Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 8 (23.7.1897)
- Article
- Die verkehrte Welt
- Date
- 1897-07-23
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 4. „picHM." Nr. 8. Die Seelsorgerei wie sie von anderen Religionen gepflogen wird, paßt nicht recht auf das Judenthum, welches in seinem Rabbiner nur seinen Lehrer sieht und sehen will, der nur das Recht wie ein Richter handhabt, selbst aber keine Gesetze macht, und sich nicht zum geistigen Vormund aufwerfen darf. Das Priesterthum der Gesammthcit des Volkes ist ein unveräußerliches Gut, welches wir uns nicht nehmen lassen dürfen und welches bisher auch nicht angetastet wurde. „Hands off“ von jedem freien Streben in unserer Mitte. Man kann nicht energisch genug gegen den neuen Zwang protestiren, den Collegen im Amte dem Volke auflegen wollen. Es ist auch nicht weise, sich für die "Gesammtheit verantwortlich zu machen oder in ihrem Namen sprechen zu wollen. In allem, was der Gesammthcit theuer ist, erwarten wir im Rabbiner den wärmsten Bcrthcidiger, nicht aber den Ankläger. Wenn das Feuer die Cedern des Libanon erfaßt hat, was soll dann der Mop an der Wand? Wenn die Welt das sonderbare Schauspiel genießt, daß nationale Tendenzen, welche im vollsten Einklänge stehen mit den heißesten Gebeten und den glühendsten Worten der Propheten und Dichter, von den Führern als Wahnwitz gestempelt zu hören, und die Rabbiner Front dagegen machen sicht, so muß sie unwillkürlich ausrufcn: „Wahrlich, es ist eine verkehrte Welt." London, 11. Juli 1897. Gegen die „Vrotestrabbiner". Aus Köln wird uns geschrieben: Die „national-jüdische Vereinigung für Deutschland" erläßt in den großen deutschen Tagesblättern folgende von Bingen 11. Juli datirte Erwiderung auf die Erklärung des „Deutschen Rabbinerverbandes": 1. Es ist unrichtig, daß die zionistischen Bestrebungen den messianischen Verheißungen des Judenthums widersprechen. Wir verweisen in dieser Hinsicht nur auf das von einer der hervorragendsten rabbinischen Autoritäten, Rabbi Kalischer, unter dem Titel „Druchat Zion" veröffentlichte Werk, aus welchem das Gegentheil der Rabbinererklärung unwiderruflich hervorgeht. Mit dem Lehrinhalte des Judenthums beschäftigen sich übrigens unsere Bestrebungen überhaupt nicht, dieselben sind vielmehr lediglich darauf gerichtet, den abnormen Zustand des jüdischen Volkes zu beseitigen. 2. Den in der Rabbinererklärung durch die gänzlich unmotivirte Hervorhebung ihrer Vaterlandsliebe unterstellten Vorwurf, als ob die Zionistische Gesinnung uns an der Bethätigung vaterländischer und staatsbürgerlicher Pflichten hindere, weisen wir als eine jeder Begründung entbehrende Verdächtigung ganz entschieden zurück. 3. Daß die „edlen Bestrebungen, w lche auf die Colonisation Palästinas durch jüdische Ackerbau r abzielen", mit den unsrigen nicht zu identifiziren sind, geben auch wir zu. Wenn wir aber dieselben von unserem Standpunkte aus ebenfalls unterstützen, so kann dies doch weder uns noch auch diesen Bestrebungen irgendwie zum Tadel gereichen. Vor d?m Congresse in Basel zu warnen, liegt für Niemanden, am wenigsten für den „Deutschen Rabbinerverband" eine Veranlassung vor. Der Congreß wird sich hoffentlich zu einer imposanten Kundgebung dafür gestalten, daß das jüdische Volk auch heute auf seine nationale Existenz noch nicht verzichtet, sondern gewillt ist, als Volksindividualität Hand in Hand mit den anderen Nationen an dem Fortschritt der menschlichen Cnltur zu arbeiten. Die Sympathien aller rechtlichen und vorurtheilslos denkenden Menschen bei der Förderung dieser Bestrebungen werden gewiß auf unserer Seite sein". * * * Zum Artikel unserer vorigen Nummer schreibt ein Freund unseres Blattes: Der preußische Chauvinist Herr Maykaurn in Berlin kam bekanntlich aus Ungarn über Böhmen nach Brandenburg in das „Vaterland, dem er angehört". Das mag der Grund sein, warum er sich so vorsichtig über das Vaterland ausdrückt. Er sang wohl in seiner Jugend: „Hazädnak rendületleniil legy liive, 6h magyar!“ (Unerschütterlich sei Deinem Vaterlande treu, Magyar.) Dann kam er nach Pilsen und gehörte bei den Klängen des „Kde domov nmy?“ einem neuen Vaterland an: nZeme ceskä domov muy.“ —Und was ist die Antwort, wenn er jetzt singt: „Was ist des Deutschen Vaterland?" — Ungarn oder Böhmen? Der Congreß. Als Correferent für die Colonisation wird Herr Dr. A. Kaminka fungiren. * * * Mehrere „philanthropische" Zionisten haben bekanntlich die Theilnahme am Zionisten-Congreß abgelehnt. Sie haben es nur als Personen und nicht als Wortführer oder Repräsentanten der jüdischen Bevölkerung in England gethan. Denn diese steht im zionistischen Lager, sie will den Congreß, sie will den Judenstaat Gerade das Votum der Philanthropen hat es bewirkt, daß das Volk jetzt selbst spricht, daß es alle Fesseln der Bevormundung von sich schleudert, daß es uns selbst unmittelbar seine Meinung und seine Begeisterung für Zion kundgibt. Wir sind den unfreiwilligen Initiatoren dafür dankbar. Wir haben in einer unserer letzten Nummern unseren Lesern die Stellungnahme des verbreitetsten jüdischen Wochenblattes in England „Jewish Expreß" für den Congreß mitgetheilt. Nun können wir ihnen noch Erfreulicheres berichten. Vom 4. Juli d. I. erscheint in London ein jüdisch-deutsches Tagblatt „Londoner jüdisches Tagblatt" („Jewish Daily Gazette"). Dieses Blatt tritt in der entschiedensten Weise für den Congreß ein. Wir erfahren es mit jedem Tage genauer, wie sehr die jüdische Bevölkerung Englands für den Zionisten-Congreß begeistert ist. Dieses Volk wird kommen und nur an dieses haben wir appellirt. * * * Der allgemeine Convent der Brünner zionistischen Vereine hat am 11. Juli d. I. den Beschluß gefaßt, zu dem Zionisten- Congreß in Basel zwei Delegirte zu entsenden, und zwar die Herren Berthold Feiwel (Zephirah) und Rudolf Nassau (Vcritas). * * * Die „Chowcwe Zion" von Verlad (Rumänien), die aus 300 Mitgliedern besteht, hat den Schriftsteller Herrn Max Inster zum Delegirten für den Baseler Congreß gewählt. * * * In der am 15. Juli 1897 von den Repräsentanten des galizischen Executivcomitös und des Vereines „Ahawas Zion" abgehaltenen Sitzung wurden die Herren Dr. M a l z, Dr. S a l z, Ad. Stand, Bromberg, Korkis und Schiller, die Schöpfer des Zionismus in Galizien, zu Delegirten für den Baseler Congreß erwählt. * * * Der „Jewish Expreß" gehört, wie wir bereits mitgeiheilt haben, vom Anfang an zu den eifrigsten Anhängern des Congresses. Damit aber auch zu den. Vorfechtern des Politischen Zionismus, denn die Zionisten, die im letzten Augenblicke die Flinte ins Korn geworfen und sich vom Congreß zurückgezogen haben, thaten es deshalb, weil sie Gegner des politischen und nur Anhänger einer contradictio in adjecto, des „Humanitären" Zionismus sind. Der „Jewish Expreß" ist nun einem Artikelschreiber aufgesessen, der ohne die mindeste Kenntnis der österreichischen Verhältnisse — er sagt z. B., die Deutschen seien in Oesterreich Fremdlinge u. s. w. — über Oesterreich schreibt und die Geschichte der zionistischen Bewegung im Zusammenhänge mit der Entwickelung anderer Politischer Parteien in ganz verworrener Wei e schildert. Dieser Artikel „Politischer Zionismus" steht im Widerspruch mit der bisher vom „Jewish Expreß" gegenüber dem politischen Zionismus eingenommenen Stellung. Aber in derselben Nummer glaubt die Redaction doch der Strömung in der jüdischen Bevölkerung Rechnung tragen zu müssen und bricht neuerlich eine Lanze für den Congreß. Im Leitartikel wird der Vorstand des „Headqnartcrs- Teut" wegen seines ablehnenden Verhaltens gegenüber dem