Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 7 (16.7.1897)
- Article
- Minsk [Nachricht]
- Date
- 1897-07-16
- Page
- 13 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 7. JUt^WC Seite 13. Deutschland. Berlin. (Orig.-Corr.) Im Wahlkreise Westprignitz entwickeln die Antisemiten eine äußerst rege Agitation, um das bisher von Herrn v. Podbielski innegehabte Reichstagsmandat in die Hände zu bekommen. Die Antisemiten gaben die Absicht kund, die ganze Provinz Brandenburg in nächster Zeit zu einem Felde einer kräftigen antisemitischen Agitation zu machen. Rußland. Minsk. (Orig.-Corr.) Vorige Woche verschied der in unserer Gegend bekannte Rabbiner R. Moses Ahron Rabinowitz. Der Verblichene gehörte zu den bedeutenden Talmudgelehrten und schrieb mehrere Werke auf halachischem Gebiete, die ihm einen weiten Ruf verschafften. In halachischen Entscheidungen stand er auf Seite der Nachsichtigen und gab sich stets Mühe, Gründe der Erleichterung zu finden. Während seiner 18jährigen Amtsthätigkeit entstanden vorzüglich durch seine Initiative und unter seiner Leitung viele gemeinnützige Institutionen. Er war auch ein gesinnungstüchtiger Zionist und hinterließ außer einer Schrift über die Colonisation auch einige Schriften über moderne Themata. England. London, 9. Juli. (Orig.-Corr.) Das „East London Committee" hat den Beschluß gefaßt, den zionistischen Congreß zu beschicken. Zu diesem Zwecke wurden drei Delegirte gewählt. Wahrscheinlich dürsten auch mehrere Provinzstädte, besonders Liverpool, Manchester und Leeds den Congreß beschicken, in dem viele Zionisten ein Fest sehen. — Der vor Kurzem verstorbene Sir John Simon hegte auch ein großes Interesse für die zionistische Sache. Er war Patron eines zionistischen Concerts und noch mehr, er war thatsächlich ein Zionist, denn er kämpfte nicht blos im Interesse der jüdischen Religion, sondern auch der jüdischen Nation. Türkei. Jaffa. (Orig.-Corr.) In Nr. 34 der Zeitschrift „L'Univers Jsraelite" findet sich unter der Rubrik „Lcs Colonies Juives" eine Zuschrift des Herrn Elie Scheid an den Chef-Redacteur, die einige Bemerkungen verlangt. Der Artikel ist zwar nicht in einem solchen Tone geschrieben, um ein ernsthaftes Eingehen auf ihn zu rechtfertigen, doch aus Respect vor dem Pcotectoc der Colonien, will ich den Artikel seines Beamten als ernst anffassen und wenigstens einige kleine Richtigstellungen mir erlauben. Zuerst hätte sich die Eitelkeit des Herrn Scheid durchaus nicht dadurch verletzt fühlen brauchen, daß die Chowcwe-Zion, sich freuen, auch ihrerseits mit den kleinen Beiträgen armer und unbemittelter Stammesgenossen an dem großen Werke einer Neucultivirung unseres Landes mitzuhelfen. Wenn es darum Herrn Scheid noch nicht genügte, daß Herr Braguine, gegen der er polemisirt, den unter seiner Oberleitung stehenden Colonien Rischon und Ekron, das schuldige Lob gezollt hat, so war es doch darum noch nicht unbedingt nöthig, der Wahrheit zuwider Herrn Braguine, der ja selbst Administrator in Beßr-TobiLh gewesen ist, als nicht wahrheitsliebend hinzustellen. Denn dieser hätte es wissen müssen, daß die Colonie, der er eine nur sechsmonatliche Geschichte zuschreibt, schon eine solche von circa zehn Jahren hinter sich hat. Gewiß hat nur das Stück Land, das den Namen Beßr-Tobiah führt, eine so lange Geschichte hinter sich, freilich nicht als Colonie. Denn eine Colonie ohne Colonisten und wo bei verhältnißmäßig kleinem Areal nur ein kleiner Theil^bebaut und außerdem eine Baumschule zum Gebrauche anderer Colonien war, war wohl vielleicht eine Gutswirthschaft, aber keine Niederlassung von Colonisten, d. h. eine Colonie. Ein Griff ist ja noch lange kein Messer. Ich glaube, daß ich nicht der Einzige bin, für den die Existenz einer Administration noch nicht das Wesen einer Colonie ausmacht. Wenn Herr E. Scheid dem gegenüber behauptet, daß die neue Co onie nicht der erste Versuch einer Colonisation auf Grund von Körnerbau sei, daß schon vorher dort Sesam u. s. w. gebaut sei, so hat er die F r a g e, um die es sich handelt, nicht erfaßt: denn es kommt nicht darauf an, ob man auch hie und da Körnerbau treibt, sondern darauf, daß dieses Dorf zu einer Colonie wurde, wo Kleinbauern vom Ertrage ihrer Ernte leben, während es früher eine bedeutungslose Gutswirthschaft war. Wer jetzt Kastlne (Beßr-TobiLh) besucht, der wird niemals den Eindruck vergiften, den das neue Dorf mit seinen echt jüdischen Colonisten macht, die selbst alle ihre Arbeiten leisten, ohne für sich andere, fremde Hilfe zu beanspruchen. Wenn endlich Herr Scheid gar auf Metule hinweist, wo sich, wie er seiner Aeußerung nach glaubt, die Colonisten schon in diesem Jahre von dem Ertrage ihrer Ernten nähren werden, so siche ich cs vor, mich darüber lieber nicht zu äußern, um nicht so manchem das Herz schwer zu machen, denn jeder Stein einer Colonie und jeder Colonist ist ein dem Neubau unseres Volkes gewachter Baustein. Jedenfalls hätte Herr Scheid besser gethan, einen so unangebrachten nnd ungerechtfertigten Angriff zu unterlassen. Wozu der endlose Streit? „ Cependant je ne d6sesp£re pas de l’ayenir“. Amerika. Chicago. (Orig.-Corr.) Unser Gesinnungsgenosse W. Schur, hat kürzlich einige Städte des Westens besucht, u. zw. St. Paul, Minncpolis, Des Moines und Kansas City, und dort in den Synagogen der russisch-polnischen Brüder Vorträge über das Wesen und die Tendenz des Zionismus gehalten, die mit der größten Begeisterung ausgenommen wurden. Dabei hat es sich gezeigt, daß gerade die orthodoxen Juden sich am schnellsten zur Partei des modernen, politischen Zionismus schlagen, und das ist umso bedeutsamer, als gerade in Amerika ^die Juden ihre Rechte nicht blos auf dem Papiere besitzen. Zeitschriften-Rundschau. — Die „KrerrzzeLtung" antwortet der „Nationalen Zeitung", die den in Bayern und Baden sich regenden Widerwillen gegen Preußen auf die Furcht vor einer „unmoralischen Vergewaltigung durch die Sonderinteressen des preußischen „Junkerthums" zurückführt, folgendermaßen: „Der christliche, conservativ gesinnte preußische „Junker" ist es nicht, der Preußen dort unpopulär gemacht hat, sondern der sich überall vordrängende, witzelnde Berliner Jude. Man weiß auch dort den energischen, tüchtigen/christlich denkenden Preußen zu achten, aber der norddeutsche berlinisch und jüdisch inficirte Liberale rc." — Die Wiener Wochenschrift „Die Neuzeit" bringt einen Artikel von Samuel Fuchs, Redacteur des „Hamagid", in welchem es heißt: „Die jüdisch-nationale Idee ist und bleibt das einzige, heilbringende Mittel, das uns in der Gegenwart Muth und Ausdauer, für die Zukunft aber ein weiterreichendes Ziel gewährt als jene unserer Glaubensgenossen uns bieten, welche hartnäckig vor den Thüren fremder Nationen stehen und trotz vielfacher Zurückweisung flehentlich um Einlaß bitten. Wir begrüßen daher mit Freuden den Congreß. — In der „Ungarischen Wochenschrift" widmet M. Dornbusch dem Zionismus eine Serie von Artikeln, denen wir Folgendes entnehmen: „Endlich ist es dem Zionismus gelungen, sich auch hier in Ungarn Gehör zu verschaffen. Nicht daß er hierzulande Wurzel geschlagen, sich die Herzen der Juden oder auch nur eines Theiles derselben erobert hätte; nein, dies ist noch immer nicht der Fall. Es genügt jedoch vollkommen und ist ein unschätzbarer Gewinn für den Zionismus, daß man unter den Juden Ungarns von ihm spricht, seine Ziele und Bestrebungen ventilirt. Viel heikler als in welchem Lande der Welt immer ist der Jude Ungarns in puneto Patriotismus, und er hat auch mehr als seine im weiten Universum zerstreuten Glaubensbrüder Ursache, das Land zu lieben, in welchem er wohnt, ihm treu anzuhängen, seine Interessen eifersüchtig zu wahren, sein Alles für das Wohl der edlen, ritterlichen, kampfgestählten, Helden- und freimüthigen Nation freudig hinzuopfern. Und da eine Schaar von f a l s ch e n P r o p h e t e n, wisse n tlichen Lügnern und boshaften Unwissenden die Meinung verbreitet hatte, daß der Zionismus mit dem Patriotismus unvereinbar sei, daß der eine den anderen ausschließe, wurde die zionistische Idee von dem Gros der ungarischen Juden wie die Pest gemieden". Und weiter: „Es will uns scheinen, daß die Juden Ungarns gerade vom Standpunkte ihres glühenden Patriotismus sich bewogen fühlen sollten, den gemäßigten Zionismus kräftig st zu fördern. Der ungarische Staat würde ihnen dafür Dank wissen, denn auf diesem Wege könnte leicht jener Misere abgeholfen werden, über die man sich in den nördlichen Comitaten Ungarns zu Gunsten des ruthenischen Stammes und zum Nachtheil der dortigen Juden beschwert. Und nur noch einige Worte über die jüdische Nation. Was Dr. Herzl diesbezüglich in seinem „Judenstaat" sagt, unterschreiben wir als vollkommen berechtigt. Narrheit ist es von den Juden Deutsch-