Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 7 (16.7.1897)
- Article
- Wien [Nachricht]
- Date
- 1897-07-16
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 12. FIrHM- Nr. 7. Nationalgenossen vom Sultan erwiesenen Wohlthaten diesem zur Verfügung gestellt haben. Wie«. (Orig.-Corr.) Deutschnationalen Blättern zufolge sagte Schönerer bei der in Dürnstein an der Donau abgehaltenen Versammlung des Bundes deutscher Landwirihe folgendes: „Was hätte denn das Dasein für einen Reiz, welche Existenzberechtigung hätten wir denn, wenn wir uns nur auf dem Standpunkte des Rindviehes halten und nicht die Pflicht in uns fühlen wollten, für höhere Güter einzutreten?" — „Wer kann es mir nehmen, daß ich der erste Bahnbrecher für den gerechten und gesunden Antisemitismus bin? Der Antisemitismus ist aber heute ausgeartet, er ist „verchristlicht" worden. Den Antisemitismus der Herren Dr. Lueger und Genossen halte ich nicht für waschecht und gebe ihm keine lange Lebensdauer; denn wenn sich die Juden taufen lassen, so sind sie licbwerihe Parteigenossen im Lager der Christlichsocialen. Aber nicht allein der getaufte Jude, sondern auch derjenige wird im Lager der Christlichsocialen sehr gerne ausgenommen, der das Undeutscheste, Gemeinste und Niederträchtigste thut: der die selbst gelobte Treue, das freiwillig gegebene Ehrenwort bricht. Ein solcher Schurke wird jedesmal mit einem förmlichen Jubel ausgenommen in die Kaste der christlichsocialen Politiker. Ich beneide diese Partei nicht um dasjenige, was Wir mit Abscheu und Verachtung von uns obgewiesen haben und was dann die Christlichsocialen aufnehmen und zu Ehren, Würden und Stellungen kommen lassen. Was die Juden anbetrifft, ist unser Standpunkt unverrückbar derselbe: Jud bleibt Jud, ob er sich taufen läßt oder nicht. Wie«. (Orig.-Corr.) Der Wiener Magistrat hatte auf Grund emer (Angabe des Gemeinderathes Dr. Räder eine Verfügung getroffen, der gemäß jene Aerzte, welche nicht in der Wählerliste der Gemeinde Wien eingetragen sind, auch vom Wahlrecht in die Aerztekammer ausgeschlossen sein sollten. Durch diese Verfügung wurden 405 Aerzte aus der Wählerliste gestrichen. Diese Verfügung richtete ihre Spitze gegen die jüdischen Aerzte, denn von den 405 Aerzten sind 90 Percent Juden. Es sollte der „Verjudung" in der Aerztekammer und dem „verderblichen Einfluß der Juden" ein Riegel vorgeschoben werde. Der Statthalter hat nun diese magistratliche Verfügung aufgehoben. Br«««. (Orig.-Corr.) Die Lorbeeren des Wiener Oberrabbiners haben die mährischen Landesrabbiner nicht ruhen lassen. Zwar, wir wußten es längst, daß Herr Dr. Placzek uns nicht gut Freund sei. Wir kennen alle seine stillen antizionistischen Aciioncn: Denn wir haben sie stets sehr sorgfältig verzeichnet. Aber das alles war nur sozusagen halbamtlich. Die letzten Tage brachten uns die erste antizionistische Amtshandlung des Landesrabbiners. Das könnte uns nur freuen. Denn es zeigt, daß der Zionismus in Brünn schon so stark an die Pforten des Beihauses klopft, daß auch die Priester sein Pochen vernehmen . . . Der Brünner Oberrabbiner besitzt wohl die Argumente seines Wiener Vorbildes, aber nicht dessen Muth: Er hat nicht geschrieben, sondern nur gesprochen. Und auch das that er nicht an einem Orte, wo es freimüthige Rede und Gegenrede gibt. Er hat sich vielmehr auf einem „locus sacer“ postirt, denn er hat von der Kanzel gesprochen. Was Herr Dr. Placzek gegen unsere Sache vorgebracht hat, verdient keine Widerlegung. Wir können ihm den Vorwurf nicht ersparen, daß seine Einwände zu den schwächsten gehören, die seit den Zeiten der „Mission" gegen den Zionismus erhoben wurden. Herr Dr. Placzek als Gegner des Zionismus ist.für uns kein Gegner. Aber mit Herrn Dr. Placzek als Gegner der Zionisten, d. h. der einzelnen Vertreter des Zionismus, haben wir einige Worte zu reden. Denn der H rc Landesrabbiner hat neben der Sache auch deren Träger angegriffen, er hat den Führern und Verfechtern des Zionismus Absichten unterstellt und ihnen Attribute beigelegt, die fie nicht so ohneweiters auf fich sitzen lassen werden. Nur der ehrwürdige Boden, auf dem er sprach, hat den Herrn Rabbiner vor Ausbrüchen gerechter Entrüstung bewahrt. In Ehren ergraute Männer aus dem Volke, die fich stolz als Zionisten bekennen, hatten, wie uns versichert wurde, bei den persönlichen Ausfällen ihres Predigers Mühe, sich zu beherrschen. Auch wir wollen uns noch einmal vor Augen halten, daß es das ehrwürdige Haupt der Gemeinde ist, das uns angegriffen hat. Wir wollen uns damit begnügen, alle persönlichen Angriffe mit Verachtung zurückzuweisen. Wir sind zu stolz, als daß wir es für nöthig fänden, Herrn Dr. Placzek von der Lauterkeit und Uneigennützigkeit unserer Absichten überzeugen zu sollen. Aber gleichzeitig erklären wir auch auf das Entschiedenste, daß die Brünner Zionisten — und es gibt deren genug, das weiß der Herr Landesrabbincr — bei erneuerten Angriffen persönlicher Natur jede Ehrfurcht und Rücksicht werden schweigen lassen müssen. Die Zionisten find ftiedfertige Leute, wie ihr Werk ein Werk des Friedens ist. Aber in dem einen Falle könnten sie sehr unangenehm werden. Schließlich theilen wir noch mit — denn wir wollen nicht undankbar sein — daß die Rede des Herrn Landesrabbiners uns mehrere neue Anhänger zugeführt hat. Krakau. (Orig.-Corr.) Auf Chodorüw und Schodnica ist nunmehr Tarnow gefolgt. Zum zweiten Mal. Wenn sich auch die von Ihnen übernommene Depesche eines hervorragenden Wiener Blattes nicht bewahrheitet, daß ein Jude getödtet wurde, so sind doch die Judenexceffe von Tarnow den früheren nicht um Vieles nachgestanden. Der Unterschied war höchstens der, daß hier die Hüter der öffentlichen Ordnung, die Soldaten, selbst activ aufgeireien sind. Die polnische Presse hat die Tarnower Excesse verschwiegen; es berichteten nur das radicale, hiesige Tagblatt „Dziennik Krakowski" und das Lemberger Amtsblatt „Gazeta Lwowska", das mit einer Beschwichtigung die Vorgänge zu verdecken bemüht war. Dem „Dziennik Krakowski" wird aus Tarnow berichtet: „Die hiesigen Soldaten des 57. Infanterie-Regiments haben es schon seit Langem gern, die Juden zu „wichsen". Bisher ereigneten sich jedoch nur vereinzelte Fälle. Allein jetzt hat die Sache große Dimensionen angenommen; sie kann nicht mehr verschwiegen werden. Am Freitag den 2. d. Mts. kam ein Soldat in eine Schänke bei der Leniberger Straße. Er ließ fich Schnaps geben, wollte aber nicht bezahlen. Infolge dessen entstand ein Streit. Der Soldat griff nach alter Gewohnheit zum Bajonnet, das ihm jedoch weggenommen wurde. Als er es entreißen wollte, verwundete er fich an der Schneide. Die Söhne Mars' erfuhren dies und schworen Rache. Am Freitag Abends überfielen sie den Bürger Weinfeld und verwundeten ihn schwer am Kopf. Auch Samstag Früh verwundeten sie einige Juden. Sonntag herrschte ein förmlicher Belagerungszustand. Alle Häuser mußten gesperrt werden. Mit gezückten Bajonneten marschirten die Soldaten durch die Straßen, schlugen und stachen jeden Juden, der ihnen nur in den Weg kam. Die Gendarmerie vertrieb das Publicum von den Gassen, hinderte aber die Soldaten nicht in der „Arbeit". Trotz der Deputation beim Bezirkshauptmann und beim Militär-Commandanten wurden keine Sicherheilsmaßregeln getroffen. Bisher sind viele Personen verwundet, darunter ein 14jähriges Mädchen. Patrouillen ziehen an den excedirenden Soldaten vorüber, ohne sie zu stören. Ich sah, wie ein Corpora! des 57. Infanterie- Regiments einem armen Juden seinen Krämerladen zerwarf, und die Polizei-Patrouille schimpfte noch auf die Juden, warum sie nicht nach Hanse gehen." Soweit ein polnisches Tagblatt. Dem gegenüber gibt die „Gazeta Lwowska" wohl zu, daß mehrere Juden von Soldaten verwundet wurden, sie meint jedoch in gelassenem Tone, daß cs zu „keinen größeren Excessen" kam. Nun, so wie in Persien war es nicht, aber dort haben die Soldaten noch die Juden beschützt. In einem Lande aber, wo die wilde Soldateska sich selbst auf die Juden stürzt, können die Juden noch viel schönere Sachen erleben, als in Rußland oder Persien . . . Lemberg. (Orig.-Corr.) Zum ersten Mal seit ihrem fünfjährigen Bestände ist am 6. d. M. unser gesinnungsgenössisches Organ „Przyszlosc" confiscirt worden. Die Beschlagnahme galt dem sehr scharfen, gegen den Krakauer Staatsanwalt gerichteten Leitartikel. Gegen diese Maßregel hat die Redaction sofort den Einspruch erhoben. Durch ein entschiedenes und schneidiges Auftreten hat sich das polnische Zionistcnblatt auch bei unseren anständigen Gegnern Achtung verschafft.'