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Die Welt · 1897-07-23 · 8 (23.7.1897) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
8 (23.7.1897)
Date
1897-07-23
Page
1 (sequence 3)
Language
German
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PkakWdt. Redaction und Administration: Wien II., Rembrandtstraße 11. Preise -er Anzeigen. Die viermal gespaltene Petitzeile 10 kr. Nr. 8. I. Jahrgang. Erscheint jeden Freitag. Wien, 23. Zuli 1897. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration Wien, II., Rembrandtstraße 11, zu richten. Unfrankirte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. ..Q Bezugspreise. Jür Hesierr.-Hlngarn: Halbjährig 3 fl. -- 6 Kr. GarMährig 6 fl. 12 Kr. Jür das Ausland: Halbjährig 4 fl. 8 Är. Ganzjährig 8 fl. 16 Kr. Einzelne Nummern 15 kr. o- - —O *\?r -\1r *9r *9r 3555:555'55325.555355 3^5.5553553^53553553555553553555^53555553^5 An unsere Leser! Die Mummer 7 unseres M'attes wurde am Hage nach der Nastversendung von der k k. Staatsanwaltschast in Wien auf Grund des Z 487 St.-N-G» mit Weschtag belegt. Die Gonstscation erfolgte wegen einer Korrespondenz aus Krakau. Die Wedaction. Gedanken zur Zionistenbewegung. Bon A. Gundaccar v. Suttner. Es weht ein jugendfrischer Geist durch diese mit einem Schlag in Fluß gekommene Bewegung, jener gewisse Geist, der vom echten, unmittelbaren Enthusiasmus beseelt ist und daher NO lens volens die Gemüther mitreißt — auch das Gemüth Solcher, die nicht direct daran betheiligt sind, wohl aber das Recht beanspruchen dürfen, die Sache mit Interesse und Sympathie zu verfolgen. Und doch drängt sich dabei ein Zwiespalt auf — der Kampf, den der für alte Romantik und für moderne Wirklichkeit gleich empfängliche Mensch in seinem Innern fühlt — die Widersprüche, die sich plötzlich einstellen, wenn man sich fragt: Wie soll diese ideale Idee in die Thai umgewandelt werden? Die Grundlage der christlichen Religion, ihr Hauptpfeiler, auf dem sie ruht, sind die alten Glaubenssatzungen der Juden; das kann nicht einmal der Christlichste aller „Christlich-Socialen" leugnen; um zum Christenthum zu gelangen, mußte er sich als Knabe erst durch das Judenthum durcharbeiten, und heute noch, wenn er die Bibel zur Hand nimmt, findet er das alte Testament mit dem neuen aufs innigste verknüpft. Es ist schon sehr lange her. daß ich eine Bibel zu Gesicht bekommen. Der Zionismus hat mich veranlaßt, sie wieder zur Hand zu nehmen und die Erinnerungen aus der Knabenzeit aufzufrischen. Ich weiß nicht, wie dem modernen, besonders dem in antisemitischer Umgebung aufwachsenden Jungen zu Muthe ist, wohl aber erinnere ich mich, daß das Studium der „biblischen Geschichte", wie wir fie in der Schule lernten, in mir den Sinn für Romantik erweckte; und noch eine andere Empfindung: die des Interesses und der Theilnahme für ein Volk, das vor Jahrtausenden das tonangebende Culturvolk war. So wie ich haben — denke ich — damals alle Schüler empfunden; mit gleicher Spannung und Sympathie verfolgten wir alle Peripetien des so schicksals- und so folgenschweren Auszuges aus Aegypten, wo der Antisemitismus in ebenso herrlicher Blüthe stand, wie heute in unserem gesegneten, vorgeschrittenen 19. Jahrhundert. Und eben diese Analogie zwischen einst und jetzt, die nun soweit zutrifft, daß wieder der Aufschrei ertönt: „Fort aus der Sclaverei — hinaus in die Freiheit!" Eben diese Analogie erweckt in meinem Innern ein ähnliches Gefühl wie damals, als ich von heiligem Zorn gegen jenen vermessenen, übermüthigen Pharao erfüllt war, der es wagte, dem Willen Gottes seine schwache, erbärmliche Menschenkrast entgegenzustellen. Allerdings, der gereifte Mann, der die Zeit des blinden Glaubens hinter sich hat und heute in der Bibel nichts anderes sieht, als eine Geschichte des Judenthums, mit vielfachen Uebertreibungen und Märchen durchwoben, vermag diese Jugendempfindungen nur mehr auf flüchtige Minuten heraufzubeschwören; sein kritischer Blick bleibt unwillkürlich auf jenen zahlreichen Stellen hasten, die jedes ethischen Momentes entbehren und die ihm seine einst so hochgehaltenen Helden in anderer Beleuchtung zeigen: in der Gestalt zuweilen recht schwacher Menschen, anderer schlimmerer Eigenschaften zu geschweigen. Und da stellt sich nun der Zwiespalt in der Frage ein: Wie sehen die Zionisten heute so einen Judenstaat vor sich? Wie werden fie zu einem Resultat gelangen, das Alle, die sich für die Idee im großen Ganzen begeistern, zufriedenstellt? Gibt es doch unter ihnen Gläubige strengster Observanz, Laue und auch — Freidenker. Diese, wie ich glaube, hochwichtige Frage drängte sich mir neulich unwillkürlich auf, als ich in der „Welt" den Artikel über den Tempelbau las. Ich gestehe, er machte mich stutzig, da er gewissermaßen die Einleitung zu den Detailartikeln, welche die Niederlassungen an und für sich behandeln sollen, bildete. Und da wir heutzutage gewohnt sind, Scepter, Krummstab und Schwert als den unlöslichen Dreibund zu betrachten (auch am Schwerte ließ es Max Nordau in seinem Beitrage nicht fehlen), so wi.st sich logischerweise der Gedanke auf: Will man dort anknüpfen, wo die Salomonische Periode aufgehört hat? Soll der junge Staat damit ins Leben treten, daß ein König vorerst den Tempel wieder aufrichtet, dann seine Heer- Haufen ausrüstet und so in die Dissonanz der Völker einen neuen Mißton hineinbringt? Hat die Geschichte nicht zur Genüge gel-chrt, daß mit jener Periode die Decadence begann, daß eine Kette der blutigsten Greuelthaten, alle ad majorem Dei gloriam begangen, das Judenthum naturgemäß zum Verluste seiner Selbstständigkeit und Souveränität führen mußte?

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