Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 8 (23.7.1897)
- Article
- Gedanken zur Zionistenbewegung
- Date
- 1897-07-23
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. MHM7 Nr. 8. Ich weiß, es ist das eine sehr heikle Frage, allein ich denke, sie sollte und müßte berührt werden. Verfolgt der Zionismus lediglich den Zweck, die Jndenschaft zu sammeln, um sie aus dem Bereiche ihrer Bedränger zu bringen, dann freilich ist es Sache der späteren natürlichen Entwicklung, wie sich die Dinge in Palästina gestalten werden. Ich sehe aber noch einen anderen Zweck vor mir, nämlich den: einen Musterstaat zu gründen, über dessen Grenzen die verlotterten, erbärmlichen Zustände des alten Europa nicht hinüber dürfen; ein Bruch mit Allem, was hierzulande noch als heiliges Muß gilt und das, näher besehen, die schädlichsten Krebskeime in sich birgt. Und darum hätte ich Vorschläge über den Bau einer Urania, über die Errichtung und Einrichtung von Volksbildungsanstalten, von Familistsres u. dgl. freudiger begrüßt. Gewiß, in dieser Form, auf ganz neuer Grundlage einen Staat zu errichten, ist ein ungeheuer schweres Stück Arbeit. Das größte Contingent wird nicht die Intelligenz stellen, sondern der Massenandrang wird aus jenen kleinen galizischen, russischen und rumänischen Nestern kommen, wo die Menschen in Armuth und Unbildung ihr Menschenbewußtsein verloren haben und wo sie von ihren Unterdrückern daran gewöhnt worden find, ihren Trost in anderen als in irdischen Regionen zu suchen. Leider wird dies so sein, und darin wird sich der jetzige Auszug von jenem altbiblischen stark unterscheiden. Das alte Testament weiß von keinen Juden zu berichte», die ihre armen Genossen ziehen ließen und ruhig zurückblicben, da sie ihr bequemes Dasein nicht gegen ein ungewisses, mühe- und entbehrungsvolles Nomadenleben vertauschen wollten. Im Gegentheil: aus den Capitein über die Einrichtung und Ausstattung der Stiftshütte, über die Abgaben rc. geht deutlich hervor, daß auch Solche am Zuge theilnahmen, die in der Lage waren, Gold und Geschmeide in Hülle und Fülle auf den Altar zu legen. Ich Möchte nicht mißverstanden werden und etwa gar den Verdacht erwecken, daß mir ein Maflenauszug erwünscht wäre. Im Gegentheil: ich habe es in einem Schreiben an Dr. Herzl bemerkt und wiederhole es hier ausdrücklich, daß meiner Ueberzeugung nach ein totaler Auszug der Juden aus Europa den Ruin Europas zur Folge hätte. Wohl aber bin ich der Meinung, daß Jene, die ein sorgenloses Dasein führen und demzufolge von den herrschenden Strömungen weit weniger tangirt werden, ihre Genossen wenigstens im Geiste und in der Form begleiten sollten, daß sie jenes Gold beisteuern, das zur Sicherung eines solchen Unternehmens unerläßlich ist. Ferner, daß sie sich einer Bewegung, die gewiß nur einer rein ethischen, humanen Idee entsprossen ist, freundlich helfend, moralisch fördernd —- und nicht feindselig gegenüberstellen. Daß wir leider Gottes eine Judenfrage haben, ist ebenso gewiß, wie daß sie gelöst werden muß. Da gibt es jedoch nur zwei Mittel: entweder Gewaltmaßregeln von Seiten des natürlichen und verpflichteten Beschützers, des Staates, zur Bertheidigung der Bedrängten oder: Auszug. Was wir von diesem gesetzlich berufenen Beschützer zu erwarten haben, das hat er uns im Laufe der letzten Jahre genügend gezeigt; man kann also über den ersten Punkt ohneweiters zur Tagesordnung übergehen and den zweiten in Bcrathung ziehen. Auszug! Jawohl! Wie kann man verlangen, daß Solche, denen täglich das Wort ^Fremde" ins Gesicht geschleudert wird, für die Scholle, auf der sie ein erbärmliches Dasein führen, Liebe empfinden und daß in ihren Herzen das entflammt, was man „Patriotismus" nennt! Geduld, Nachsicht sind schöne Tugenden, allein sie haben ihre Grenzen. Man braucht kein rachsüchtiger, kein schlechter Mensch zu sein, um gegen Solche, die Einem geflissentlich Böses zufügen, Abneigung zu empfinden; es ist das ein ebenso natürliches Gefühl wie Liebe. Und die Abneigung gegen die Individuen bringt es naturgemäß mit sich, daß man auch gegen das, was zu ihnen in engerer Beziehung steht, Antipathie empfindet. Der armselige Hausirer oder Kleiderjude, hinter dem eine Rotte roher Bursche mit Hepp—Hepp-Geschrei drein ist, soll etwa patriotische Gefühle hegen? Wem gegenüber? Seinen Verfolgern — oder der Straße, wo ihm das passirt — oder der Behörde, die willig ein Auge zudrückt — oder dem Staate, der Aehnliches duldet, gegenüber? Und gerade diese Kleinen — die Kleinen der socialen Stellung und dem Alter nach (denn auch die jüdischen Schüler haben unter ähnlichen Verfolgungen zu leiden) — find die Unglücklichsten, denn an ihnen kann der „arische" Muth am gefahrlosesten seine Orgien feiern. Speciell die Jugend mit ihrem weichen, empfänglichen Herzen, welches das Gute — aber auch das Böse im verzehnfachten Maße empfindet, speciell diese muß schon in frühen Jahren verbittert, haßerfüllt werden, und wir können nicht verlangen, daß da Patrioten heranwachsen, die bereit find, einmal Gut und Blut für Jene zu opfern, von denen fie wie von Bluthunden gehetzt worden sind. Mit einem solchen Verlangen würden wir nur die Lüge und Heuchelei großziehen. Warum also erhebt sich in den Reihen der Juden selbst eine Opposition dagegen, daß Jene, die solche Zustände nicht mehr ertragen, den Wanderstab ergreifen? Es ist mir unfaßlich. Und gerade der Umstand, daß besonders in einem Theile der jüdischen Priesterschast diese Gegnerschaft laut wird, bringt Einen auf die Vermuthung, daß man in diesen Kreisen fürchtet, die Gewalt über diese Seelen in andere, in weltliche Hände übergehen zu sehen. Es wäre dies wieder einmal der Kampf um die Suprematie der Kirche zum Nachtheile von Millionen Unglücklicher, die nach Befreiung und Erlösung aus der ägyptischen Gefangenschaft lechzen. Oder sollten — ich möchte es lieber glauben — edlere Bedenken dabei im Spiele sein, etwa die Besorgniß, daß das Unternehmen scheitert und die Vielen, die in das gelobte Land zu kommen wähnen, dort den Untergang finden? Diese Besorgniß ist überflüssig, wenn das Unternehmen von vornherein gesichert wird. Es gehört dazu nur Geld, ungeheuer viel Geld, und guter Wille, besonders der Wille, einig zu bleiben. Der gefährlichste Feind ist die Uneinigkeit; an ihr scheitert das beste, das schönste Unternehmen. Dort, wo viel Köpfe und viel Sinne herrschen, ist die Sache im voraus verloren. Und was die Souveränität des Sultans betrifft, nun da ließe sich so manches Bedenken aussprechen. Ein Mann, in dessen Lande die Armenier-Maffacres möglich waren, scheint mir nicht der vertrauenswürdigste Bürge für die Ruhe der Juden. Während meines langjährigen Aufenthaltes im Orient habe ich Gelegenheit gehabt, die Armenierfrage — auch die ist eine Frage — im Aufkeimen zu beobachten; gleichzeitig mit dem Entstehen des Antisemitismus im Norden und Westen ist der Antiarmenismus großgewachsen und die Bewegung ist genau ein und dieselbe: der Armenier ist das arbeitende, schaffende, verdienende und das intelligente Element im Gegensatz zum trägen Orientalen — heiße er nun Türke, Mingrelier, Georgier oder Kurde. Daher der Haß, das Vogelfreierklären, das ein biederer österreichischer Judenhaffer auch für unser Land dringend empfohlen hat. Eine Ausbreitung des jüdischen Elementes in Palästina würde möglicherweise dem orientalischen Fanatismus frische Nahrung bieten und den Antiarmenismus in den Antisemitismus umwandeln. Dann allerdings hätte Dr. Nordau Recht, wenn er ruft: „Pflug und Schwert!" Aber eine schönere und für die kulturelle Bedeutung eines neuen Staates angemessenere Parole wäre die, welche lautete: „Pflug und Friedenspalme!" Die. Woche. Wien, 22. Juli. Der Aufsatz, den wir heute an der Spitze unseres Blattes bringen, bedeutet einen erfreulichen Fortschritt des Zionismus. Der Verfasser, Baron Suttner, ist der Präsident des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus. Als solcher wurde er von den Judenfressern weidlich angefochten und hatte auch sein gerüttelt Maß voll von Belästigungen wegen seiner „Judenfreundschaft". Baron Suttner war in der Lage, allerlei Erfahrungen zu machen; und man wird ihn jedenfalls zu den Leuten zählen dürfen, die etwas von der Judenfrage verstehen. Wenn ein solcher Mann nach Jahren erfolgloser Versuche auftritt und