Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 1 (3.1900)
- Article
- Russische Juden
- Date
- 1900-03-01
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die x> Welt** jaden, aber ulme beschränkten und unduldsamen Nationsdünkel, der freilich bei der jetzigen Lage der Juden auch kaum verständlich wäre. Es plagt sie kein Gedanke, sieh zu assimilieren, ihr Wesen ist einfach und ungebrochen. Diese russischen Juden geben mit ihrem ganzen Wesen Antwort auf die Streitfrage, die uns von armseligen Schwätzern so oft entgegengehalten wird : ob das Nationaljudenthiuii nicht die Entfernung von der modernen Cultur zur unvermeidlichen Folge haben müsse? Nein. Diese Leute sind auf dem rechten Wege, ohne viel liaisoimement, vielleicht sogar, ohne darin je eine Schwierigkeit bemerkt zu haben. Sie assimilieren sich keiner anderen Nation, aber sie sind bemüht, von allen Völkern alles Gute zu lernen. So bringen sie es fertig, aufrecht und echt zu sein. Und es sind doch Gheltojuden, die einzigen Ghettojuden, die es in unserer Zeit noch gibt. Da haben wir bei ihrem Anblicke verstanden, was unseren Vätern in den schwersten Zeiten die Krall zum Ausharren gab. Eigenthünilieh lebensvoll trat unsere Geschichte in diesen Gestalten vor uns hin. Ich musste daran denken, wie man mir in der ersten Zeit oft entgegengehalten hatte: „Sie werden nur die russischen Juden für die Sache gewinnen." AVenn man mir das heute wieder sagte, würde ich antworten: Das genügt! Wien, October 18!>7. Die zionistische Abordnung in Palästina. In unserer Bewegung ist ein Ereignis zu verzeichnen, dessen Bedeutung nicht erst erklärt werden imtss. Es ist dies der Empfang der zionistischen Abordnung in Jerusalem durch den deutsehen Kaiser. Anfangs üetober wurde der Empfang festgesetzt. Darauf machte sieh Mitte October die aus fünf Herren bestehende Abordnung auf den Weg nach Palästina. Es waren : Dr. Th. Herz I, Präsident, Dr. M. T. S c Ii n i i e r, Vieeprästdent des Actionscomites, D. Wol ffsohn, Präsident des Bankcomites, Rechtsanwalt Dr. B o d e n h e i in e r, Präsident der zionistischen Vereinigung für Deutschland, und Ingenieur J. Seidener, technischer BeirathJ des Actionscomites. Am zweiten November fand der Empfang im kaiserlichen Zelte zu Jerusalem im Beisein des Staatsseeretärs von Biilow statt. Seine Majestät der Kaiser beantwortete die Ansprache des Dr. He rzl in freundlichster Weise. / Dies ist in Kürze dasjenige, was bisher von den Thatsachen bekanntgegeben wurde. Wir glauben nun, dass es für unsere Leser von einigem Interesse sein wird, die Eindrücke und Ansichten der zurückgekehrten fünf Mitglieder dieser Abordnung kennen zu lernen. Wir haben sie der Heihe nach befragt und Antworten erhalten, die wir im Nachstehenden wiedergeben. Herr Dr. B o d e n h e i m e r wird für die „Weif eine ausführliche Schilderung der ganzen Reise sehreiben. Die R e d a c t i o n. December 1S!IS. Dr. Theodor Herzl: Wir sind nicht als Vergnügungstouristen, auch nicht als Forschungsreisende nach Palästina gegangen, sondern wir hatten einen bestimmten politischen Zweck. Nachdem dieser erreicht war, haben wir uns unverzüglich auf den Rückweg begeben. Dennoch konnten wir selbst als Gäste auf eine kurze Weile einige Beobachtungen anstellen und uns von den Zuständen liechenschaft geben. Traurig sieht es in vielem aus, aber über den verödeten, verwahrlosten Stätten lacht ein prachtiger Himmel, und wo die Menschenhand sich regen durfte, hat ihr heiter eine unerschöpfliche Natur geholfen, die rascheste Fülle hervorzuzaubern. Die Resultate unserer Colonisten, insbesondere derjenigen, die auf ihren eigenen Füssen stehen, sind einfach verblüffend. Man sieht noch das umgebende steinige, dürre Gebiet, in das ein solcher wackerer Kerl vor ein paar Jahren hineingestiegen ist — er hat einen Orangenhain oder einen reichen Weingarten aus der Erde gelockt. Unter den Gestalten solcher ursprünglicher Landerwerber, die den Boden wie am Anfang der Zeiten erobern, ist mir der Colonist Brozie in Mezoh bei Jerusalem besonders aufgefallen. Das war ein einfacher Taglöhner in der Colonie Rechoboth. Er raffte eines Tages seine paar ersparten und erhungerten Groschen zusammen und gieng hinaus auf diese steinige Berglehne. Da er von seinem Fleisse Beweise gab. wurde er von einem Kölner Colonialvereine mit Darlehen unterstützt. Vor zwei Jahren hatte er seine erste Weinlese. Der Ertrag war fünfhundert Francs. Im folgenden Jahre brachte ihm seine Ernte schon das Dreifache, und er sieht einer weiteren raschen Progression des Ertrages entgegen, weil seine Reben immer besser werden. Rings um seinen wohlgepllegten (laden ist noch die Einöde, die der Fleiss auch zum Garten machen könnte. Und solcher Beispiele gibt es so viele, als Colonisten in Palästina sind. Tüchtige, nüchterne Menschen mit harten Fäusten, und in den Augen haben sie eine Begeisterung für das Land. Die jüdischen Ackerbauer sind zäh und intelligent, das war der Eindruck, den wir überall hatten, wo wir mit ihnen zusammenkamen. Natürlich haben uns die malerischen Details im flüchtigen Vorübereilen am meisten frappiert. Alier auch aus solchen Einzelheiten lässt sich manches folgern. Die Colonisten sind z. B. gute Reiter. Als wir nach Rechoboth kamen, sprengte uns ein Trupp junger Leute entgegen, einige zwanzig, die uns als Escorte nach der Ansiedlung begleiten wollten. Sie führten um unsere Wagen herum auf ihren schnellen Pferden eine Art arabischer Fantasia auf, und wir mussten an die Lassoreiter des wilden Westens von Amerika denken, wenn wir diese stämmigen, wettergebräunten Bursche die Pferde herumwerfen, weit ins Feld davonstürmen und jauchzend wiederkehren sahen. Leider konnton wir nur eine kleine Anzahl der Colonien besuchen, aber den jüdischen Bauer haben wir doch kennen gelernt. Er verspricht viel für die Zukunft. Ja, wir glauben nach wie vor. und seit wir dort waren, stärker als je. dass dieses von der Natur so herrlich begabte Land ein Land der Zukunft ist. Diese bezaubernde Küste am blauen Meere kann zu einer Riviera gemacht werden, wenn die Culturmacht einer Colonisation im grossen dahinkommt. Es sind allerdings riesige Investitionen erforderlich, das Land muss mit allen neuen Verkehrs- und hygienischen Einrichtungen versehen werden. Aber welcher Spielraum für den beweglichen Unternehmungsgeist eines mit allen modernen Mitteln wohlvertrauten, in allen Culturländern erzogenen Volkes. Und welcher Lohn winkt am Ende dieser leicht verständlichen Unternehmungen. Es sind grosse Anlagen von Arbeit und Capital erforderlich, aber unter diesem herrlichen Himmelsstriche trägt die Arbeit goldene Früchte, und das Capital wird dabei seine Rechnung linden. Ebenen, die schnell fruchtbar werden, schöne Gebirge sahen wir im Vorübereilen. Ueberall wartet die Natur, warten die Zustände auf die helfende Menschenhand, die wieder Gärten und wohnliche Heimstätten für die Menschen schaffen soll und kann. Mächtig war der Eindruck von Jerusalem. Noch in in ihrem heutigen Verfalle sieht man die Spuren einstiger Schönheit. L'nd diese Stadt vieler Hügel, in manchem an Rom erinnernd, könnte wieder eine prachtvolle Weltstadt werden. Man sieht ordentlich das künftige Stadtbild vor sich, wenn man vom Oelberg hinunterblickt. Die ganze alte heilige Stadt müsste vom Tagesverkehre gereinigt werden. Alle diese unsauberen lärmenden Händler müssten hinaus |us den für alle Bekenntnisse ehrwürdigen Mauern. Arbeiterwohnungen, billige Häuser wären im weiteren Umkreise der Stadt anzulegen. Die Märkte' müssten aus der alten Stadt hinaus nach passenden Funkten wegverlegt werden. Die so gereinigte alte Stadt verbliebe dann für die wohlthätigen und frommen Anstalten aller Confessionen, die ja die Thoilung dieses Gebietes untereinander gütlich vornehmen könnten. Die ganze alte Stadt könnte allmählich im bisherigen Stile, aber unter gesunden Bedingungen reconstruiert werden, und sie wäre wie ein einziges Juwel, das sich dann mit dem Reichthum einer modernen und eleganten Stadt einfassen liesse. Wäre ein solcher Zustand nicht würdiger der Empfindungen, nicht dienlicher für die Bedürfnisse aller Menschen, die an Jerusalem hängen? All das wird einem an Ort und Stelle sonnenklar, wie in einem Anschauungsunterrichte im Freiliehte. Und unsere Sache ist von solcher Alt. dass wir sie geradeheraus mit allen Interessenten, mit einem nach dem anderen aufrichtig erörtern können. Wer hat gegen die Vermehrung der Cultur gerade auf diesem Boden etwas Ernstes einzuwenden '.' Am allerwenigsten wohl die Türkei, wenn allen legitimen Bedenken, wie es unser stets erklärter Wunsch ist, nach jeder Richtung Rechnung getragen wird. Für die Türkei bedeutet die Ausführung des zionistischen Flaues ganz zweifellos eine Vermehrung ihrer Macht und Wohlfahrt. Manches in der Art. wie die Colonisation früher betrieben wurde, war geeignet, das Misstrauen und Uebelwollen der