Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 8 (23.7.1897)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1897-07-23
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 8. MAE Seite 3. sagt: „die Abwehr, wie wir sie unternahmen, war die Lösung nicht, jetzt sehe ich eine gründliche Lösung der Frage, den Zionismus, auftauchen* — so ist das ein Ereigniß. Herr von Suttner hat sich in dem Privatbrief, auf den er selbst hinwcist, noch viel entschiedener für den Zionismus ausgesprochen. Es ist begreiflichdaß er in der Discussion auch mancherlei Bedenken ausspricht. Es wird eben die Aufgabe der zionistischen Politik sein, die Schwierigkeiten zu überwinden. Was ein Volk will, geschieht immer. * * * Baron Suttner hätte gewünscht, daß wir in unserem Entwürfe mit moderneren Bauten, als mit dem Tempel begönnen. Der Zionismus ist aber nicht nur die Bewegung der „Modernen", sondern auch der alten, der ganzen Nation, die sich in der liefen Erniedrigung auf sich selbst besinnt und auf ihre Ursprünge hinweist mit dem Stolz einer alten Cultur, die für die Menschheit nicht werthlos war. Der Tempel, wenn er in seiner alten, verheißenen Pracht wieder ersteht, wird uns und Anderen viel sagen. Kann es darum eine „Urania" nicht auch geben? Wohl aber haben wir Zionisten uns weislich gehütet, zu viel Zukunftsmusik zu spielen. Da wären unsere Gegner, deren Tücke sich ja deutlich zeigt, gar leicht mit uns fertig geworden. Phantasten, Utopisten, Schwärmer, Narren hätten sie uns gescholten und wären gemächlich zum Differenzgeschäft in Creditpapierchen oder zur protestrabbinistischen Auslegung der „Mission" zurückgekehrt. Wir haben es ihnen doch etwas sauerer gemacht, uns auszulachen. Und es gibt sogar schon Leute, in denen die Vermuthung aufsteigt, daß am Ende wir, die Zionisten, es sein könnten, die zuletzt lachen werden... Kommt aber die neue Bauzeit des Judenthums, so werden auch wir zu bauen verstehen. Das ganze Abendland, die ganze Welt werden die heimkehrenden Juden in ihren Augen mitbringen. Einst, als die Kreuzfahrer nach dem Morgenlande gingen, holten sie sich von dort eine weitere Weltanschauung, die Kunst verjüngte sich in bezaubernden Formen, und die Wissenschaft ward neugeboren. Welche Folgen wird die Rückkehr der Juden für die Cultur haben? Wir malen es uns in unseren besten Träumen aus, aber wir werden uns hüten, es am Alltag zu erzählen. * * * Der ungarische Abgeordnete Visontai hat sich ebenfalls über den Zionismus freundlich geäußert. Es ist in seinen Bemerkungen etwas ungemein Sympathisches und Männliches. Wie? hat er wärmer oder judenfreundlicher gesprochen, als etwa Suttner? Nein, aber Visontai ist — Jude. Und zwar ist er ein Jude in öffentlicher politischer Stellung, ein Abgeordneter von der heißesten Fraction der ungarischen Patrioten. Dieser Mann, dessen ungekünstelte Vaterlandsliebe Niemand zu bezweifeln wagen wird, spricht frei und gerade zur Sache. Er sieht im Zionismus nichts Verfängliches oder Bedenkliches, jedenfalls nichts, wessen man sich schämen müßte. Warum sollten Juden gegen die völkerrechtliche Sicherung des Schicksals von Juden sein? Wen.« Einer das Herz auf dem rechten Fleck hat, so weiß er gleich, wie er sich zu unserer Frage stellen soll. Nur die, welche zunächst calculiren wollen: „was schaut dabei für mich herans?" sind einige Zeit unschlüssig, und nachher begehen sie eine Dummheit oder eine Schlechtigkeit. Den Abgeordneten Visontai aber wird nach seiner Aeußerung über den Zionismus kein einziger Ungar für einen schlechteren Patrioten gehalten haben. Er blickt nicht scheu um sich, wenn man von der Judenfrage spricht. Er redet ruhig mit, freien Auges, mit gelassenem Sinn, so wie man über ernste Dinge reden soll. Wir müssen ihn leider rühmen — weit nicht Viele so sind, wie er. * * * Judenausweisung dieser Woche: Finnland. * * In dieser Woche war nirgends ein größerer Exceß gegen Juden zu verzeichnen. Die verkehrte Mett. Bon M. Gaster, Chief-Rabbiner der spanischen und portugiesischen Gemeinden Englands. Rab Josef, der Sohn des R. Josua ben Levi, lag schwer krank darnieder. Mlde Phantasieen schwirrten durch sein fiebererhitztes Gehirn. Auf einmal schien cs, als ob er den Geist aufgegeben hätte. Er war aber nur in eine tiefe Ohnmacht gefallen, in welcher sich das Auge für das Irdische geschlossen, für das Ewige aber geöffnet hatte. Als er wieder zu sich kam, fragte ihn sein Vater, was er gesehen habe. „Eine sonderbare Welt habe ich gesehen", war die Antwort. „Eine verkehrte Welt. Was hier unten darniederliegt, wurde dort hochgehalten, und was hier hoch geschätzt wird, war dort ganz verachtet. Die Oberen waren unten und die Unteren waren oben." „Du hast die wahre Welt gesehen!" Wird uns nun auch ein ähnliches Schauspiel geboten? Sind es nicht die Ausgeburten der fieberkranken Phantasie oder ist es die Nähe des Todes, welche den Schleier, der das Leben deckt, ein wenig lüftet und uns einen Einblick gewährt in eine Welt, die uns verkehrt erscheint? Oder ist es wirklich eine „verkehrte Welt", die sich unseren erstaunten Blicken öffnet? Diese Fragen drängen sich einem unwillkürlich auf, wenn man sieht, daß jüdische Rabbiner einen „Kreuzzug" gegen „Zion" predigen, und Journalisten, die modernen Apostel menschlicher Freiheit, „die Zionide" anstimmen! Es geht jedenfalls bunt im Lager Juda's zu. Der Rabbiner, der der Vertreter der idealen Hoffnungen des Judenthums sein sollte, in dem sich die edelsten Traditionen verkörpern, der ein muthiger Vorkämpfer für die Erfüllung unserer sehnsüchtigsten Wünsche sein sollte, verwandelt sich plötzlich in einen Ketzerrichter, welcher überall nur Verrath an den Heiligthümern Israels riechen und die Opfer wenn nicht dem Scheiterhaufen, doch mindestens dem nächsten Polizeipräsidenten als Verräther an dem Staate ausliefern möchte. Was soll es heißen, wenn Rabbiner die Versammlung, welche in Basel tagen wird, ehe noch irgend etwas geschehen ist, von vorneherein verurtheilen und die Polizei anrufen; wenn sie jedes, Bestreben, gleich als den messianischen Hoffnungen entgegengesetzt^ und den Worten der Propheten zuwider erklären? Was ist „ente gegengesetzt" den messianischen Hoffnungen? In welcher Weis widerspricht das Bestreben sich als ein Volk im gelobten Lande wiederzufinden, den Worten und Verheißungen der Propheten? Oder haben meine rabbinischen College« eine eigene Tradition darüber? Wenn sie uns doch etwas darüber wissen lassen möchten und auch, was sie unter den Versprechungen und Verheißungen der Propheten verstehen, oder was ist ihre eigene Anschauung über die Zeit des Messias? Auf welches Schriftwort gründet sich ihre Bulle und worauf beruht die neueste Form päpstlicher Encycliken, welche sie sich für befugt erachtet haben, zu erlaffen? Als meine Vorgänger auf dem rabbinischen Sitze der spanischen und portugiesischen Gemeinden in London vor Jahrhunderten Stellung nahmen gegen den Pseudo-Messias Sabbatai Zewi und sich für oder gegen Hayon erklärten, so gaben sie ihre Gründe dafür an, trotzdem es sich um eine Person handelte, welche die Grundfesten des Judenthums zu erschüttern drohte und sich daran wagte, neue Gesetze aufzustellen. Und auch da vermieden sie es, ihre eigene Anschauung als „unfehlbare Aeußerungen" in die Welt zu schicken, die einfach dogmatisch aufgeklärt zu werden brauchten, um die Gemeinden zu bewegen, ihnen blindlings zu folgen. Es wurden vielmehr erst alle Gründe vorgebracht und im Lichte der Tradition untersucht, ehe ihren Aeußerungen auch nur die geringste Achtung erwiesen und Folge geleistet wurde. Es walteten keine persönlichen Rücksichten vor, noch wurden sie von der bleichen Furcht, daß Andersgläubige ihre Handlung falsch auffaffen könnten, dazu getrieben. Die Polizei wurde nicht augerufen und es bedurfte keiner überflüssigen Erklärung von Patriotismus. Wir erwarten aber von dem Rabbiner Belehrung im Idealismus, in der richtigen Auffassung unserer Stellung zu den anderen Völkern, in der Erleuchtung über die Mission die wir haben, und ob die Worte des Trostes und der Hoffnung in Erfüllung gehen sollen; oder ob wir Alles aufgeben und unser Augenmerk auf die materielle Wohlfahrt und das Aufgehen in die große Gesammtheit richten sollen.