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Die Welt · 1897-07-23 · 8 (23.7.1897) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
8 (23.7.1897)
Article
Komotau [Nachricht]
Date
1897-07-23
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10. ein Feuerwehrfest statt. An dem Festzuge betheiligte sich auch der liberale Turnverein „Eiche", der größtentheils aus Juden besteht. Auch ein zweiter Turnverein existirt hier, aber der ist judenscheu. Dieser hatte sich nun für das besagte Feuerwehrfest eine imposante nationale Kundgebung ersonnen. Sie flochten aus Knoblauch einen Kranz, postirten sich an den Fenstern einer Weinstube, die der Festzug passiven mußte, und als die „Eiche" mit ihren jüdischen Mitgliedern herankam, warfen die völklichen Turner unter dröhnenden Begeisterungsrufen den besagten Kranz auf die Köpfe der vorbeiziehenden Juden. Die Volksmenge, die in der Straße Spalier bildete, brach angesichts dieser großartigen Aeußerung eines edlen nationalen Bewußtseins in stürmische Heiliufe aus und begleitete unter melodischem Johlen und dröhnendem Heiko die decorierte „Eiche". Lemberg, 10. Juli. (Orig.-Corr.) Heute fand im hiesigen Cultusrathssaale eine große jüdische Volksversammlung statt. Dr. David Malz schilderte die traurigen Ereignisse von Chodorow und Schvdniea Besonders nachdrücklich hob er die Thatsache hervor, daß hier Arbeiter, christliche Proletarier, jüdische Proletarier beraubt und geplündert haben, daß der rohe Judenhaß die angebliche Classensolidarität gebrock.en habe und sich über den Köpfen der Juden entlud. Dr. Gerson Zipper suchte in packenden Worten die Schlüsse aus den Ereignissen zu ziehen. Ein erbärmliches, menschenunwürdiges Leben sei es, das die Juden in Galizien führen. Das Leben unter dem Schutze der Bajonnette und der 'Polizei, umgeben von lauernden Feinden sei unerträglich. Mögen die Juden das begreifen, solange es Zeit, und ans dem jüdischen Elend die jüdische Hilfe suchen. Unter nicht enden wollendem Beifall wurde die Betheiligung am Zionisten-Congreß beschloss n und dem Präsidium aufgetragen, daß die Lemberger Judenschaft durch einen Delegirten in Basel vertreten sein soll. Kolomea, 12. Juli. (Orig.-Corr.) Die Nachricht eines jüdischen Blattes, daß in Kolomea nicht zwei Knaben zu finden wären, die auf den Besuch der Ackerbauschule in Jaffa refleetiren, ist unrichtig. Der Zudrang bei der Bewerbung um die beiden Plätze war ein ungemein starker, nur entsprachen die Petenten nicht den Anforderungen, welche das Curatorium der Baron Hirsch'schen Stiftung an sie stellt. Als Hauptbedingung für die Aufnahme gilt die Absolvirung der vier Normalelaffen in der Baron Hirsch'schen Schule. Dieser Bestimmung zufolge mußten die Gymnasialschüler der unteren Classen, die sich in großer Zahl meldeten, abgewiesen werden. Die Schlüsse, die das betreffende Blatt von einem angeblichen Mangel an Anmeldungen auf die Gesinnungstüchtigkeit der Zionisten zieht, find somit Fehlschlüsse. Deutschland. Binge« a. Rh. (Orig.-Corr.) Am vorigen Sonntag tagte hier eine Versammlung deutscher Zionisten, die einen Markstein in der Geschichte unserer Bewegung einst bilden wird. Anwesend waren Delegirte aus Bingen, Frankfurt a. M., Köln, Heidelberg und Berlin. Es herrschte eine durchaus gehobene Stimmung, und man begrüßte es mit Freuden, daß die Idee des Zionismus endlich rein, frei von allen Umneblungen und muthig sich dem jüdischen Volke präsentirt. Die Versammlung beschloß, sich als eine „Vereinigung der Zionisten Deutschlands" mit dent Sitze in Köln zu eonstituiren. Der bevorstehende Congreß in Basel wurde einstimmig als eine Nothwendigkeit und als Segen bezeichnet. Das Vorgehen einzelner Berliner Herren wurde scharf gerügt und der Delegirte aus Berlin betonte ausdrücklich, daß die Zionisten in Berlin durchaus nicht der Ansicht dieser Herren sind, und daß sie die Artikel der „jüdischen Presse" bedauern. Herr Dr. Herzl wurde telegraphisch begrüßt und in froher Zuversicht ging man auseinander mit dem Zurufe „Auf Wiedersehen in Basel!" Bulgarien. Sophia- (Orig.-Corr.) Von unserem Freunde Dr. R. Vierer erhalten wir folgenden Brief: „Der schwere und doch nichtssagende Vorwurf, „der Zionismus wurzle nur in theoretischen Abhandlungen, aber nicht in der Praxis, weil er Nr. 8. nicht im Volke steckt hat hierzulande keine Geltung." Am Balkan kennt man überhaupt keine Theoreme, das Ding an sich muß wirklich an sich sein, um auch erkannt und erfaßt zu werden. Der Zionismus ist so tief in's Volk gedrungen, daß er sein ganzes Sein und Denken ausfüllt. Besonders die ärmeren Classen zeigen sich fest entschloffen, die Auswanderungsidee auch wirk ich durchzuführen. Allein, es fehlen die Mitiel. Da zeitigt aber der Zionismus eine andere schöne Blüthe, die Freundschaft. Die Leute legen ihr Geld zusammen, der eine mehr, der andere weniger, und sie berathschlagen in kleineren Gruppen, wie sie gemeinsam die Reise ontreten könnten. Ich übersende Ihnen eine zweite Liste von 38 Familienvätern, insgesammt 180 Köpfe. Es sind kräftige Männer, im Durchschnittsalter von 30 bis 36 Jahren. Spengler, Schneider, Schuster, Anstreiher, Sattler, Glasermeister, kurzum Männer der schweren Arbeit, die nach Zion wollen, nicht um „dem Geiste des Judenthums zuwider zu handeln", sondern um sich eine neue Existenz zu gründen. Die Leute sind zu jeder Arbeit bereit, im gegebenen Falle wollen sie ihr Handwerk aufgeben und in den Colonien arbeiten. Sie wiffen, daß sie schwerer Arbeit entgegengehen. Allein sie sind frohen Muthes. Der Gedanke, im Lande ihrer Väter, unabhängig von den Launen der Gegner ein neues Leben zu beginnen, macht sie stark und entschloffen. Und er macht sie auch klug. Die Gegnerschaft zwischen Sephardim und Aschkenasim existirt nicht mehr, wenigstens nicht unter den Armen. Alle wiffen, daß sie ein Volk sind, das gemeinsame Feinde besitzt. In der beigegebenen Liste finden Sie Aschkenasim und Spaniolen. Alle sind einig in ihren Wünschen. Sie besitzen zusammen etwas über 15.000 Franc und erwarten nur die näheren Weisungen, um nach Palästina abreisen zu können. Die Gegnerschaft der deutschen Rabbiner hat hier unliebsames Aufsehen erregt. Man hört nur zu oft von unserem tief religiösen Volke die größten Verwünschungen aller Rabbiner. So erbittert sind sie über ihr Vorgehen. Das Gespräch gilt nicht mehr politischen Fragen, wie in früheren Jahren, man spricht und denkt nurmehr vom Zionismus und vom kommenden Congreß. Wir sind überzeugt, daß die erste Nationalversammlung in Basel ein Markstein in der Geschichte Judas sein wird. Rumänien. Pintra. 14. Juli. (Orig.-Corr.) Dieser Tage wurde hierorts eine Schmähschrift unter dem pompösen Titel „Judaismus" eolportirt, und ihr Inhalt wurde von allen Nichtjuden mit Heißhunger verschlungen. Die Schmähschrift ist ein Compendium aller bis auf den heutigen Tag gegen die Juden auf's Tapet gebrachten blöden Beschuldigungen, zum Beispiel, ritueller Brauch von Christenblut re. Diese Beschuldigungen sind uns ja nichts Neues, uns interessirten nur die Maßregeln, gegen die verbrecherischen Juden, die der Verfasser empfiehlt. Er sieht keinen anderen Ausweg um die Juden aus dem Wege zu schaffen, als durch Volksaufstände, Gemetzel und thatsächliche Ausrottung derselben I Wie solche Schriften auf die nichtjüdische Bevölkerung einwirken, kann man sich leicht denken. Jassy. (Orig.-Corr.) Nach dem wohlbekannten rumänischen Schulgesetze dürfen Kinder fremder (jüdischer) Eltern in die Primär- oder Commerzschulen blos unter folgenden Bedingungen zugelassen werden. a) Wenn die für die Classe gesetzlich vorgeschriebene Zahl der Schüler bis zu einem gewissen Zeitpunkte nicht gedeckt ist; b) die Zahl der fremden (jüdischen) Schüler darf 20 Pereent nicht überschreiten; 0) blos unter Bezahlung einer gewissen Taxe. Von dieser kann blos der Unterrichtsminister auf ein Gesuch mit Beilegung eines Armuthszeugniffes von der betreffenden Primarie (Gemeindeamt) befreien. Dieses humane Gesetz wurde anfangs mit unnachsichtlicher Strenge angewendet, die Gesuche um Befreiung meist abgewiesen. Selbst das Gesuch des Curatoriums des hiesigen Waisenhauses Jacob u. Fany v. Reuschofe um den taxfreien Schulbesuch für 18 arme Waisen wurde trotz wiederholter Urgenz gar nicht beantwortet. In letzterer Zeit scheint es hier eine Wendung zum Bessern

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