golonisationsversuche ohne Mutterland sind keineswegs neu; die englischen Puritaner, welche, von religiösen Impulsen getrieben, Nordamerika besiedelten, die protestantischen Emigranten, welche als verfolgte Protestanten die französische Industrie nach dem damaligen industriell und verwaltungstechnisch etwa der heutigen Türkei vergleichbaren Deutschland brachten, zuletzt die holländischen Boeren, deren nationale Bedrängnis im Caplande am meisten dem Schicksale der Juden gleicht, sie haben alle ihr Mutterland ohne Brücken hinter sich verlassen. Und der Erfolg hat ihnen recht gegeben, denn nur diejenige Colonialpolitik hat eine gesicherte ökonomische Basis, welche — die Colonisationsfähigkeit des Zielpunktes vorausgesetzt — auf einem drängenden Bedürfnisse nach Auswanderung gegründet ist. Golonisalionspolitik als Machtpolitik zur Befriedigung des Landkartenappetits festländischer ExpansionspoHtiker hat im vorigen Jahrhundert in Nordamerika, später in allen spanischen und portugiesischen Colonien in Südamerika, Westindien, .Afrika und überall sonst schwere Niederlagen erlitten und wird voraussichtlich noch weitere Loslösungen stärker gewordener Niederlassungen vom Mutterlande zeitigen. Die modernste Art der Colonisation endlich, die Erstürmung chinesischer Zollmauern und die Eröffnung neuer Absatzgebiete für die heimische Production, kommt für uns nicht in Betracht. lieber die Colonisationsfähigkeit von Palästina habe ich nicht zu urtheilen, aber über das passive Golonisationsbedürlhis in Oesterreich ist noch einiges ungesagt geblieben. Oesterreich ist nämlich unter allen mitteleuropäischen Staaten vielleicht der relativ übervölkertste. Infolge des hierdurch — nicht nur unter den Juden — verschärften und verbitterten Concurrenzkampfes sind die Verhältnisse auf den meisten Wirtschaftsgebieten, soweit nicht eine Cartellierung dem , vorgebeugt hat, geradezu unerträglich geworden. Alle Berufe und insbesondere die den Juden zugänglichen Berufe sind überfüllt, und die dadurch hervorgerufenen Reibungen haben in Gebieten, in denen der Wettbewerb sonst in milderen Formen auftrat, in den sogenannten liberalen Berufen, Erscheinungen gezeitigt, welche beschämend wirken und den Anschein erweckt haben, als ob nur das Ueberhandnehmen der Juden in ge- . wissen Berufen die Ursache des Niederganges in den Standesgewohnheiten sei. Es ist auch nothwendig, die Täuschung zu verlassen, als ob es damit in absehbarer Zeit erheblich besser werden könnte. Man redet jetzt viel und schreibt noch mehr von beabsichtigter Exportförderung, von dem bevorstehenden industriellen Aufschwung und dergleichen, aber es Hesse sich ziemlich leicht nachweisen, dass die vorgeschlagenen Massnahmen diesen Zweck keineswegs erreichen werden. Man vergisst eben, dass die industrielle Rückständigkeit Oesterreichs und sein Export von nichts als Brotfrüchten und Producten der landwirtschaftlichen Industrie neben den hohen indirecten und directen Abgaben vom Lohngulden, vom Materialwert und vom Unternehmergewinn auch in tiefer liegenden natürlichen Productions- und Verkehrsverhältnissen die Ursache findet. Ein Land, welches seine besseren Kohlen und Coakes mehr als 500 Kilometer weit von Westfalen und Schlesien beziehen muss, wird in gewissen wichtigen Industrien niemals einen grössen Export erzielen können, wenn ihr nicht durch sogenannte Schutzzölle, die in Wirklichkeit Sperrzölle darstellen, die Consumenten des Inlandes ausgeliefert werden. Mit dem Fortfallen der Möglichkeit, einen gewinnbringenden Industrie-Export für Oesterreich zu etablieren, entfällt aber für Oesterreich die Möglichkeit, eine wesentlich grössere Bevölkerung zu ernähren.

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