Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 1 (3.1900)
- Article
- Gespräche über den Zionismus aus dem Haag
- Date
- 1900-03-01
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite lü „Die # Welt „Es ist zum erstenmale in der Geschichte, dass sich alle Nationen zur Verfolgung desselben Zweckes in einer Art Weltparlament versammelt haben, und (lieser gemeinsame Zweck stellt eine weitere Evolution der Principien dar, welche Orotius als erster verkündet hat. Sein grosser Geist brütete über dem zu seiner Zeit herrschenden Ideen- Chaos, und aus seinem Herzen und Hirne kam eine Offenbarung, die der Weit den Weg zur Barmherzigkeit und zum Frieden wies.'- „Grotius' Geist könnte zu den Theilnchmern der Conferenz sagen, dass sie weder Widerstand noch Herabsetzung fürchten sollen, denn so wie sein Buch, das anfangs gar kein Verständnis und sogar Verfolgung fand, zum Keime wurde, aus welchem die I-langer Conferenz hervorgewachsen, so wird das Werk dieser Conferenz, welches von einer unter der Last der Hüstungen schwer zusammenbrechenden Welt gefordert wird, den Keim abgeben, aus welchem künftige Conferenzen immer bessere, grössere und ediere Pläne entfalten werden." Als ich — es war beim Minister des Aeussem Horm von Beaufort — im Laufe einer Unterhaltung mit dem amerikanischen Gesandten auf den Zionismus zu sprechen kam, musste ich auch von ihm, wie von so vielen anderen, die Antwort hinnehmen : „Darüber kann ich keine Meinung abgeben — ich kenne die Sache nicht. Wohl aber habe ich davon gehört." »Nur gehört? .Das ist schon viel. Es gibt gar manche Zeitereignisse von weittragender Bedeutung, die den Zeitgenossen ganz entgehen. Kennen Sie die Anekdote? Als Pontius Pilatus, nachdem er seine Amtszeit in Jerusalem abgedient, nach Rom kam und da seinem Vorgesetzten über die Vorkommnisse in Judäa eine Stunde lang berichtete, sagte er schliesslich, es sei nichts Merkwürdiges geschehen. — „Ist denn nicht ein Aufrührer hingerichtet worden, ein gewisser Jesus?" — fragte der Andere. „Mir wurde doch erzählt, dass Ihr dabei betheiligt wart? . . .« Pontius Pilatus schlug sieh vor die Stirne: ,Ach ja — der Jesus . . . Das hatte ich ganz vergessen." Ich frug, ob es in Amerika auch den Antisemitismus gebe. „Nein, das gibt es nicht. Und darum verstehen wir diese Erscheinung kaum. Die Dinge, die in Frankreich vorgehen — in der Dreyfus-Sache — die in Wien den Parlamentarismus verroht haben, sind tief betrübend und unbegreiflich zugleich." Ich erklärte, welches wirksame Aufräumen gegen die die Juden treffenden Kränkungen der Zionismus darstelle, wie er namentlich eine Bethäligung des Nationalstolzes sei. Oder — Stolz ist nicht der richtige Ausdruck — Bejahung der National w ü r d e — der Selbstachtung. „Ganz richtig," meinte Dr. W h i t e. „und muthig hervorgekehrte Selbstachtung erzeugt die Achtung anderer. Da erinnerte ich mich eines Falles, den ich vor langer Zeit erlebte. Als Attache der amerikanischen Gesandtschaft in St. Petersburg war ich eines Abends zum Dinner von einem Herrn eingeladen, der in der englischen Colonie der Stadt sehr hoch stand. M. Basier. An seinem Tische bemerkte ich einen Herrn, der sein-geachtet schien und der das Tischgespräch lenkte. Zugleich beobachtete ich, dass ihm nicht dieselben Speisen geboten wurden, wie den anderen, und dass sie ihm nicht von denselben Dienern gebracht wurden, und das geschah während des ganzen Mahles. Später fragte ich im Rauchzimmer den Gastgeber um eine Erklärung für diese seltsame Sachlage. Der sagte, dass der betreffende Herr als ein Mann von Wissen und Bildung hochgeschätzt sei, so sehr, dass es ihm, trotzdem er ein Jude war, doch erlaubt war, in Petersburg zu bleiben. Dass er ein Mensch von grossem Verstände und freisinniger Anschauung sei, dass er aber die Absicht habe, gegen die seiner Rasse zugefügte Ungerechtigkeit stille zu protestieren, und eine Einladung zum Speisen nur unter der Bedingung annehme, dass er seinen eigenen Koch und seinen Speisenträger hinschicken könne." Ich verstand dies besonders in der Hinsicht, dass, wenn die Christen zu stolz wären, mit ihm zu essen, er zu stolz wäre, mit ihnen zu essen. Dr. W h i t e erzählte mir auch, dass der Gesandte der Vereinigten Staaten in Constantinopel ein Jude sei, und dass er derjenige ist, der den christlichen Missionären die meiste Protection augedeihen lasse und von ihnen auf das dankbarste geliebt werde. Ich musste noch wehere Auskünfte über den Zionismus geben. Dr. White stellte viele Fragen und freute sich zu huren, dass die Bewegung schon so weit gediehen sei, wie Jen mittheilen konnte. Den Ausdruck seines Interesses fasste er in einen Rath zusammen, den er den Zionisten gibt: „M a n suche die Hilfe des deutsche n IC a i s e r s." Das ist Je mot de la fin". Und ich möchte gleichfalls einen Rath daran knüpfen: Man suche das Interesse Doctor W h i t e s an der Sache noch weiter zu wecken und so vielleicht auch seine Hilfe zu erlangen; er ist ja Botschafter in Berlin. Den Haag. Juli 1K!*!>. Gespräche Uber den Zionismus aus dem Haag. (M r. L 6 o n Bourgeois.) Von Bertha v. Suttner. II. Es war an dem Tage, da das Ministerium Dupuy fiel. Die Nachricht davon und die Berufung Leon Bourgeois nach Paris kam erst um 9 Uhr abends nach Scheveningen. wo eben der Chef der französischen Delegation mir die Ehre erwiesen hatte, nebst dem französischen Gesandten und noch einigen Herren mein Gast zu sein. Auch Doctor Herzl. damals auf der Durchreise nach London einige Tage in Holland verweilend, nahm an dem kleinen Diner theil. Vor kurzem war Leon Bourgeois nach Paris abberufen worden, wo die Regierung seines Käthes bedurfte. Schon hatte man in den Conferenzkreisen gefürchtet, dass er in seinem Lande zurückgehalten und die Arbeit nicht zu Ende führen werde, die ihm in der Friedensconferenz zugefallen war: die Leitung der Schiedsgerichts-Commission. Mit grosser Freude hatte man seine Rückkunft begi üsst. Auch ich drückte meinem Gaste diese Freude aus. Er antwortete leuchtenden Auges : „O, ich wäre um keinen Preis fortgeblieben, meine hiesige Aufgabe passioniert mich zu sehr . . .■• „Auch um den Preis nicht, wieder Ministerpräsident oder ■-• das steht Urnen vielleicht auch einmal bevor — Präsident der Republik zu werden?" Er schüttelte den Kopf: ,Daran denke ich nicht. 1,'ebrigens glaube ich, meinem Vaterlande am besten dienen zu können mit dem. was meine heilige Mission ist — eine Mission, die mich schon darum doppelt freut, weil ihr Ziel nicht nur meinem Vaterlande, sondern der ganzen Welt als Nutzen und Segen winkt." Leon Bourgeois hat die Charaktereigenheit, sich — wie er ' sieh ausdrückte — „zu passionieren" für das, was er einmal unternommen hat. Er ist der jüngste unter den Delegationschefs, und unter all den weisshaarigen Botschaftern, den Diplomatie- Vetenmen. Staal, Münster, Nigra u. s. w., nimmt er sich mit seinem schwarzen Kopie aus, — so bemerkte W. T. Stead in seiner Chronica — wie ein Star unter Möven. Geboren 1851, ist Leon Bourgeois einer der wenigen unter den Delegationshäuptern, die nicht in der Diplomatie auf-