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Die Welt · 1897-07-23 · 8 (23.7.1897) · p. 16

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
8 (23.7.1897)
Article
Uriel Acosta
Date
1897-07-23
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 16. Nr. 8. geputzt, das alte Silber aus den milbenzerfressenen Schränken hervorgeholt, die schweren Oelgemälde abgestaubt, Blumen aufgestellt und abends, im reichen Lichte der Kerzen, als die Spuren jahrelanger Vernachläßigung versteckt und gemildert waren, durchdrang ein festlicher heiterer Geist das Haus, als sei es immer so. Auch Uriel selbst war mit dem Hause jünger geworden; er bot ein schönes Bild, wie er so an der Tafel saß und mit dem Arzte und Janthe fröhliche Reden tauschte. Nach dem Mahle und dem guten Weine — nur von den Flaschen waren die Spinngewebe nicht schamhaft abgewischt worden — schlief Dom Diego zu gelegener Zeit ein. Als das Licht seiner lebhaften Phantasie auf seinem Gesichte erloschen war, sah er so müde und alt aus, daß das Gespräch Uriels und Janthes vor Angst ihn aufzuwecken, leiser wurde. Mit einemmale fanden sich auch ihre Hände zusammenj und solcher Art war die schnelle Sympathie zwischen diesen schönen Geschöpfen, daß sie sich nicht wieder trennten. Plötzlich, von ihrer warmen Berührung und Nähe in Leidenschaft entflammend, von der Furcht, daß er sie jetzt zum letztenmale sehe, angestachelt, gestand er ihr, daß er zum erstenmal im Leben die Bedeutung der Liebe erkannte. „O, wenn Du meine Liebe nur erwidern würdest," stammelte er mit trockenen Lippen. „Aber nein, das wäre für einen Mann in meinen Jahren zu viel erhofft. Aber flüstere mir wenigstens zu, daß ich Dir nicht widerwärtig bin." Sie war im Begriffe zu antworten, als er ihre Hand fallen ließ, und sie mit einer Geberde unterbrach, die so plötzlich war, wie sein Geständniß. „Nein, antworte mir nicht, nicht eher, als bis ich Dir gesagt habe, was die Ehre mir verbietet, Dir zu verschweigen!" Und während ihr Gesicht vor Grauen und Mitleid zuckte, erzählte er ihr die Geschichte seines Bannes und seiner langen Einsamkeit. „Jetzt antworte mir," sagte er beinahe strenge. „Könntest Du einen solchen Mann lieben, einen Mann, den seine Raffe verfehmt hat, der Allen ein Spott ist, mit dem zu sprechen sogar eine Sünde gegen Gott ist?" „Sie würden uns nicht trauen," hauchte sie hilflos. „Aber könntest Du mich lieben?" Ihre Augen senkten sich, während sie hauchte: „Wegen Deiner Leiden — noch mehr!" Aber selbst in der Verzückung über dieses Geständniß hatte er das eisige Bewußtsein, daß sie die Tragweite nicht begriff, daß sie, da sie nie in einer unverfolgten jüdischen Gemeinde gelebt hatte, kein wirkliches Berständniß ihrer Verfolgungsmacht besaß. Aber sie brauchten ja jetzt nicht in Amsterdam zu bleiben; sie würden an irgend einem entlegenen Orte miteinander leben, in der Religion der wahren Vernunft, die er sie lehren würde. So fanden sich ihre Hände wieder und einmal auch ihre Lippen. Aber nun mußte diese plötzlich geborene, plötzlich entstandene Liebe auch dem Vater gestanden werden und das that Uriel mit dem ihm charakteristischen Ungestüm,. sobald der alte Arzt erwachte. „Gott steh' mir bei!" sagte Dom Diego. „Träume ich noch immer?" ' Dieses Gefühl verstärkte sich, als Uriel anfing, die Geschichte seiner Excommunicaiion zu wiederholen. „Und ist der Bann noch immer in Kraft?" unterbrach er ihn. „Er ist noch nicht von mir genommen worden," antwortete Uriel traurig. Der stämmige, graubärtige Mann sprang auf. „Und mit einem solchen Brandmal auf der Stirn wagst Du mit meiner Tochter zu sprechen?!" „Vater!" schrie Janthe. „Was, Vater!" Er hat uns unter falschen Vorwänden hiehergelockt, er hat uns das feierliche Decret der Synagoge verletzen lassen! Er ist verfehmt, er und sein Haus und seine Speisen! Sünder, was ist's mit den Gerichten, die Du uns vorgesetzt hast? Ist Dein Fleisch rituell zubereitet?" „Wie, Du, ein Mann von Bildung kümmerst Dich um diese kindischen Dinge?" Herausgeber: Paul Naschauer. — Verantwortlicher Redacteur 2 „Kindische Dinge? Warum habe ich denn mein Portugal verlassen?" „Alle Ceremonien sind der wahren Vernunft zuwider," sagte Uriel mit leiser Simme und sein Gesicht war todtenbleich geworden. „Jetzt erkenne ich, daß Du unsere heilige, schöne Religion nie verstanden hast. Ein Mann von Bildung, fürwahr I Ist nicht unsere Amsterdamer Gemeinde voll von gelehrten Männern — Grammatikern, Poeten, Exegeten, Philosophen, Juristen? Aber merk' wohl auf, sie sind Fleisch und Blut, nicht Diagramme, aus dem Euklid ausgeschnitten I Woher rührt die Cohäfion unserer Rasse? Vom Ceremonialgesetz! Was bewahrt und einigt ihre durch die ganze Welt zerstreuten Atome? Das Ceremonialgesetz? Und was ist das Ceremonialgesetz? Poesie. Es ist die Tradition, die aus dem grauen Alterthum überliefert ward; es ist die Farbe des Lebens." „Es ist eine unselige Knechtschaft!" fiel Uriel etwas schwächer ein. „Unselig? Nicht doch, ein seliger Dienst. Hast Du nie am Freudenfest der Thora getanzt? Wer ist so fröhlich, wie unsere Brüder? Wo gibt es einen so heiteren Glauben?" „Aber Du wirst doch nicht jede Erfindung der Rabbiner anerkennen? Sicherlich hast Du in Oporto nicht Alles geübt?" „Ich hielt, was ich halten konnte, ich glaube, was ich glauben kann. Wenn ich auch meine Privaten Zweifel habe — warum soll ich sie verkündigen, um damit die Gemeinde zu beunruhigen? Hier in dieser selben Stadt habe ich einen Freund — ich will keinen Namen nennen — allein, ich wette, er ist ein größerer Ketzer als selbst Du — aber erschüttert er den Frieden der Gemeinde? Nein, er nimmt eine hohe Stelle in der Synanoge ein, er ist ein Segen für die Judenheit und vertraut mir seine Zweifel in elegant geschriebenen, lateinischen Episteln an. Nein, nein, Senor da Costa, die Welt liebt keine Mauerbrecher!" Während der alte Arzt so sprach, begann Uriel eine trübe Ahnung aufzugehen, daß er das menschliche Leben falsch verstanden, es zu ernst genommen hatte und in seinem Herzen entstand das hohle, schmerzliche Gefühl eines vergeblichen Opfers. Dazu kam der Argwohn, daß er auch das Judenthum falsch verstanden, die Poesie und Menschlichkeit hinter den Formen nicht erkannt habe. Während er sehnsüchtig in Janthe's zartes, umwölktes Gesicht blickte, fühlte er, wie das alte, romantische Gefühl der Bruderschaft sich wieder in ihm regte. Wie wunderbar wäre es, mit Janthe verschmolzen, wieder in seiner Rasse aufzugehen I Aber die wahre Vernunft tauchte erbarmungslos wieder auf und er erkannte, daß seine Gedanken nicht mehr zurückgehen, daß er nie mehr in eine Offenbarung irgend welcher Art Vertrauen setzen könne. „Ich will ein Affe unter Affen sein I" dachte er. XI. Je mehr er, nachdem Dom Diego empört den Staub seiner Schwelle von den Füßen abgeschüttelt hatte, über diesen Entschluß nachdachte, desto stärker wurde er in ihm. Ja, die bitterste Rache wäre es, die Judenheit zu überlisten, ihren Idealen mit den Lippen zu dienen und sich heimlich darüber ins Fäustchen zu lachen. Auf diese Weise könnte er auch ihre gefürchtete Absicht, seinen Besitz mit Beschlag zu belegen, umgehen. Das war Betrug? Ei, dann war es die Schuld Derer, die ihn dazu trieben, die ihm nur das Leben eines Aussätzigen ließen. (Fortsetzung folgt.'! An unsere Leser! Nach Beendigung der Erzählung „Uriel Aeosta" von I. Zangwill bringen wir die ausgezeichnete Novelle Chawa IltiMtt von I. Okonski. Die Redaktion. S. R. Landau — Druck der „Gesellschaft für graphische Industrie."

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