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Die Welt · 1897-07-23 · 8 (23.7.1897) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
8 (23.7.1897)
Article
Jewish Expreß [Nachricht]
Date
1897-07-23
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 8 . s>m*w Seite 5. Congreß scharf angegriffen. „Warum können die „Choveve Zion" keinen Antheil am Congreß nehmen? Seit wann sind sie denn so behutsam geworden, daß sie jeden Schritt so genau überlegen? Mit den politischen Zionisten zusammenzukommen, ist eine Gefahr? Warum war es denn keine Gefahr, ein großes Meeting in die „Great Assembly Hall" einzuberufen, um Lord Salisbury zu moralisiren, daß er auf den Sultan wegen Rückstellung Palästinas an die Juden einwirke? Das Meeting, das wirklich vielen Schaden angerichtet hat, wurde von Niemanden erwogen, weder früher noch später. Jetzt ist man plötzlich vorsichtig geworden, daß man Angst hat, die Nase vor die Thür zu stecken. Der „Jewish Chronicle" mag sagen in seiner letzten Nummer, daß ein solcher Congreß unseren Feinden Waffen in die Hand drückt, damit sie behaupten, die Juden seien ihren respectiven Vaterländern nicht treu. Der „Jewish Chronicle" weiß es am besten, wie unsinnig diese Behauptung ist". Die Tendenz des Artikels liegt in dem Bedauern über die Spaltung im zionistischen Lager, an der, wie das Blatt selbst erklärt, nicht die Politischen Zionisten, sondern ihre Gegner Schuld tragen. -st -st -st Sonntag, den 10. Juli fand in S o p h i a in der sephardischen Synagoge „Joutsch Bunar" eine zionistische Volksversammlung statt, die von ungefähr 600 Personen besucht war. Herr Professor Belkovsky verlas das Resultat der Delegirtenwahl für den Baseler Congreß. Die Namen Prof. Belkovsky, Karl Herbst, Romano, Kaleb wurden mit großer Freude ausgenommen. Prof. Belkovsky sprach hieraus über die Wichtigkeit des Congresses. Nachdem noch unser verdienstvoller Parteigenosse Karl Herbst den Congreß als bedeutungsvolles Ereignis der jüdischen Geschichte mit begeisterten Worten gekennzeichnet hatte, wurde die Versammlung geschlossen. Reise «ach der Türke». (Fortsetzung.) Es waren dieselben Worte, die man überall zu hören bekommt, die Stereotypausgabe unserer Tagesgeschichte: Duldung, Angriffe, Ausweisung, Elend und Noth. Den nächsten Morgen verließen wir Volo und fuhren mit der eroberten griechischen Bahn nach Larissa. Wenn der Wagen dahinbraust und man durchs Fenster blickt, um das fremde Land zu schauen, durb das man eilt, sieht man mehr mit seinen Gedanken als mit seinen Augen. Man blickt starr hinaus, in den Augen spiegeln sich unbewußt und unverstanden die fremden Bilder wieder, aber im Kopfe reiht sich Gedanke an Gedanke so rasch und so schnell, so schnell der Zug fährt. Das Rauschen der Locomotive und das Dröhnen und Rasseln der Räder unter den Füßen wiegt das Gemüth ein, wie ein stilles, monotones Wiegenlied. Je weiter wir uns von Bolo entfernen, desto kriegerischer wird die Gegend. Die Felder find verwüstet, das Getreide zu Boden getreten. Was unverschrt blieb, geht jetzt seinem Ruine entgegen. Die gelben Halme blicken schwerbelastet mit ihren Köpfchen zu Boden, das Getreide reift, aber nirgends sieht man Schnitter für die Gottesgabe. Nur hie und da einige türkische Soldaten, die mit den eigenthümlichen grotesken Sicheln das Getreide schneiden und zu Haufen binden. Dafür überall die traurigen Beweise vorhergegangenen Kampfes, Pferdecadavcr von den Geiern und Elstern zum Skelet abgenagt, weggeworfene Monturstücke, zerbrochene Säbel, Wagenbestandtheile, Proviantsäcke und die kahlen Ueberbleibsel vernichteter Dörfer. Auf dem ganzen Wege ziehen sich, nur durch kurze Entfernungen von einander gedrängt, die türkischen Zeltlager hin. Die weißen Zelte, die rothen Fez, das Saftgrün der Bäume und das Goldgelb der Felder geben im Sonnenglanze ein ganz eigenartiges Farbenbild. Unser ganzer Zug ist mit Militärs besetzt. Der Verkehr ist eingestellt und die Bahn gilt nur mehr strategischen Zwecken. Der Capitain, der den Zug führt, erzählt uns schmunzelnd, die Griechen hätten vor ihrer Flucht sämmtliche Fahrbillets vernichtet, um den Verkehr unmöglich zu machen. Uns gegenüber sitzt ein Oberst mit seinem Diener. Wenn er einen Zug aus der Feldflasche mach», reicht er sie auch dem Diener, raucht er eine Cigarette, so raucht auch der Soldat. Sie sitzen wie Gleichgestellte nebeneinander und ein Fremder würde niemals den großen Abstand zwischen beiden vermuthen. Wir erregen aller Aufmerksamkeit, sie erkennen uns an unserem Abzeichen, dem rothen Halbmond im weißen Felde. Und wir beginnen die Conversation. Allein unsere Sprachenkenntnisse helfen uns blutwenig, hier spricht und versteht man nur türkisch Nichtsdestoweniger ist die Unterhaltung eine anregende. Wir plauschen mit den Augen und mit den Händen. Wenn wir uns nicht verstehen, werden die Geberden und Grimassen wiederholt, und wenn auch das nicht begriffen wird, lacht man laut auf und Alles lacht mit. Wir lachen den ganzen Weg und freuen uns wie kleine Kinder, die noch nicht sprechen können, und sich in die Augen gucken. Als wir in Larissa angelangt waren, hatten wir bereits gute Kameradschaft mit den Officieren geschlossen und wir hatten nur zu oft Gelegenheit, an ihre Liebenswürdigkeit zu appelliren. In Larissa stellten wir uns sofort unseren Vorgesetzten, Ahmed Pascha und Mahmud Bey vor. Ahmed Pascha, der Obercommandant der türkischen Sanität, ein kleiner Manu mit schon weißem Barte, bietet uns ein Muster von der vielgerühmten orientalischen Ruhe und Beschaulichkeit. Er spricht ruhig und leise ohn' die Hände zu rühren, ohne eine Miene zu verändern, fast bewegungslos. Mahmud Bey, der Cvmmandant des Hauptspitals in Larissa ist schon beweglicher, ja er begrüßt uns schon mit „gut Tag". Das sind aber auch schon seine gesammteu Kenntnisse der deutschen Sprache. 'Wir erhalten ein einstöckiges Häuschen als Quartier und zwei Soldaten zur Bedienung. Unser Haus ist aber unhäuslich, cs muß gesäubert werden vom Keller bis zun. Dache. Zudem fehlen alle Möbel. Wir müssen uns welche verschaffen, und machen uns von unseren Soldaten begleitet, ans die Suche. Bald haben wir das Nöthigste und wir begeben uns ins Spital. Früher war es eine griechische Cavalleriekasserne, jetzt dient es für Verwundete und Sieche. Es ist im Pavillonsystem gebaut und besteht aus 20 isolirt stehenoen Gebäuden. Wir erhalten 5 Säle mit je 50 Betten zugewiesen und machen, geleitet von einem Officier, der Französisch spricht, unseren ersten Rundgang durch die Zimmer. Bald sind wir orientirt, lernen die uns zugctheilien Chirn-gen und Pharmaccuten kennen und begeben uns endlich in die Stadt um sic zu besichtigen. Viel zu scheu gibt's nicht. Eine kleine Provinzstadt mit kleinen, hüttenartigen Holz- und Lehmhäuschen. Auf den Straßen sieht man überall altes Hausgerümpel, das aus den Häusern hinaus geworfen wurde, um den Soldaten Platz zu machen. Hie und da findet sich auch ein zusammengeschossenes Haus, sonst zeigt die Stadt keine sichtbaren Veränderungen. Sähe man nicht die Zeltlager auf den Plätzen, die Patrouillen in den Gassen, man würde an den Krieg durch nichts erinnert. Auf dem Hauptplatze geht es allerdings etwas lebhaft zu. So muß cs aber auch früher ausgesehen haben. Bauern aus der Umgebung, mit ihren Producten, Gurken, Zwiebeln und Früchten, Wasserverkäufer, ihre Esel mit den Lederschläuchen vor sich hertreibend, Straßenschreiber, Tabaksverkäufer, die öffentlichen Faullenzcr in den Straßencafss, dazwischen tüikische Soldmcn, Weiße und Schwarze, wimmeln in den engen Gassen durcheinander, bieten ihre Waaren an, kaufen und verkaufen und erfüllen die Luft mit ihrem Geschrei. Wir hatten viel zu thun und es blieb uns nur wenig Zeit übrig, uns sonst zu informiren. Früh Morgens gingen wir in das Spital und arbeiteten bis gegen Mittag. Unser Krankenstand war kein fixer; fast jeder Tag brachte uns neue Patienten und nahm uns alte, die schon so weit hergestellt waren, daß sie nach Constantinopel transportirt werden konnten. Die Einrichtung des Spital's war eine den Verhältnissen entsprechende. Wir arbeiten mit allen modernen Mitteln der Anliseptik, so gut oder so schlecht es eben in einem Feldspital geht. Die Kranken selbst gehören zu den geduldigsten und ruhigsten Menschen, die wir je gesehen. Man konnte zu welcher

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