Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 8 (23.7.1897)
- Article
- Antisemitismus in Russland [Nachricht]
- Date
- 1897-07-23
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 8. Seite 9. worden. Es hieß anfänglich, daß den früheren Gastwirthcn das Recht des Bierverkaufs noch belassen werden würde. Jedoch ist bis jetzt auf die Tausende und Abertausende von Bittschriften noch keine Antwort erfolgt. In Alexandrowo findet der Wochcnmarkt an jedem Mittwoch statt, welcher von Deutschen aus der Tilsiter Gegend stark besucht wird. Nun soll der Markt auf den Sonnabend verlegt werden, an welchem die Juden weder etwas kaufen noch verkaufen dürfen. Dieser Schlag trifft am härtesten die ärmeren Juden, die sich nur von Geschäfts- Vermittelungen zwischen Deutschen und Szamaiten nährten. Die meisten werden wohl auszuwandern gezwungen sein, um sich in Amerika oder Afrika, das in letzter Zeit besonders das Ziel vieler jüdischer Auswanderer ist, eine neue Existenz zu gründen. Amerikanisches Judenelend. Die American Federation of Labour im Staate New-Aork hat unlängst einen Beschluß angenommen, in welchem die absolute Abschaffung der Einwanderung für die Dauer von fünf Jahren der Regierung empfohlen wird. Wie einem New-Iorker Brief der „M. A. Z." zu entnehmen ist, war diese Beschlußfassung Hauptsächlich durch das furchtbare Elend, dem die Masse der jüdischen Einwanderer zum Opfer fiel, hervorgerufen. Es heißt in diesem Briefe: Der Umstand, daß uns der verstorbene Baron Hirsch in seinem Wohlthätigkeitsdrange Zehntausende von russisch-polnischen Israeliten, gerade den unerwünschesten Einwanderern, bescheert hat, und daß diese Leute mit unseren Arbeitern in Concurrenz traten und für ausgesprochene Hungerlöhne arbeiten, sowie die massenhafte Jmportirung von Ungarn und Italienern niedersten Bildungsgrades durch gewissenlose Speculanten, trägt daran schuld, daß heutzutage nicht nur Nativisten, sondern auch Handwerker, die selbst erst vor wenigen Jahren eingewandert sind, gegen die Einwanderung sich aussprechen. So kann ein reicher Mann mit den besten Absichten nur Unheil stiften. Diese von Baron Hirsch inscenirte Uebersiedlung russischer und polnischer Israeliten hat New-Iork nicht zum Segen gereicht, sondern höchst bedauerliche Zustände geschaffen. In einem Stadt,heile, der bis vor zehn Jahren fast nur vom guten bürgerlichen Deutschthum bewohnt wurde, ist im Laufe von wenigen Jahren ein echtes, rechtes Ghetto entstanden. Dort wohnen jetzt an die 30.000 Israeliten in Schmutz und Elend, in unsäglicher Armuth, für Hungerlöhne 14 bis 18 Stunden täglich arbeitend. Dort spielen sich nach einander verzweifelte Massenstrikes ab, dort ist ein beständiger Herd für Epidemien entstanden. Es schauert Einem förmlich, wenn man eines dieser nur von jenem armen Volke bewohnten Häuser besucht. Alles starrt vom Schmutz: die Wohnung, die Kinder, die Alten. Dürftige Lumpen trägt man anstatt Kleider. Fast gar kein Mobiliar sieht man in den Zimmern, die zugleich die Brutstätten des Lasters sind; oft schlafen zehn Personen, junge und alte, in einem Raum, der zwölf Fuß im Gevierte mißt. Die Sanitätspolizei ist machtlos in jenen Vierteln; auch Verbrecher der schlimmsten Sorte recrutiren sich dorther. Die Versuche, diese armen, bedauernswerthen Massen zu colonisiren und sie zu Bauern hcranzubilden, sind sämmtlich fehlgeschlagen. Drei Viertel der Jmportirten blieben hier sitzen und die anfangs im Lande Attgefiedelten zogen sich nach und nach dennoch hieher zurück. Wohlthäter k la Hirsch sollten sich daran ein warnendes Beispiel nehmen. Tausende dieser Israeliten müssen hier mehr Hunger leiden, wie seinerzeit in Rußland. Kann es wundernehmen, daß angesichts dieser Thatsache sich hier schon seit längerer Zeit antisemitische Strömungen bemerkbar machen, ja, daß selbst unser anständiges Judenthum den Import jenes Elementes auf das Schärfste verurtheilt. Dennoch dürste dieses Ghetto bei dem ungeheuer raschen Entwicklungsgang und der enormen Resorptionskrast unseres Volkes glücklicherweise nur eine vorübergehende Erscheinung sein. Es ist erstaunlich, wie rasch auch das Judenthum sich unseren Verhältnissen anpaßt. Eine Anzahl unserer aggressivsten Kämpfer für individuelle Unabhängigkeit find zum Beispiel aus jüdischen Familien hervorgegangen. Freilich spielt der Glaube bei diesen Leuten fast gar keine Rolle mehr und Mischehen mit anderen Gläubigen kommen täglich vor. Die Stimmung unter dem Volke jedoch ist gegen die Einwanderung. Es dürste daher in nicht sehr ferner Zeit diese Frage wieder der Regierung zur Behandlung vorliegen und wahrscheinlich wird es trotz der Gegnerschaft der Zeitungen und einzelner Bürger zum Verbot der Einwanderung kommen. Das Bestreben der deutschen Reichsregierung, jetzt schon ihre Auswanderer nach anderen Ländern zu lenken, wird sich in Bälde als sehr weise Herausstellen. Die Juden in Baiern. Das vom königlich statistischen Bureau soeben herausgegebene Gemeindcverzeichniß für das Königreich Baiern enthält einen Bericht über das Ergebniß der Volkszählung vom 2. December 1895. Nach diesem Berichte bilden die Juden nicht ganz (0'93 Percent) der Bevölkerung. Am stärksten zugenommen hat die Zahl der Protestanten mit 45-2 auf Tausend, etwas weniger die Zahl der Katholiken mit 38-8 auf Tausend. Für diese Abnahme wird eine Erklärung nicht allein in dem Wegzuge der Juden, sondern auch in ihren Eheschließungen mit Christen und dem hiemit häufig verbundenen Uebertritt zu christlichen Bekenntnissen zu suchen sein. Jüdische Ackerbauer in Jericho. Im „Hameliz" finden wir einen interessanten Bericht von Ben Jehuda aus Jerusalem. Da heißt es: „So oft mich mein Weg über Jericho und das Jordangebiet führte, wunderte ich mich darüber, daß dieses Gebiet von Juden nicht beachtet war, während es doch zu den Fruchtbarsten gehört und mit vollem Rechte „von Milch und Honig fließend" genannt werden kann. Erst vor einem Jahre nahmen mehrere Juden hier zum ersten Male von der Regierung Landstrecken in Pacht und ließen sich in Jericho nieder. Ich hatte letzthin Gelegenheit, diese Ansiedlungen zu besichtigen und die jüdischen Bauern bei ihrer Arbeit zu beobachten. Freitag Vormittags kamen wir in Jericho an. Wir pochten an die Thür einer jüdischen Wohnung, aber es wurde nicht geöffnet. Erst eine christliche Nachbarin trat heraus und bedeutete uns, daß Niemand zu Hause sei. „Meine Herren, sagte sie, es ist Niemand drinnen, denn alle sind jetzt bei der Arbeit im Felde. Wahrhaftig, ihr Juden seid tüchtige Leute." Wie sehr es uns verdroß, daß wir nicht ausruhen konnten, waren wir doch hocherfreut über die lobende Aeußerung der Christin über ihre jüdischen Nachbarn und begaben uns sofort in das Feld hinaus. Dort warteten wir wenige Minuten vor der Scheune, bald rollte ein mit Getreide beladener Wagen heran, begleitet von zwei Bauern mit sonnverbrannten aber von Freude strahlenden Gesichtern. In wenigen Minuten war der Wagen wieder leer und führte uns mit den beiden Bauern ins Feld, wo uns eine wahrhaft freudige Ansicht überraschte. Vier Bauern und eine Frau standen tief zwischen den hochemporragenden Aehren und schnitten und banden das Getreide mit großem Fleiße unter frohem und jauchzendem Gesänge. Vor Sonnenuntergang kehrten wir in die Wohnung zurück; wir verbrachten hier den Sabbath unter den angenehmsten Plaudereien. Wir gewannen hier die Ueberzeugung, daß die -Feldarbeit zwar schwer, aber doch im Stande ist, dem Arbeiter -ein ehrenhaftes Stück Brod zu gewähren, besonders wenn der Boden so fruchtbar wie dieser ist. Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Prag. (Orig.-Corr.) Samstag 17. Juli hielt der zionistische Rabbiner Dr. Kaminka im neuen israelitischen Tempel, Geist-; gaffe, eine Predigt über das Thema „Zion und die bürgerlichen Pflichten". Komotau. (Orig.-Corr.) Die Resultate der in ganz Deutschböhmen betriebenen nationalen Hetze find schon da. Man hat die Gemüthcr durch die mvnatelange systcmatsiche Fütterung mit Schlagworten bis zum Fanatismus erhitzt und dieser Fanatismus sucht sich jetzt Luft zu machen. Tschechen sind nicht vorhanden, so wirft fich der Fanatismus mit voller Wucht auf das „fremde" Element der Juden. D.r Antisemitismus hat hier eine Höhe erreicht, daß der Jude auf Schritt und Tritt Gefahr läuft, thätlich insultirt zu werden. Am 4. Juli fand