Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 7 (16.7.1897)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1897-07-16
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14. Nr. 7. lands, sich zur deutschen Nation zählen zu wollen, die im Großen und Ganzen von ihnen nichts wissen will. Blödsinn wäre es, behaupten zu wollen, daß jene langröckigen und lockigen Juden Galiziens und Rußlands polnischer, resp. russischer Nationalität sind. Sie haben mit mit den Nationen, in deren Mitten sie leben, nichts gemein, weil diese letzteren von ihnen nichts wissen wollen. Bon jenen rumänischen Juden vollends, die sich einbilden, Mitglieder der rumänischen Nation zu sein, ist dies bei der bekannten Behandlung, die diese ihnen zutheil werden läßt, eine elende Kriecherei, welche die Verachtung eines jeden Mannes von Selbstbewußtsein verdient." In demselben Blatte schreibtDr.L.Rosenbaum, Rabbiner von Kronstadt: „Die zionistische Bewegung also an und für sich ist keine verwerfliche, wenn sie von den letzterwähnten Glaubensgenossen ausgeht, und ich wünsche den Agitatoren, die an der Spitze dieser Bewegung stehen, vom ganzen Herzen Glück, wenn sie dieselbe nicht aus religiösen Gründen, sondern aus Opportunität initiiren. Wir ungarischen Juden dürfen diese unsere Glaubensgenossen nicht verdammen, wenn sie aus Nothwehr sich eine Heimat suchen oder die alte Heimstätte auffinden wollen; es ist im Gegentheil unsere unerläßliche Pflicht, sie in ihrem Vorhaben nach allen unseren Kräften zu unterstützen?' — Im hebräischen Theile des letzten Heftes der Monatsschrift „Zion" bespricht R. Brainin die in jüdisch-nationalen Kreisen in den letzten Jahren aufgetauchte Idee der Gründung einer jüdischen Universität in P a l ä st i n a. Nur wenige haben diese Idee in ihrer vollen Bedeutung begriffen, die meisten jedoch, die Brainin „Praktiker" nennt, stehen diesem Gedanken achselzuckend gegenüber. Es sei stets, meint Brainin, ein Fehler dieser Herren gewesen, daß sie nicht alles recht begreifen können, was sie für den Moment nicht ausführbar halten und dessen Nutzen sie nicht auf den ersten Blick zu ermessen vermögen. Ueberdies meinen die „Praktiker", würde es die praktische Colonisationsthätigkeit beeinträchtigen, wenn man sich mit ideellen Dingen, wie Universitütsgründung u. dgl. abgeben sollte. Was soll ferner an einer Universität in Jerusalem gelehrt werden, wer sollen die Lehrer und wer die Schüler fein? Aus welchen Mitteln sollen die Kosten einer solchen Hochschule bestritten werden? In Bezug auf die letzte Frage verweist Brainin auf die vielen Stiftungen hin, die zur Förderung jüdischer Wissenschaft von Juden gegründet werden, ferner auf jene reichen jüdisch-nationalen Eltern in Rußland, die ihre Söhne mit großem Kostenaufwande an ausländischen Universitäten studiren lassen. Ein geringer Theil dieser Summen würde zur Erhaltung einer Hochschule hinreichen, und es würde dadurch eine nationale Stiftung ins Leben treten, die für die jüdische Wissenschaft von dauernder Bedeutung sein könnte. Unsere Jugend, die auf fremden Universitäten den rohesten Beschimpfungen ausgesetzt ist, soll sich in ihrer eigenen Hochschule heimisch fühlen, sie soll hier jüdisch erzogen werden. Auch an Lehrern dürfte es nicht mangeln; hat ja schon vor 12 Jahren ein in Preußen bekannter f»rofessor der Mathematik im „Hameliz" erklärt, er wäre bereit, seine ehrkanzel mit einer neuen in Jerusalem zu gründenden hebräischen zu vertauschen. Dasselbe Ideal hegt auch ein zweiter hervorragender Professor in Paris und ihnen würden gewiß auch noch andere Berufene folgen. Es gibt jüdische Professoren, auf welche deutsche, französische rc. Universitäten stolz sind, und diese würden dann der jüdischen Universität, dem jüdischen Volke zur Ehre gereichen. An diese jüdische Hochschule würden sich unsere Jugend begeben, die sich in den Dienst ihres Volkes und dessen nationaler Zukunft stellen will. — Der bekannte, in jüdisch-deutscher Mundart von den Lemberger Zionisten herausgegebene „Bolkskalender" erscheint demnächst im dritten Jahrgang unter der Redaction unseres Gesinnungsgenossen Gustav Bader. Wir wollen hier einige literarische Arbeiten, die derselbe enthalten wird, nennen: „Dre hohen Feiertage", Skizze von S. I. Abramowicz (Mendele Mocher-S'forim); „Die Störche", allegorisches Märchen von M. Rabinowicz (Ben-Ami); „Binke, der Wahnsinnige", Silhouette von R. Brainin; „Am Clavier", Novellette von I. L. Peretz; „Der Thora zur Ehre", Charakterbild aus dem jüdischen Synagogenleben in. Rußland"; „Fern von der Heimat", Erzählung aus den Erlebnissen eines Cantonisten" u. A. m. Von den Autoren publicistischer Arbeiten sind noch zu erwähnen: Tr. S. R. Landau und Dr. David Malz. Der „Jüdische Volkskalender" verfolgt einen zweifachen Zweck: einerseits verbreitet er die zionistische Idee unter den Massen unseres Volkes, andererseits bestrebt er sich, eine Schand- und Schundlitteratur vom Büchermarkt auszurotten, indem er eine gesunde geistige Nahrung für die jüdischen Volksmassen zu einem spottbilligen Preise liefert. Inwiefern er hiezu qualitativ geeignet ist, behalten wir uns vor für ein nächstes Mal, zu beurtheilen. — Deutsche Flugschriften. Unsere Freunde in Deutschland rühren sich. Die Zionisten Deutschlands, die sich von der Berliner Centrale der Humanitätler losgelöst, haben sich unter der Führung Dr. Bodenheimers in Cöln zu einer strammen Organisation in der „national-jüdischen Vereinigung" zusammengefunden und entfalten eine rege und wirkungsvolle Thättgkeit. Sie sind auch bereits einen Schritt weiter gegangen und überschwemmen Süddeutschland mit Flugschriften. Vor uns liegen zwei solcher Büchlein, die in Form wohlgefälliger Heftchen um den Preis von einem Pfennig verschleißt werden und in leicht faßlicher, populärer Darstellung das Wesen des Zionismus erklären. Zum Neujahrsfeste erscheint der „Israelitische Volkskalender", auf den wir unsere Gesinnungsgenossen jetzt schon aufmerksam machen. -- Vereinsnachrichten. Wien Der aus Arbeitern und Handelsbeflissenen bestehende jüdische humanitäre Bund „Emunah" hat in seiner am 9. d. M. abgehaltenen Vereinssitzung folgende Resolution gefaßt: Der jüdische humanitäre Bund „Emunah" fühlt sich begeistert von der Idee der Einberufung des Baseler Congresses und ruft allen jenen, die zur Verwirklichung dieser Idee beigetragen haben, ein herzliches Glück auf! zu, in der Hoffnung, daß nach tausendjährigem Martyrium des jüdischen Volkes der bedeutende Zeitpunkt herannaht, in dem das jüdische Volk sein Schicksal selbst in die Hand nimmt und gegen allen Spott und Hohn von Seiten seiner Feinde jenen Weg betritt, der zum sicheren Heile des Judenthums führt. Das walte Gott! Dr. Gottlieb Stern, dz. Obmann. Jul. Wachtl, Schriftführer. Zaleszezhki. Der thatkräftige Verein „Zion" zu Czernowitz hat uns für gestern drei seiner Mitglieder entsendet, die den Zionsgedanken auch in unsere Bevölkerung hineintragen und sie über die Tendenzen desselben aufklären sollten. Die Delegirten waren die Herren: Carl Schorr, Philipp Menczel und Salomon Großberg. Ein zahlreiches Publicum hatte sich um 5 Uhr in dem Saale der hiesigen großen Betschule versammelt. Dichtgedrängt, Mann an Mann, standen sie, die Alten und die Jungen, dre Armen und die Reichen, die Gebildeten und Ungebildeten und lauschten alle begierig den Worten, die ihnen wie eine Offenbarung, eine Erlösung klangen. Es begann Herr Schorr, der mit kernigen Worten das Programm der Zionisten entrollte. Die weitere Ausführung derselben übernahm Herr Menczel, der durch Inhalt und Form seiner Rede zündend wirkte. Als er von Zion erzählte, da hellten sich die bekümmerten Mienen seiner Zuhörer zusehends auf und Begeisterung las man auf jedem Antlitze. Der folgende Redner, Herr Großberg, sprach hebräisch; er drückt sich in der Sprache unserer Ahnen sehr gewandt aus. Dann trat der hiesige Bürger, Herr Ahron L a n g st e i n, auf und beleuchtete die Zionsfrage vom religiös-politischen Standpunkte. Als Letzter bestieg, lebhaft acclamirt, der hiesige Bürger, Herr Elias Glaser, die Kanzel. In populärer, drastischer Weise sprach der Volksmann zum Volke. Seine Worte waren ein herzlicher Gruß aus Zion, eine Steigerung der Hoffnungsfreude. Um halb 11 Uhr Nachts trennte man sich. Jeder fühlte, daß er etwas mehr als der „zyd parch“ sei. Der Abend war für unsere Stadt ein Ereigniß von weittragender Bedeutung. In vorgerückter Nachtstunde kam man noch zusammen. Aus fünf hiesigen Herren constituirte sich ein vorbereitendes Comite für einen Verein „Zion". Viele Mitglieder haben sich bereits gemeldet. Drohovhcz. Der Zionismus, welcher hier vor vier Jahren nur von der jüngsten Jugend propagirt wurde, bricht sich jetzt auch unter den breiten Schichten der Volksmassen Bahn. Dieselben Juden, die noch vor einem halben Jahre sich über unsere Bestrebungen lustig machten, schaaren sich jetzt um unsere Fahnen. Nur die hiesigen jüdischen Pseudoaristokraten feiern noch nach wie vor ihre Kosciuskofeiern. Der hiesige Verein „Zion" zählt circa 280 Mitglieder, der Verein „Ahawas Zion" in Boryslaw, der erst ein halbes Jahr besteht, hat über 200 Mitglieder. Czorlkow. Auf Veranlassung des Herrn Moses L i s k e l hielt am Samstag, den 16. Juni, Herr Tieger, der Vorsteher des Lemberger Vereines „Deyll Jehudah" hier einen Vortrag über das Wesen des Zionismus. Der Referent bediente sich des „Jargons". Der unbeschreibliche Enthusiasmus, mit dem die Rede von der im Bethause des Vereines „Jad Charuzim" versammelten Menge ausgenommen wurde, gibt Zeugniß von dem Geschick, mit dem Referent den Volkston zu treffen wußte. Der Vortrag, der am nächsten Tage von Herrn Tieger in der hiesigen israelitischen Hauptsynagoge gehalten werden sollte, wurde vom Rabbiner verboten; daraufhin hielt Herr Tieger sein Referat im Bethause der hiesigen Fleischhauer. Der Erfolg war wieder durchschlagend. Das hiesige jüdische Theater (Direction Axelrad und Weinberg) gab zu Gunsten unseres Zionsvereines eine Wohlthätigkeits- Vorstellung, die gute materielle Resulte lieferte. Szenitz. Der Vorstand der Cultusgemeinde Szenitz hat beschlossen, die Gründung eines Zionsvereines zu veranlassen. Szenitz wird somit die erste Gemeinde in Ungarn sein, die sich der großen Zionsbewegung anschließt. IeuiLLeton. Die junghebrinfche tzileratur. Von Dr. Marcus Ehrenpreis. Es gibt Junghebräer. Das muß vor Allem festgestellt werden. Sie haben in letzter Zeit wiederholt ihre Stimme erhoben; sogar eine kleine Literatur-Revolution angekündigt. Und wenn sie bis jetzt nur zerstreut und vereinzelt auftauchen, so weht doch aus ihren Sätzen Etwas, was ihnen Allen gemeinsam ist: ein neuer Geist und ein neuer Glaube. Sie sind die ersten Europäer in der hebräischen Literatur.