Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 8 (23.7.1897)
- Article
- Jassy [Nachricht]
- Date
- 1897-07-23
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8. Pie$W&‘ Seite 11. genommen zu haben. Ich habe in diesem Schuljahre die Zahl der taxfrei besuchenden jüdischen Kinder in den hiesigen unteren Knaben- und Mädchenschulen in bedeutender Anzahl beobachtet. Die Schullehrer selbst gehen den armen jüdischen Schülern mit Rath und That an die Hand. Zahlende Schüler pflegten früher unbarmherzig aus der Schule geschickt zu werden, wenn die Eltern den Termin zur Einzahlung der Taxe nicht eingehalten haben. In diesem Schuljahre griff eine gewisse Nachsicht Platz, und die Lehrer warteten auf den Ausweis der Einzahlung bis nahe zur Prüfung, und belehrten dann die Eltern, wie sie sich von der Taxe gänzlich befreien, und jedes Mal mit Erfolg. In früheren Jahren pflegten Schulleiter in ihren respectiven Kreisen persönlich eine Zählung der schulpflichtigen Kinder in der Ferienzeit vorzunehmen, aber bloß der christlichen, heuer zählen sie auch die jüdischen mit. Warum? kann (oder will) man keine Antwort geben? Was aber der europäischen Oeffentlichkcit weniger bekannt sein dürfte, ist, daß dieselben Beschränkungen auch bezüglich der Aufnahme kranker Juden in Staats spitäler gelten. Der größte Theil der Spitäler in der Moldau sind keine Gründungen des Staates, sondern der Privatwohlthätigkeit. Das ist nämlich der Krankcnhäasercompl x des heiligen Spiridon mit seinen reichlichen Fonds, wo Arm und Reich gratis behandelt wird. Die Gründer dieser Heilanstalten haben wohl in ihren Donationsactcn nicht besonders die Aussch ießung jüdischer Leidender betont. In früherer Zeit pflegten Juden blos in besonderen Fällen, besonders auf die chirurgische Abtheilung behufs einer Operation ausgenommen zu werden. Später wurden die Fälle von Aufnahme jüdischer Kranke seltener und mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. Seit einiger Zeit hat die Sache eine bessere Wendung genommen. Es befanden sich jüdische Kranke im Spital des heiligen Spiridon in Jassy sehr zahlreich in Behandlung. Im Bureau der ambulatorischen Krankenbehandlung werden jüdischen Armen selbst die Medikamente gratis ansgefolgt. Bezüglich der Aufnahme jüdischer Kranker in die Spitäler der staatlichen Verwaltung kann ich keine Mittheilung machen, da diese zumeist in den Curialgemernden bestehen, wo die Juden längst nicht mehr wohnen. Bcmerkungswerth ist der Umstand, daß jene Spitäler, die ihre eigenen Fonds besitzen, zu denen kein Jude irgendwie beigetragen hat, Juden behandelt, ja, wie ich erfahren habe, liebreich behandelt werden, in die aus Staatsmitteln unterhaltenen Spitäler und Schulen hingegen, wozu Juden mit ihren Steucrgeldern beitragen, Juden nicht zugelassen werden. Soeben komme ich von einer, in einer Synagoge abgehaltenen Volksversammlung, welche das Comit« der Zionisten einberufen hatte. Daselbst sprach Herr Rabbiner Dr. Jacob Nacht in sehr ergreifender und sinnvoller Weise, dann sprach ich im Volksdialect, um das Publicum zur Theilnahme an an unserem nationalen Werke anzueifern. Hierauf haben sich mehrere Gesuchsteller gemeldet. Vor einigen Tagen stellte sich mir ein Mann aus Palästina, Namens Michel Friedmann vor, der in der Colonisationssache reist, und eine Actiengesellschast (20 Francs per Actie) gründen will, mit dem Zwecke, daß binnen 6 Jahren 100 Juden (50 Palästinenser und 50 Europäer) als Colonisten instalirt werden. Da ich aber davon in keinem Zionsjournal gelesen habe, so schenkte ich der Sache kein gehöriges Zutrauen. Bon der Redlichkeit unserer Stammesgenoffen aus dem heiligen Lande weiß ich Manches zu erzählen. Dr. L. England. London. (Orig.-Corr.) In den Räumen des jüdischen Armenrathes (Jewish Board of Guardians) fand heute die 26. Jahresversammlung der jüdischen Allianz unter dem Vorsitze Claude Montefiores statt. Anwesend waren mit Ausnahme des Ausschusses nur wenige Leute aus dem Publicum, was eine sehr geringe Theilnahme der hiesigen Glaubensgenossen an der Thätigkeit der Allianz bekundet. Der Vorsitzende erstattete den Bericht, der sich in ausgetretenen Geleisen bewegte und eher einen Rückschritt, als einen Fortschritt im Wirken des Vereines zu melden weiß. Das Hauptgewicht wurde auch im obgclaufenen Jahre auf die Errichtung und Unterstützung von Schulen im Orient gelegt, wobei besonders die Leistungen des Rabbiner- und Lehrerseminars in Adrianopel und der Evelineschule in Jerusalem rühmend hervorgehoben wurden. Wie um die Geringfügigkeit der letzjährigen Thätigkeit der Allianz zu verkleiden, gab Redner auch einen Bericht über die englische Colonisationsgesellschaft, der durch seine Schuldlosigkeit nicht minder ernüchterte, enttäuschte. „Vorsichtiges Abwarten!" das ist nach Claude Monlefiore das Losungswort der Gesellschaft. Hierauf erhob sich der Rabbiner der vereinigten Londoner Synagogen, Dr. Adler, spendete dem Ver, ine, dessen Vicepräsident er ist, und Claude Monlefiore begeistertes Lob und endete unvermittelt, zur großen Ueberraschung der Versammlung,, mit einem Proteste gegen den Zionistencongreß in Basel, dessen Ziele dem Geiste der Propheten und Tradition zuwiderlaufen und geeignet wären, große Gefahren über das Judenthum heraufzubeschwören. In der Rede, mit welcher Beiitwich sein Dankesvotunr für den Ausschuß begründete, ergriff er die Gelegenheit, unr der Allianz Palästina für Colonisativnszwecke besonders an's Heiz zu legen, da er sich von der Fruchtbarkeit und Ertragsfähigkeit des Landes persönlich überzeugt hätte. Dr. Gaster, Rabbiner der spanischen und portugiesischen Gemeinden, der den Dank im Namen des Ausschusses erwiderte, bedauerte, daß die Mitglieder nicht mehr zu ihun hätten, da die einst so weitausgreifende, vielumfassende Thätigkeit der Allianz sich jetzt aus rein pädagogische Wirksamkeit beschränke. Die Abnahme des Interesses von Seiten desPubicums seileicht begreiflich. Wenn man steht, daß die Londoner Gemeinde im eigenen Hause das eine Seminar aushungcre (Jews'College), das andere (Monlefiore College in Ramsgate) schließe, so sei es doch überflüssig, weit hinten in der Türkei Lehrer- und Ra dbln er schulen zu errichten. Er protcstirte aufs Nachdrücklichste dagegen, daß die Gelegenheit vom Zaune gebrochen wurde, um gegen den Zionismus Stimmung zu machen und gab in b redter Weise seiner Ueberzcugung Ausdruck, daß die Juden Englands, der alten englischen Tradition, keinerlei Versuch machen würden, den freien Gedankenaustausch zu verhindern, daß sie nicht die Stimme ersticken wollen, in welcher sich das Wohl und Wehe Israels Luft zu machen strebt. Wenn es Rabbiner gäbe, für welche der jüdischnationale Gedanke ein Widerspruch wäre gegen Propheten und Tradition, so gäbe es andere, für welche der Zionismus die Erfüllung der Propheten bedeutet. London. (Orig.-Corr.) In dieser Woche, wo die beiden Chief Rabbis von London ihre sehr auseinandergehenden Ansichten über den Congreß aussprachen, fand ein großes, öffentliches Meeting im Eastend statt, welches zum Baseler Congreß Stellung nehmen sollte. Den Vorsitz führte Mr. N. Mayer. Mr. I. de Haas hielt einen Vortrag über die Möglichkeiten und die Vortheile des Congresses. Ihm folgte Mr. Jsh Kishor, der im Jargon denselben Gegenstand behandelte. Mr. M. Epstein brachte eine Resolution ein, in welcher die Entsendung von Delegirten au den Congreß beschlossen wurde. Ihn unterstützte Mr. Puilaroff, der ein Socialistenführer in London gewesen war und und seinen Anschluß an die Nationalbewcgung öffentlich erklärte. Dann sprachen noch Rev. Kohn Zedck, ein wohlbekannter Prediger, und Professor Finkelstein, früherer Präsident des Kadimah-Bereines. Der Vorsitzende sagte in kurzen Worten, die von Beifall begleitet wurden, welchen Standpunkt man zu den Erklärungen der Protestrabbiner einnehmen müsse. Diese sollten sich auf ihre theologischen Discussionen beschränken. Die Versammlung hatte einen enthusiastischen Charakter und übertraf die Erwartungen der Einberufer bei weitem. Mr. Präge, Vice-Chies der Chowewe Zion brach im „Jewish Chronicle" für den Nationalismus eine Lanze. Der Jewish Chronicle meint, daß die Chowewe Zion, wenn sic wirklich eine nationale Gesellschaft seien, auf dem Congresse vertreten sein sollten. Das ist auch vollkommen richtig. Alle Mitglieder des „Chowewe Zion" sind damit einverstanden und mehrere derselben sind infolge dessen als Privatpersonen in dem anderen Londoner Comite für den Congreß. Nun gibt es noch etwas Komisches. Die Gründe, die in der Revue Palästina gegen die Beschickung des Congresses angeführt sind, wurden überhaupt in der Versammlung, in welcher die Abstinenz beschlossen