Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 8 (23.7.1897)
- Article
- London [Nachricht]
- Date
- 1897-07-23
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. jpt^wac Nr. 8. wurde, nicht angeführt. — Die Season ist zu Ende. Viele Herren, die stch mit der Judenfrage beschäftigen, nehmen ihre Ferien. In der „Anglo Jewish Association" erklärte der Delegirte der „Jewish Colonisation Association", daß diese für die Juden in Rußland nichts thnn könnten. Die Herren können überhaupt nicht viel thnn. Da wurde drei Monate lang von einem Aufsichtscomits Alles aufgeboten, damit ein gewisses antisemitisches Buch nicht in London erscheine und jetzt wird gemeldet, daß es in New-Aork erscheinen wird. Die persischen Juden wurden inzwischen mißhandelt. Jede Woche bringt uns Nachrichten von Judenverfolgungen an verschiedenen Orten und manche Herren, welche die Wächter des Judenihums vorstellen, begnügen sich damit, die wirklich geringe Unannehmlichkeit der Herausgabe eines antisemitischen Buches zum Gegenstand ihrer Arbeit zu machen. Liverpool. (Orig.-Corr.) Neben dem bereits bestehenden Verein „Dorsche Zion" wurde hier Mitte Juni noch ein jüdischnationaler Volksverein „Agudas Haam" (Volksbund) gegründet. Anfangs Juli fand die constituirende Versammlung statt. Mr. Halpern fiel die Aufgabe zu, den Versammelten die Tendenz des Vereines zu erklären. Er entledigte sich dieser Aufgabe in einer zweistündigen Rede, die mit großem Beifall ausgenommen wurde. Sie war ganz zionistisch. Nur Palästina ist der einzige Ort — sagte Redner — wo das jüdische Volk geistig und moralisch regnerirt werden kann. Amerika. Rew-Aork. (Orig.-Corr.) Wir haben hier, was die zionistische Bewegung anbelangt, eine ereignißreiche Woche hinter uns. Eine Woche, welche die Gegner des Zionismus davon überzeugen mußte, daß ihre Scheingründe nicht hinreichen, um eine Bewegung einzudämmen, welche nicht allein von Nothwendigkeiten hervorgerufen worden ist, sondern auch das Herz aller Juden an der empfindsamsten Stelle getroffen hat. Aber auch die Freunde des Zionismus konnten aus den Ereignissen der Woche eine erfreuliche Lehre schöpfen, die Lehre, daß der Zionismus von den hierortigen Juden in seiner wirklichen Bedeutung erfaßt worden ist und der Schwerpunkt der Bewegung nicht in der confessionellen, sondern in der nationalen Zusammengehörigkeit liegt. Den orthodoxesten Juden war es beschieden, diese Woche in einer Orthodoxen-Synagoge orthodoxe, reformirte Redner und auch Freidenker vor dem Altäre sprechen zu hören und für den Zionismus eintreten zu sehen. Und solange der Redner mit warmen Worten für den Zionismus eintrat, wurde ihm zugejubelt, unbekümmert darum, ob er seinen Stand- Punkt aus religiösen, nationalen oder wirthschaftlicheu Gründen vertrat. Die hiesige Chowewe Zion, die, wie ich schon in einem früheren Briefe berichtet habe, vorwiegend aus von Rußland ausgewanderten Glaubensgenossen besteht, hatte für letzten Sonntag in die „Chrystin - Street - Synagoge", die orthodoxeste in der Stadt New-Iork, eine Massenversammlung einberufen, an welcher sich mehr denn 1000 Personen betheiligten. Mayer London eröffnete die Versammlung, deren Ziele er in der russisch-jüdischen Jargonsprache ausführlich erörterte. Nach ihm sprach Rabbi M. Kopfstein, der in seinen einleitenden Worten sich gewissermaßen entschuldigte, daß er als Reformrabbiner in einer Orthodoxen-Synagoge das Wort ergreife. Aber auch unsere Feinde, so sagte er, fragen nicht darnach, ob wir Reformer oder Orthodoxe sind, und deshalb müssen auch wir alle uns zur Vollziehung des Eilösungswerkes verbinden. Redner erbrachte dann mit Citaten aus dem Talmud den Nachweis, daß die zionistische Bewegung selbst in dem Talmud ihre Berechtigung findet. Der nächste Redner Rabbiner Friedmann zeigte den Anwesenden die Schätze des Talmud und erinnerte daran, daß diese Schätze nur von einem freien Israel in Reinheit bewahrt werden können. Eine große Bewegung entstand, als hierauf der Redacteur der „Toleranz", Michael Singer vor den Altar trat. Er betonte, daß es ihm schwer falle, nach den talmudischen Ausführungen seiner Vorredner eine Ansprache zu halten. Dennoch wolle er dem Beispiele seines Vorredners Rabbi Kopsstein nicht folgen und seine Anwesenheit nicht entschuldigen. Ich bin hier, sagte er, weil ich hier sein muß. Ich bin hier, weil ich ein Recht habe, hier zu sein, und weil der Platz, wo die frömmsten Juden Muth, Hoffnung und Begeisterung schöpfen, der geeignetste Ort ist, um über Wahrheit i.nd Recht zu sprechen. Ich bin nicht hier, um Ihnen zu bev eisen, daß auch ich Jude bin und mit talmudischen Sätzen könnte ich es überhaupt nicht beweisen. Die Beweise ruhen in der tiefften Tiefe meines Herzens! Es ist die Liebe zu meinem Stamme, Und nicht als Reformer oder Freidenker spreche ich hier zu strenggläubigen Juden, sondern als Stammgenosse zu Stammgenossen. Hier, vor dem Altäre stehend, welchem Sie sich nur in heiligster Ehrfurcht nähern, erkläre ich offen, daß ich in religiösen Dingen allerdings von Ihnen sehr abweichend denke, daß aber jede Faser meines Körpers der Judenheit gehört, jener Judenheit, die wir nicht allein vor unseren nichtjüdischen Feinden schützen müssen, sondern auch vor den Juden, die da angaben, die Judenheit zu v e rtreten, in Wahrheit aber dieselbe zertreten. Redner erging sich hierauf in längerer Erörterung des Herzlichen Planes und skizzirte die Bedeutung des Baseler Congresses, welchen nicht allein die Freunde unserer Bewegung, sondern auch die ehrlichen Gegner beschicken sollten. Und ist es nicht eine eigenartige Fügung des Schicksals, daß derartigen Vertretern der Judenheit gegenüber sogenannte „glaubensarme" Zionisten erstehen müßten, um das Judenthum vor dem Verfalle zu erretten, um die Juden aufzurütteln und zum Bewußtsein ihrer Existenz zu bringen? Redner schloß unter lebhaftem Beifall mit dem Hinweis, daß nur ein nationalgeeinigtes, national erstarktes Judenthum die Reinheit der Religion zu bewahren vermag und daß der zu errichtende Judenstaat nicht blos ein Asyl für drangsalirte Juden, sondern auch eine Zufluchtsstätte für die drangsalirte Religion werden wird. Ueberaus interessant waren die Ausführungen des nächsten Redners, eines freidenkendcn Geschäftsmannes, Namens Julius Gott lieb. Seit zwanzig Jahren, so sagte er, war ich in keiner Synagoge und seit ebenso langer Zeit habe ich mich um religiöse Dinge nicht gekümmert, und heute, da wir zusammengekommen sind, um über die Lage der Juden zu berathen, erkenne ich mit meinem Verstände, empfinde ich mit meinem Herzen, daß ich durch und durch Jude bin. Und so wie es mir ergeht, dürfte cs Anderen ergehen. Und angesichts solcher Erscheinungen wagt man es zu bchaupten, daß der Zionismus das Judenthum schädigt! Eines, so schloß Redner, verstehe und begreife ich nicht. Ich begreife nicht, daß nran uns Juden die Nothwendigkeit der Errichtung eines Judenstaates erst erklären muß. Fühlen wir nicht Alle, daß unseres Bleibens inmitten anderer Völker nicht länger ist! Die studentische Vereinigung „Junge amerikanische Zionisten" hielt ebenfalls eine gut besuchte Versammlung ab. Die Leiter der New-Iorker Bewegung, die Herren Singer und Kopfftein waren auch bei dieser Gelegenheit die Hauptredner. Unter dem Einflüsse der Versammlung hat sich sofort ein neuer Verein gegründet. Ucberdies sind in Broklyn, New- Iork, Jerseycily zionistische Vereine im Entstehen. Der Mittelpunkt bleibt natürlich unser „Ccntralverein", dessen Executive sich aus Delegirten der einzelnen Vereine zusammensetzt und ergänzt. Das Interesse für den Zionismus wächst von Tag zu Tag und bildet hier das Tagesgespräch und es ist außer Zweifel, daß die amerikanische Bewegung, trotz oder vielleicht zufolge ihrer heftigen Opponenten, für die Resultate des Zionismus ausschlaggebend werden wird. Zeitschriften-Rundschau. — Die „Anglo-Jewish Association" hat dieser Tage ihren 26. Jahresbericht veröffentlicht. Da die Thätigkeit der Gesellschaft eine doppelte, u. zw. eine erzieherische und eine politische ist, so zerfällt der Bericht dementsprechend in zwei Theile. Im politischen Theil wird vorerst ans die sehr günstige Lage der Juden in der Türkei hingewiesen. „In keinem Theil des türkischen Kaiserreiches ist irgend eine Judenverfolgung vor gekommen. Der Vorstand kann, wie im vorigen Jahre, mit Befriedigung constatiren, daß der Sultan sein wohlwollendes Verhalten gegenüber den Juden im Allgemeinen, sowie gegenüber einzelnen Juden, die in seinem Staate hohe Stellungen einnehmen, nicht geändert hat?