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Die Welt · 1897-07-23 · 8 (23.7.1897) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
8 (23.7.1897)
Article
Einer jüdischen Antisemitin
Date
1897-07-23
Page
14 (sequence 1)
Language
German
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Seite 14. Nr. 8. trostlose Lage der Juden hierzulande, die neuen Gesetze, die den Ruin der Juden herbeiführen. Es sind dies „das Alkohol- und Arbeiter-Gesetz": Ersteres verbietet allen Fremden (worunter die Regierung nur die Juden versteht) den Verkauf von Alkohol, wodurch sehr viele Juden brotlos werden; das zweite verbietet Jedem, der nicht 4 Primar-Classen durchgemacht, als Meister zu arbeiten und da die vielen Meister, denn Christen gibt es sehr wenige Hier, die diese nicht haben können (die öffentlichen Schulen sind den Juden geschlossen), so werden alle jüdischen Meister gezwungen sein, sich bei ihren christlichen Collegen nach Gutdünken zu verdingen. Die Versammlung endete in einer begeisterten Kundgebung für den Baseler Congreß. Tluste, 13. Juli. Auf Anregung des Herrn 8tuä. pnil. B. Wachstein wurde hier ein Verein „Zion" gegründet. Um die Constituirung haben sich die Herren M. Sternschuß, E. Weinschel und F. Pfeffer sehr verdient gemacht. — Unsere wackere zionistische Jugend, die jetzt bei Beginn der Ferien sich von den Hochschulen in alle Gegenden zerstreut, trägt die Idee in die breitesten Schichten und entwickelt dort*eine rege Agitation. Der hiesige Verein „Zion" ist der Erfolg einer solchen Agitation. Die akademische Verbindung „Kadimah" feierte Samstag, den 17. d., das schöne Fest einer Doppelpromotion. Die Herren Doctoren der Rechte, Goldberg und Silbermann, verabschiedeten sich von ihren Bundesbrüdern, und die in Wien weilenden „alten Herren,, der Verbindung benützten die Gelegenheit, um durch ihr corporatives Erscheinen an der Festkneipe ihre innige Solidarität mit der „Kadimah" zu beweisen. Herr Moritz Bauer, Rabbinatscandidat und gewesener Prüfendes theologischen Vereines in Wien promovirte Dienstag, den 19. d., zum Doctor der Philosophie. Rzeßow. Die im Vereine „Chowewe Zion" hier am 17. Juli anläßlich eines Vortrags vom Herrn Adolf Stand, Redakteur der „Przyßlosz" in Lemberg, über das Thema „Die modernen Strömungen im Judenthume", stattgefundene Zionistenversammlung, welche nebenbei bemerkt großentheils sich aus der studirenden, wie der Handelsjugend recrutierte, faßte auf Anregung des Prälegenten folgende einmüthige Resolution. „Die am 12. Juli 1897 tagende Zionisten-Bersammlung begrüßt aufs freudigste den Gedanken der Einberufung eines Welt-Zionisten- Congreffes in Basel. K. Kurzmaun, CH. Weiuia, Vorsitzender der Versammlung. Vereins-Obmann. Ieuill'eton Gmer jüdischen Antisemitin. „Meine Gnädige, Sie find eine Antisemitin." „Sie scherzen, mein Herr, ich bin doch eine Israelitin!" „Das heißt: ,Sie füllen im Meldzettel die Rubrik .Religion' mit .mosaisch' aus. aber wenn Sie das Wort Jude oder Jüdin hören, da erschauern Ihre Nerven." „Je nun, man will doch nicht immer daran erinnert/ werden." „Warum nicht?" „Weil die Anderen mit dem Worte etwas Geringschätzendes verbinden." „Sollte nicht das Selbstbewußtscin, der Stolz auf die Zugehörigkeit zum jüdischen Volke, gegen solche Geringschätzung unempfindlich machen?" „Sie scherzen Wohl? — Stolz. — Warum nicht gar? Man trägt das, weil cs nicht zu ändern ist — und schließlich, unter uns darf man es ja sagen: Die Christen haben Recht.' Die Juden besitzen wirklich solche Eigenschaften — gewisse unangenehme Eigenthümlichkeiten-". „Gegen die ich ein Mittel weiß." „... Ah! da wäre ich neugierig." „Aendern Sie sich, meine Gnädige. Legen Sie die ge-- wissen Eigenthümlichkeiten ab!" „Aber, mein Herr, das ist ja...." „Unverschämt, ich weiß! Aber diese Antwort gebe ich' jedem jüdischem Antisemiten. Und glauben Sie mir, wenn jeder Jude, der so denkt, wie Sie, mit der Besserung bei sich ent« finge, dann wären wir ein wahrhaft auserlesenes Volk. . ." „Dann geben Sie ja zu ..." „Nein, ich acceptire nie ein generalisircndes Urtheil, aberich will mit dieser Grobheit Folgendes sagen: Wenn Sie daran glauben, daß die Juden allgemeine Fehler und Unarten besitzen, dann sind Sie doch' gewiß keine Ausnahme! Ist Ihr Urtheil jedoch genau so falsch, wie das der Christen, die das Gebrechen eines Israeliten allen Juden in die Schuhe schieben, dann ist dieses Generalisiren gerade bei einer Jüdin ein solcher Fehler, daß man nur auf's wärmste anetnpfehlen kann, ihn abzulegen." „Sic sind nicht nur grob, sondern auch sophistisch!" „Nein, ich bin nur logisch und verfolge meine Gedanken mit unerbittlicher Hartnäckigkeit." „Wenn Sie sich bessern, meine Gnädige, dann kann uns Juden geholfen werden." „Bevor ich Sie jedoch anklage, will ich auch das ansühren.s was Sie zu entschuldigen vermag. Wir leben so intim mit; unserer christlichen Umgebung, stehen von Jugend auf so stark unter dem Einflüsse des Christenthums und haben uns seine Denkweise so sehr zu Eigen gemacht, daß wir sogar sein Urtheil über uns zu unserer eigenen Anschauung erhoben. Was ist die Folge? „Sie sind stolz, wenn man Ihr Aussehen für nicht jüdisch hält; Sie sind glücklich, wenn Christen mit Ihnen verkehren; Sie vermeiden den Verkehr mit Juden, die — wie Juden aussehen; Sie zittern, wenn man auch nur vor Ihrem Dienstboten sagt: ,Wir Juden'; Sarah, Rebekka rc. weichen der Elsa, der Gertraude. Das merkt der Christ, und indem er findet, daß der Jude selbst das Judenthnm wie etwas Geringwerthiges versteckt, ist er beim bestenWillen außerStande, sein Urtheil über uns zu ändern, ein Urtheil, das er von den Jahrhunderten übernahm, deren Druck hart auf uns lastete, uns äußerlich degradirte und oft deformirte. Aber Sie verschulden noch Schlimmeres, meine Gnädige! Ich fürchte, Sie stimmen den Christen in ihren abfälligen Urtheilen über die Juden bei, wenn nur Ihre werthe Person ausgenommen wird. Und das ist symptomatisch für die Juden unserer Zeit! Wenn man nur die eigene Haut salvirt hat — die Anderen mögen zusehen, wie sie sich retten. Aber wie immer Sie es anstellen mögen, glauben Sie ja nicht, daß man Ihnen die Jüdin je vergißt. ..." „Ja, mein Gott, was soll man denn thun." „Was man thun soll? Vor allem muß man sich mit dem ganzen Stolze der Zugehörigkeit zu einem uralten Culturvolke wappnen. Dann lerne man gründlich die Geschichte und die Sittengesetze seines Stammes; denn das gehört genau so zur Bildung, wie die Kenntniß des Homer oder der deutschen Classiker. Jeder anständige, gebildete Engländer kennt die Bibel gründlicher als die modernen Juden. Und wenn man erfüllt ist von dem hohem Geiste des Judcnthums, dann gehe man hin und bekenne frei und offen, stolz und sicher: ,Jch bin eine Jüdin und bin es gerne'. Sie verziehen das Gesicht? Probiren Sie cs nur, meine Verehrte, es thut nicht weh! Das ist so, wie mit den Brcnnesseln; wenn man sie streichelt, dann erzeugen sie Schmerzen, packt man sie aber mit fester Hand, dann brennen sie nicht. Lernen Sie die Selbstachtung, Madame, und Sie werden staunen, wie bald die Anderen Sie schätzen lernen. Dieses Bekenntniß wird Ihnen und uns auch nach anderer Richtung hin nützen. Die Frau als solche vermag nicht gleich uns Männern der harten Pflicht zu dienen, für sie ist der kategorische Imperativ kein Lebensinhalt, sie verlangt vom Dasein auch Emotion, Expansion oder — sagen wir Poesie." „Darin liegt ja die Stärke des Katholicismus, daß er nicht nur die Frau als solche poetisch verklärt, sondern auch ihr Bedürfniß nach Emotion vollauf befriedigt." „Das neue Judenthum, das eigentlich ein altes, abwelkendes, sterbendes ist, hat uns Alles geuommen, was das frühere Judenthum reichlich gab, und cs hat uns nichts geboten, was das Herz zu erquicken vermöchte. Früher war die Jüdin gebunden, man schnitt ihr die Haare ab, sie war unfrei. Jedoch die Ausübung der religiösen Satzungen, die Erfüllung der Liebespflichtcn, die das Leben in der Kahilla erforderte, die umständlichen Festvorbereitungen, dann die Weihe der Feste selbst mit ihrer starken Emotion und ihrer hohen Poesie und endlich die intensive Pflegdes Familienlebens — das füllte ihr Leben aus. Nun ist das Alles abgefallen, sie ist freier und will, da sic ein anderes Leben führt, die ganze Lebensführung der christ-

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