Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 8 (23.7.1897)
- Article
- [Ohne Titel] / Silberstein, Emil
- Date
- 1897-07-23
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 8. .pleKMir Seite 7. „Schattnes" befürchten. Diese türkischen Gebetmäntel werden von Arabern' aus minderwerthigem Material gearbeitet und stehen an Ausarbeitung, Rohmaterial und Aussehen den galizischen „Tales" weit nach. Sie kommen acht- bis zehnmal so hoch zu stehen als die unserigen. Während ein galizischer Tales 4 Gulden kostet, ist der Preis eines gleich großen türkischen circa 40—45 fl. Die meisten Fabriken beschränken sich jedoch nicht allein auf die Production von Gebetmänteln, sondern erzeugen auch Halstücher und andere Wollwaaren. Für einen mittleren Betrieb braucht man ein Capital von ungefähr 1000 Gulden. Es kommen hier nicht so sehr die Kosten der Einrichtung und der Webstühle in Betracht — denn ein solcher kostet nicht mehr als 25 fl. — man muß vielmehr mit dem todtliegenden Capital rechnen, welches im Borrath besteht, der verarbeitet, aber noch nicht verkauft wurde. Außerdem muß noch genügendes Rohmaterial vorhanden sein, um die Waare nicht zu Schundpreisen verschleudern zu müssen und so weiteres Rohmaterial einkaufen zu können. Die Lage der Talesweber ist eine ungemein traurige. Die vielen Ausstände geben Zeugniß davon. Der Wochenlohn beträgt durchschnittlich für einen älteren Arbeiter, der Weib und Kind zu ernähren hat, 5—8 Gulden. Ein Arbeiter mit 10 Gulden Wochenlohn ist bereits ein Unicum. Im übrigen ist auch in vielen Fabriken die „Stückarbeit" eingeführt, um ja nur den Arbeiter bis zum Uebermaß auszunützen. Dieses Proletariat, das größteutheils noch in tiefer Unwissenheit steckt, würde ein gutes Material zur Colonisation Palästinas ab geben. Sie müssen aus ihrer Pariastellung hinaufgehoben werden in die Stellung eures intelligenten Arbeiters, der gut arbeitet, aber seine Arbeit auch gut zu verwerthen versteht, Ein zunächst unverzinsliches Darlehen von je 500—600 fl. würde den Leuten ermöglichen, auf dem Boden ihrer Väter eineconcurrenzfähige Industrie zu begründen. Bedenkt man, daß alljährlich aus Oesterreich immense Massen von Webeproducten in die Türkei exportirt werden, wird man zugeben müssen, daß die neu zu schaffende Industrie sich zu einer ungeahnten Höhe entwickeln kann. Damit ginge natürlich Hand in Hand ein Aufschwung der jüdischen Colonien, die der Schafzucht schon, jetzt ihr Augenmerk zuzuwenden beginnen. Es ist bekannt, daß fast sämmtliche Staaten Europas ihre Wolle aus dem Oriente beziehen und sie erst im eigenen Lande spinnen. Also auch diese Verarbeitung der Wolle würde einen neuen Industriezweig begründen, der Tausenden unserer Brüder Nahrung bieten kann. Diese Perspective ist keine unmögliche, sie ist keine phantastische, und nicht zionistischen Schwärmereien entsprungen.' Sie ist eine logische, nüchterne Entwickelung der Dinge, wenn sich unsere Reichen entschließen wollten, ihre Humanität in die richtige Form zu kleiden und von Bettleramosen absehen zu wollen. Ich fasse das Gesagte zusammen: 1. Die Lage der galizischen Talesweber ist eine furchtbare. 2. Die Verpflanzung der Talesweber nach Palästina ist leicht durchzuführen. 3. Die Weberei in Palästina hat eine große Zukunft. 4. Ein Capital von 20.000 fl. reicht hin, um 30—40 Familien, respective 30—40 Weber zu einem selbstständigen Betriebe zu verhelfen. Lemberg: Emil Silber st ein. Die Chalukah. Jerusalem, Ende Juni. Mt Vergnügen ersehe ich aus den verschiedenen Bekanntmachungen, daß demnächst ein Zionistencongreß zusammentreten wird, auf welchem auch über „die Aufgabe der jüdischen Wohlthätigkeit in Palästina" berathen werden wird. Welche Wohlthätigkeit gemeint ist, ist mir nicht näher bekannt; doch glaube ich nicht zu irren, wenn ich annehme, daß die Chalukah jedenfalls in das Bereich der Erörterungen gezogen werden wird. Denn daß die Chalukah unter den gegebenen Verhältnissen eine der großartigsten Wohlthaten ist, die je eine Nation geübt hat, wird wohl Keiner in Abrede stellen wollen. 30—40.000 Familien werden vor dem Hungertode bewahrt — durch die Chalukahj! Andererseits aber muß man fie vom Herzen Haffen und verurtheilen. Denn was ist eigentlich Chalukah? Ein endloses Almosenspenden, damit Tausende und Abertausende Erwerbsfähige nicht zu arbeiten brauchen. Das ist also ein Preis, auf den Müssiggang gesetzt. Bedenkt man aber, daß diese schlechtgehandhabte Wohllhätigkeit früher oder später gänzlich aushören wird, da sie thatsächlich schon jetzt in der Abnahme begriffen ist; so muß man sich schon heute die Frage vorlegen: was.wird dann aus diesen Armen werden? Selbst aber wenn dies in absehbarer Zeit auch nicht der Fall sein sollte, so kann dennoch die heutige Jugend nicht länger einen solchen elenden Zustand dulden. Denn gleichwie vor noch nicht langer Zeit her der Pilger erschrecken mußte, wenn er des heiligen Landes mit seinen kahlen Bergen und wüsten Ebenen ansichtig wurde und sich kopfschüttelnd gefragt hatte: Ist das das Land, in welchem Milch und Honig fließt? Ebenso muß jeder stille Zuschauer erschrecken, wenn er sich ein ungetrübtes Urtheil über diese Leute und deren Treiben gebildet hat. Wie aber nach einiger Anstrengung dieser öde Boden aus seinem Todesschlafe zu neuer Blüthe erwacht ist, uyd dem Arbeiter reichlich seine Mühe lohnt, ebenso würden die Jerusalemer gar bald andere Sitten und Bräuche annehmen, wenn ihnen nur vorerst die Fesseln abgenommen würden, in die wir fie schlugen. Denn, wenn fie Bettler sind, so haben wir fie zu Bettlern gemacht; wenn sie Müssiggänger sind, so sind sie es durch uns geworden. Ja, ich werde keinen Anstand nehmen, all die Schäden mit grausamer Hand aufzudecken, die sich mir von selbst aufgedrängt haben, muß aber gleich hinzu« fügen, daß sie alle die Chalukah gezeitigt hat. Nach der ueuesten Annahme — eine Statistik gibt es nicht —zählt die jüdische Bevölkerung Jerusalems 20—25.000 Seelen. Einige Wenige haben irgend einen Erwerbzweig; die Meisten von ihnen befassen fich mit Beten und leben von den Menschen, das heißt von den Almosengeldern, welche ihnen die Muttergemeinden gewähren. Diese Gelder sind wenig' zum Leben, viel aber zum Sterben. Ja, es gibt Familien, die nicht mehr als 20 Francs jährlich pro Familie erhalten, andere aber, wie z. B. die Marokkaner auch das nicht, indem seit den in Marokko ausgebrochenen Verfolgungen keinerlei Spenden mehr von dort den Armen zukommen. Von der Noch gedrängt suchen nun diese Unglücklichen anderweitige Einnahmsquellen sich zu verschaffen. Dadurch entsteht ein Wettkampf, der in der Regel in einen förmlichen Krieg ausartet, welcher nur Schmutz und Schande über Jerusalem bringt. Einen solchen Krieg führten vor drei Jahren die Sephardim mit den Aschkenasim betreffs der Competcnzfrage, von wem Amerika abgeweidet werden darf. Zum Ruhme der Ersteren sei hier gesagt, daß fie eS waren, welche vom Kampfe abstanden und das Terrain freiwillig ihren Gegnern überließen. Einen Kampf führen ferner die bestehenden Talmud-Hochschulen gegen einander .betreffs der Gelder, welche aus Rußland zu ihren Gunsten herüberfließen. Ein Verzweiflungskampf wüthet schließlich zwischen der amerikanischen, neugebildeten Gemeinde und dem „Waad kol Hakollim". Wie bekannt, sondern fich ihrer Zuständigkeit nach die Bewohner Jerusalems in Einzelgemeinden, welche ihre Unterstützungen von den Muttergemeinden erhalten, und von hier gewählten Vorständen zur Vertheilung gebracht werden. Laut alter rabbinischer Verordnung, dürfen Almosengelder in den Muttergemeinden nur zu Gunsten der betreffenden Landsleute gesammelt werden. Von dieser Verordnung blieb Amerika ausgeschlossen. Da haben vor etwa fünfzehn Jahren die Vorsteher sämmtlicher Gemeinden das Uebereinkommen unter sich getroffen, die Gelder, welche aus Amerika stammen, gemeinsam zu verwalten und laut abgefißter Statuten zur Vertheilung zu bringen. Aus dieser gemeinsamen Casse, Waad kol Hakollim genannt, erhielten auch die wenigen Mitglieder der amerikanischen Gemeinde ihre Chalukah. Jndeß hat im Verlaufe die amerikanische Gemeinde sich bedeutend vergrößert und nicht länger gewillt, unter Bevormundung zu stehen, fich vom Waad kol Hakollim losgesagt, eine selbstständige Gemeinde unter eigener Verwaltung, bildend. Natürlich bedrohte dieser Schritt den Bestand des ersteren. Die Folge davon war, daß fich ein Kamps zwischen den beiden Parteien entwickelte, vor dem die Mauem Jerusalems erzitterten. Und nun ein Wort über die Art und Weise, wie ein solcher Kampf geführt wird. Jede der kriegführenden Parteien läßt Pamphlete drucken, über die gegnerische Partei in unerhörter Weise schimpfend, schickt fie in die Welt hinaus und sucht sich in den Besitz gewisser obscurer Blätter zu setzen, die dann für theuer^Bezahlung gern für die gute Sache Propaganda machen! Der letztere Kampf hat bis heute schon schwere Tausende verschlungen, außerdem soll es einmal auch schon zu Prügeleien gekommen sein. Ja, es ist ein Kampf um's Dasein. In Palästina existirt bekanntlich kein Schulzwang. Das kommt den Rabbinern, welche geschworene Feinde jeder Bildung sind, sehr zu statten. Dadurch aber, daß die Chalukah in ihre