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Die Welt · 1897-07-23 · 8 (23.7.1897) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
8 (23.7.1897)
Article
Die Chalukah
Date
1897-07-23
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Ar. 8. Seite 8. Hände niedergelegt ist, verfügen sie geradezu über Tod und Leben. Denn will ein Vater sein Kind in die Schule, deren es gegenwärtig drei gibt, schicken, so kann er darauf gefaßt sein, daß ihm die Chalukah, sein Lebensunterhalt, entzogen werden wird. So wächst Generation um Generation in Elend und Unwissenheit auf, und Tausende gehen dem Judenthume körperlich wie geistig verloren. Und nun noch ein Wort über das, was des öfteren schon gerügt aber noch nicht beherzigt wurde, daß nämlich notorisch wohlhabende Familien der fettesten Chalukah sich erfreuen. Wie soll aber den Uebelständen abgeholfen werden? Auch hierüber möchte ich mir einige Winke gestatten. Geeignete Reformen im Chalukahwesen würden unstreitig sofort manchen Segen den Armen bringen; doch halte ich es nicht für opportun, damit zu beginnen. Der alte Brauch sitzt zu tief, als daß eine Aenderung herbeigesührt werden könnte ohne Kampf. Kämpfen aber wollen wir nicht: wir müssen uns vielmehr consolidiren, uns sammeln und neue Kräfte heranziehen. Der einzige Weg zum Bessern scheint mir in Schaffung von Arbeit und Anlegung neuer Colonien gelegen. Die Jerusalemer sollen nur vorerst Beschäftigung finden, dann werden sie uns, dem Judenthum erhalten bleiben. Haben sie einmal gelernt, auf eigenen Füßen stehen, werden sie sich auch der Bildung zuwenden, und ist endlich die Chalukah geschwunden, sind auch die Schäden nicht mehr vorhanden, die heute Jerusalem in Schmach und Schande tauchen.- Gerne würden Hunderte und Aberhunderte die Chalukah mit dem Pflugeisen vertauschen, so ihnen die Möglichkeit dazu geboten würde. Und das können wir, wenn wir es nur wollen. Für einige tausend Familien kann man ohne Anstrengung Raum im Lande finden. Die Arbeitsfähigen, die in der Hauptstadt keine Beschäftigung finden, die den Greisen und Gebrechlichen nur den Bissen vom Munde wegessen, sollen dahin verpflanzt werden. Sie können dann mit der Zeit die Stützen ihrer Angehörigen in der Hauptstadt werden. Darauf sollen wir zunächst unser Augenmerk richten. Die Ausführung dessen wird allerdings Noch Zeit in Anspruch nehmen, kann aber auch eventuell, wenn sich der Congreß dafür ausspricht, beschleunigt werden. N. Wettchronik. Antisemitismus in Deutschland. Die Ankündigungen sogenannter „judenreiner" Badeorte, Hotels und Gastwirthschaften gehören in Deutschland zu den beliebtesten Wandverzierungen der Warteräume auf Bahnhöfen, der Portierlogen rc. Sie hängen dort als schreiendes Wahrzeichen einer glänzend gelungenen „Assimilation", als interesiante Unterhaltungslectüre durchreisender Protestrabbiner. In jüngster Zeit wurde nun auf eine Beschwerde des „Centralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" bei der Eisenbahnverwaltung die Entfernung solcher Ankündigungen durchgesetzt. Die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens bilden sich nämlich ein, daß sie durch diese Maßregel den Antisemitismus vernichten werden. Es ist so, wie wen» der durchgefallene Schuljunge sein ominöses Fortgangszeugniß ins Feuer wirft, und sich triumphirend einbildet, daß er jetzt nicht zu repetiren braucht. Es ist das eine alte Taktik der Juden. — Der Kranke verheimlicht aus Scham und Furcht sein Leiden und es ftißt und frißt immer weiter. In den Blättern liest man natürlich nach wie vor Inserate, wie z. B. das folgende der Lippe'schen Tageszeitung: „Bringe mein judenfreies Hotel Rathskeller in empfehlende Erinnerung. E. Maier, Horn i. L." Die deutschen Burschenschaften. Nach einem antisemitischen Organ läßt die Ablehnung der judensteundlichen Agitation alter Burschenschaften an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Es hätten damals bei der entscheidenden Berathung in Eisenach einige wenige Burschenschaften einen lediglich formellen Vorbehalt gegen den vorjährigen Beschluß bezüglich der „Judenreinheit" gemacht, aber offenbar nur zu dem Zwecke, um ihren nach wie vor feststehenden Beschluß, hinfort keine Juden mehr aufzunehmen, gegen ihre alten Herren, welche über die Judenstage anders denken, möglichst wenig verletzend zu gestalten. Auch eine Breslauer Burschenschaft, die sich am meisten gegen den Antisemitismus verwahr!, habe zweifellos nicht die Absicht, Inden aufzunehmen. Gerade diejenigen beiden Breslauer Burschenschaften aber, unter deren alten Herren die judenfreundliche Agitation begann, hatten aus diesem Anlaß ihren Antisemitismus auch für die Zukunst grundsätzlich betont, und endlich hätten zwei andere Burschenschaften sich ausdrücklich gegen die Annahme verwahrt, daß die von einigen ihrer alten Herren betriebene judenstenndliche Agitation im Einverständniß mit den Burschenschaften oder auch nur mit ihrer Zustimmung geschehen sei. Die ganze Agitation der judensteundlichen alten Burschenschafter sei also an der antisemitischen Entschlossenheit der activen Burschenschaft vollständig gescheitert. Aus Salonichi wird der „N. Fr. Pr." über die neue Anfiedlung von Moslemin in Thessalien berichtet: „Diese Monhadjirs (Türken, die beim Verluste eines türkischen Landes in christliche Hände sich in die Türkei geflüchtet haben), zu denen sich noch Tausende freiwilliger Einwanderer gesellen werden, sollen den eigentlichen Stamm der neuen Bevölkerung Thessaliens bilden. Der Handel daselbst wird in erster Linie den Spaniolen zufallen, welche jetzt bereits allenthalben Niederlassungen gründen. Der griechische Kaufmann ist ihnen entschieden nicht gewachsen. Dafür bieten sie noch den Vortheil, daß sie mit Bezug auf Rechtlichkeit und Zahlungsfähigkeit den Griechen weit übertreffen und, was nicht zu unterschätzen ist, sie sind gut Freund mit den Türken". — Diese Mittheilung bedarf einer Ergänzung. Es ist nicht richtig, daß der Grieche mit dem Juden nicht concurriren könne. Der Spaniole, vornehmlich der Spaniole Salonichis, ist Handwerker, Lastenträger und Krämer. Der große, weitsehende Blick, der kalte Muth und die rasche Energie eines Kaufmannes, der mit seinen „Mederlassungen" die Welt umspannen möchte, gehen ihm ab. Der Großhandel in den türkischen Städten ruht hauptsächlich in armenischen und griechischen Händen und erst jetzt findet ein langsames Nachströmen der Spaniolen in die verloren gegangenen Positionen der griechischen und armenischen Händler statt. Dagegen ist es vollkommen richtig, wenn von der Rechtlichkeit der Spaniolen gesprochen wird und von ihrer Treue dem türkischen Staate gegenüber. Sie haben gerade im türkisch-griechischen Kriege schöne Beweise ihres Patriotismus gegeben. Antisemitische Freimaurer. Die „N. Bad. Landesztg." berichtet, daß aus der Mannheimer Freimaurerloge „Karl zur Eintracht" 14 hervorragende nichtjüdische Logenmitglieder ihren Austritt angezeigt haben, weil die Loge nicht so „judenrein" ist, wie es die 14 Herren gern gesehen hätten. Einen Aufruf für die Hinterbliebenen des jüngst in Brüssel verstorbenen Dr. Wilhelm H e r z b e r g, des langjährigen Directors der „Anstalt zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina" und des geistreichen Verfassers der „Jüdischen Familienpapiere" versendet ein zu diesem Zweck gebildetes Coniits. Den Aufruf haben u. A. unterzeichnet: Grand Rabbin Zadoc-Kahn in Paris, Oberrabbiner Dr. Bloch in Brüssel, Professor Dr. Kaufmann in Budapest, Rabbiner Dr. Ungerleider aus Berlin, dzt. in Wien u. s. w. Wir können dieses wohlthätige Werk nur wärmstens befürworten. Wahlsieg der Antisemiten in Hamburg. Bei der am 9. Juli stattgefundenen Ersatzwahl im Bezirk Eimsbüttel wurde der antisemitische Candidat, Porzellanmaler Raab, ein guter Freund Schönerers, mit großer Stimmenmajorität gewählt. Dr. Haffkine, unser Gesinnungsgenoffe, der siegreiche Bekämpfer der Pest in Indien, erhielt aus Anlaß des englischen Regierungsjubiläums den Orden des Indischen Kaiserreiches. Antisemitismus in Rußland. Die „Tils. Allg. Ztg." schreibt: In Rußland scheint in der letzten Zeit sich besonders eine scharfe antisemitische Strömung bemerkbar zu machen, welche auch das vollständig durchgeführte Spiritusmonopol gezeitigt hat, wodurch viele Existenzen sehr schwer geschädigt worden sind. Diese Maßregel hat aber nur Juden betroffen, da das gesammte Schankgewerbe in den westlichen Gouvernements nur in mosaischen Händen lag. Im Gouvernement Riga wird jenes zum großen Theil von Russen oder russischen Deutschen ausgeübt. Daselbst ist denn das Monopol auch nicht ausgeführt

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