Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 8 (23.7.1897)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1897-07-23
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 8. Seite 13. Ueber die Lage der Juden in anderen Ländern wird berichtet: „Es hat weder irgend welche Judenverfolgungen gegeben, noch hat die j judenfeindliche Bewegung irgendwie besonders an Umfang zugenommen; wenn sich auch andererseits die Lage der Juden dort, wo ihnen die Staatsbürgerrechte entzogen sind, in keiner Weise verändert hat." Zu dieser crassen Unkenntniß der Lage der Juden in Europa bemerkt der „Jewish World": Das sind Milch- und Wasserphrasen. Der Vorstand glaubt also, daß der Antisemitismus in Deutschland ruht, obwohl er 'sich wiederholt fühlbar gemacht hat. In Oesterreich triumphirt er; wir sehen eine Judennoth in Griechenland, es kommen zu uns die ärgsten Nachrichten aus Persien, in Marocco werden die Juden gemordet und in Tripolis geht's ihnen nicht besser. Fürwahr dieser Ausblick ist nicht so angenehm." Sollte die „Association" wirklich nicht wissen, was jenseits des Canals vorgeht? Da wundert es uns nicht, daß für sie der Zionismus noch nicht actuell ist. — Wir lesen in der „Ungarischen Wochenschrift" von M. Dornbusch: Der Redacteur unseres Blattes hat am jüngsten Dienstag den Reichstagsabgeordneten Dr. Soma Visontai aufgesucht, 'um ihn zur Aeußerung seiner Ansichten über den Zionismus in diesem Blatte einzuladen. Warum wir uns in erster Reihe gerade an diese hervorragende Persönlichkeit unseres öffentlichen Lebens gewendet haben, zumal auch die übrigen jüdischen Abgeordneten des ungarischen Reichstages der Judenschaft Ungarns und dem Judenthume überhaupt zur Zierde gereichen, hat seinen Grund darin, daß dieser gewiegte Parlamentarier und ausgezeichnete Jurist sich bisher sowohl nt seiner politischen Laufbahn, als auch in seinem Berufe, als nach jeder Richtung unabhängig bewährt hat. Aber noch ein wichtiges Moment trat hinzu, um unseren Entschluß zu beeinflußen. Dr. Visontai ist das einzige jüdische Mitglied unseres Reichstages, das zur Opposition gehört und im Parlamente in jener Bankreihe sitzt, an die sich selbst die verbissensten Corruptionsriecher und hirnverbranntesten Chauvinisten nicht einmal mit dem leisen Schatten eines Verdachtes in Betreff der Principientreue und des Patriotismus heranwagen. Dr. Visontai sagte: „Wer kann es leugnen, daß die Juden ursprünglich eine nationale Rasse bilden, die ihre eigene Geschichte hat, und deren Mission noch lange nicht abgeschlossen ist! Die jüdische Tradition ist eine nationale, alle jüdischen Feste und die damit verbundenen Gebete sind nationalen Charakters. Diesen kann dem Judenthume Niemand absprechen. Aber die heutigen Juden gleichen lange nicht mehr ihren heldenmüthigen Ahnen, und deshalb ist es zumindest zweifelhaft, ob sich viele von ihnen zum Ideale eines Dr. Herzl erheben können. Man müßte sie, nicht wie Moses vierzig, sondern etwa vierhundert Jahre durch die Wüste führen, um sie wieder für die Idee eines Judenstaates empfänglich zu machen. Die Juden des Orients, unsere kriegerischen Glaubensgenossen in Afrika u s. w. wären auch heute noch die richtigen Elemente eines jüdischen Staates. — Was den Zionismus als Hilfsmittel für die verfolgten Juden Rußlands und anderer Länder betrifft, begrüße ich denselben ohne jeden Vorbehalt, und ist es eine humanitäre Pflicht aller Gutgesinnten, ihn nach Kräften zu fördern und ausgiebigst zu unterstützen." Ueber „Die ungarischer: Juden und den Handel" bringt der „Nemzet" ein sehr interessantes Feuilleton aus der Feder Ludwig Uermönyi' s. Dasselbe enthält eine Fülle von originellen historischen und culturgrschichtlichen Daten, die wir unseren Lesern in deutscher Übersetzung auszugsweise mittheilen wollen. Besonders interessant sind die Ausführungen des Verfassers über die erste Einwanderung der Juden in Ungarn: „Die Zeit, in welche das erste Auftreten der Juden in Ungarn fällt, ist vollkommen in Dunkel gehüllt. Der älteste Geschichtsschreiber Ungarns, der Anonymus König Böla's, dessen Werk von der Zeit vor dem IX. Jahrhundert kaum etwas enthält, macht von den Juden gar keine Erwähnung. Ebenso macht es auch der zweite Chronist, Thuröczy, der kaum etwas von den Juden sagt. Diesbezüglich sind wir auch mit den Werken der ausländischen Schriftsteller, welche Ungarn und dessen Geschichte behandeln, nicht viel besser daran. Die römischen und griechischen Historiker kannten wohl Ungarn, das damalige Pannonien, aber von den dort wohnhaften Juden wußten sie nichts. Trotzalledem waren zweifellos schon vor der Krönung des heil Stephan Juden in unserem Vaterlande, da Fürst Taksony im Jahre 970 zum Ersätze der in Folge der vielen auswärtigen Kämpfe zusammengeschmolzenen Kriegerschaar verschiedene Volksstämme ins Land rief, darunter auch die Kalizier. Engel sagt, daß die Kalizier ein Volksstamm der Konfession Mosis waren und auch Gebhardt hält sie für Juden. Die Kalizier waren demnach freie Krieger, welche unter der Führung ihres Stammhäuptlings an allen Angelegenheiten des Friedens und des Krieges theilnahmen. Dies ist umso glaubwürdiger, als ein Theil der Juden unter dem Regime der Arpäden ebenso Grundbesitz erwarb als die Uebrigen. Außerdem mochten noch Bezirkschefs (Obergespäne) und Führer der von ihnen beigestellten Bewaffneten sein. Der jüdische Lomes (Obergespan) Toha war unter Andreas II. zwischen 1220 bis 1230 einer der reichsten Grundbesitzer. Diese gleichberechtigte Stellung eines Theiles der Juden hörte jedoch nach dem Aussterben der Arpöden auf. König Böla IV. regelte nach dem Abzug der Tartarenhorde im Jahre 1251 die bürgerliche Stellung und die Rechtsverhältnisse der Juden. Zu diesem Zwecke gab er den sogenannten königlichen Freiheitsbrief heraus, welcher in zwanzig Punkten von den Juden spricht. Der Freibrief Belass wurde bis nach der Mohäcser Katastrophe in Ehren gehalten. Eine Ausnahme machte nur Ludwig der Große, der von den Juden den Uebertritt zum Christenthume oder deren Auswanderung nach dem Auslände verlangte. Die Verordnung hatte jedoch keinen Erfolg, weil sie nicht strenge durchgeführt wurde, zum Theile wegen der Bannerherren und Adeligen, welche vielen Juden gegenüber' finanzielle Verpflichtungen hatten. Daß die Juden auch Freunde der Veranstaltung von prächtigen Ceremonien waren, beweist am besten der Empfang Mathias Hunyadis. 1476 ersolgte die Vermählung Mathias mit Beatrix, Prinzessin von Neapel. Gelegentlich dieser Heirath zeigte sich die Prachtliebe Mathias in ihrer Vollkommenheit. Alles, was jene Epoche in Sachen des Glanzes aufzuweisen hatte, wurde hier in verschwenderischer Pracht zusammengetragen und auch die Ofner Juden zollten der Hebutlg des Festes ihren Tribut. Gelegentlich des Einzuges des Königspaares in Ofen empfingen die Ofner Juden dasselbe in folgender Weise: An der Spitze der Gemeinde der greise Präsident zu Pferde, ein silbernes Schwert in der Hand, von welchem ein zehn Pfund schwerer, mit Silber gefüllter silberner Korb herabhing. Diese mit Geld gefüllten Körbe dienten als Gelegenheitsgeschenke. Neben dem Vorstand ritt dessen Söhn gleichfalls mit einem solchen Schwerte und Körbchen. Tann folgten 24 jüdische Reiter, alle in gleichförmigen kastanienbraunen Gewändern, die Hüte mit drei Straußfedern geziert. Ferner folgten zweihundert Mann zu Fuß, um eine rothe Fahne geschaart, auf welcher der Fuß einer Eule mit Krallen und zwei goldenen Sternen, über welchen die jüdische Tiara sichtbar war. Die Juden erschienen mit dem Gebetmantel bedeckt Die Aeltesten der Gemeinde standen unter einem Zelte, tmt welches sich die Jüngeren schaarten. Bei Ankunft. des Königspaares setzte sich der ganze Festzug in Bewegung, wobei die Thora vorangetragen und jüdische Gebete laut gesungen wurden." Nach der Mohücser Katastrophe nahmen die religiösen Reibereien sofort ihren Anfang und auch für die Juden kamen schlechtere Tage. Der Freibrief König Belas hatte seine Giltigkeit verloren und die Juden wurden bis zur Zeit Josef's nur als geduldetes Volk betrachtet. Um diese Zeit trat eine Erleichterung für sie insoferne ein, als sie mit den Nichtadeligen in einen Rang gesetzt wurden. In diesem Jahrhundert forderte:: jedoch die Komitate immer lauter die Aufhebturg der Sonderstellung der Juden und wurden den Delegirten des 1839— 40er Reichstages diesbezüglich liberale Weisungen ertheilt. Der Autor kommt nun auf die Ereignisse des Jahres 1848 51t sprechen und bezeichnet dieses Jahr als dasjenige, welches berufen war, die Gleichberechtigung auch auf die Juden auszudehnen. „Ihre Beschäftigung betreffend wurden die Juden am Bezeichnendsten durch e neu am Ende der Siebziger-Jahre gethanen Ausspruch eines ungarischen Staatsmannes charakterisirt: der Betreffende sagte, er wisse nicht, wie in Ungarn überhaupt der Handel ohne Juden best ehe n könnte. Ebenso wie dies ttt der Gegenwart der Fall ist, bildete der Handel auch in der Vergangenheit den wichtigsten Beschäftigungszweig der ungarländischen Juden. Sie standen schon seit der Zeit der Arpädianer, allerdings für theures Geld, unter dem unmittelbaren Schutze der Könige, was ihnen aber nicht viel genützt hätte, hätte ihnen nicht auch der ungarische Adel seinen wirksamen Schutz angedeihen lassen. In Folge ihres angeborenen oder anerzogenen Geschäftsgeistes, sowie ihrer ausgebreiteten ausländischen Verbindungen konnten die Juden einerseits die Landesprodukte leichter an den Mann bringen und andererseits vermochten sie vom Auslande die damals so kostbaren Luxusartikel leichter beschaffen. Deshalb fand man denn auch auf jedem adeligen Besitze einige Juden, welche die Geschäfte des Edelmannes leiteten und unter seinem Schutze standen. Auch mit dem Orient unterhielten die ungarischen Juden einen regen Handelsverkehr, wie denn auch ihr Binnenhandel ein ausgebreiteter war, trotzden: ihrem Detailhandel in den Städten manche Beschränkung auferlegt war. So z. B. war es der: Preßburger Juden verboten, mit Pferden und mit Feintuch zu handeln; den Ofner Juden war es unter Strafe der Confiscirung untersagt, bei fremden Handelsleuten einzukaufen. In Ofen war auch das Hausiren verboten; die Juden dursten ihre Verkaufsartikel nur einmal in der Woche und nur in der Judengasse zu Markte bringen. Während der Türkenherrschaft befanden sich die Ofner Juden im Besitze des Salz-, Fleisch- und Weinverschleißrechts. Auch gab es türkische Fleischhauer, welche Koscher-Fleisch ausschroteten. Der einträglichste Handel der Juden aber war das Geldgeschäft und zwar vornehmlich das Geldwechseln, welches mit großem Gewinn verbunden war." -- Vereinsnachrichten. Jassy. Unter dem Eindrücke des nahenden Congresses hat sich der Zionistenverein „Doresch Lezion“, der vor vier Jahren zu existiren aufgehört hatte, auf's Neue unter dem Namen „Chowewe Zion“ constituirt. An der Spitze desselben stehen die Herren Dr. Lippe, Moses Mattes, M. I. Düpp, Jacob Hirschensohn u. A. Sonntag den 11. d. fand eine öffentliche Versammlung im Tempel „Cantar" statt. Der Tempel war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Dr. Nacht legte die Ziele des Zionismus dar und verurtheilte auf's Schärfste das Vorgehen der „Protestrabbiner". Dr. Lippe besprach die