Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 7 (16.7.1897)
- Article
- Ein Brief aus Palästina
- Date
- 1897-07-16
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10. JStsGrtWC Nr. 7. flÄung uiedrrger zu hLngen. Wir deutschen Juden haben zu viel Respekt vor der jüdischen Wissenschaft, die in erster Linie von deutschen Juden geschaffen wurde und die etwas Besseres ist als stümpernde Asterweisheit kleiner Epigonen, als daß wir diese Verunglimpfung jüdischer Wiss'nschafr so ruhig hinnehmen sollten. Daß die „Oesterreichische Wochenschrift" diese Enunciatioven abdruckt, wundert mich, denn mir hat Herr Dr. Bloch einmal mit Stolz erklärt, daß er. der Vater und Begründer der zionistischen Bewegung in Oesterreich sei, es find seitdem noch nicht zwei Jahre ins Land gegangen (siehe „Zion" 1895, Nr. 7, Seite 212). Schwerwiegend ist es freilich, wenn die „Oesterreichische Wochenschrift" behauptet, daß der Aufruf der bulgarischen Zionisten aus Feigheit anonym sei, da der Vorsitzende Dr. Vierer das Blatt selbst unterzeichnet hat. Sehr leid thut es mir, daß der von mir verehrte Herr Dr. Hildesheimer in seiner Gegnerschaft gegen den Congreß, in der ich ja auch nicht völlig mit den Wiener Ansichten übereinstimnie, so weit geht, auch den nationalen Gedanken des Zionismus, dem er doch selber huldigt, gewissermaßen anzugreifen. Hat der Congreß eine Richtung, die sich nicht mit der unseligen deckt, so ist es umsomehr unsere Pflicht, als die Nächststchenden Alles daran zu setzen, auf dem Congresse selbst unsere Meinungen zur Geltung zu bringen, und ihn auf die praktischen Ziele hinzuweisen. Wir dürfen nicht vergessen, daß der Congreß unter allen Umständen stattfinden wird, und wenn man ihn aus München fortdenuncirt, eben in einer anderen Stadt, und unsere Aufgabe kann es nur sein, unseren Standpunkt zu kennzeichnen, zu zeigen, daß der Zionismus gleicherweise ein Schutz ist gegen ungesunde sociale Strömungen, wie auch gegen unberechtigte jüdische Sonderinteressen, daß der Nationaljude, eben weil er Idealist ist, nur umso freudiger und uneigennütziger ein guter Staatsbürger ist, weil er nicht darum deutscher Staatsbürger ist, um nur für seine schlanke Taille einen Officiersrock, für seinen schwarzen Anzug ein Kreuzchen oder ein Bändchen zu erringen. Es kommt auch darauf au, vor der breitesten Oeffentlichkeit der Wahrheit gemäß darzulegen, daß unsere Thätigkeit fich nicht gegen die Türkei richtet, der wir seit Jahrhunderten zu dauerndem Danke verpflichtet sind, sondern daß wir mit der Türkei in unserem eigensten Interesse Zusammenarbeiten müssen. Wir müssen allen denen, die von dem Bakschisch sich Hoffnung machen, zeigen, daß wir mit diesem Unwesen nichts zu thun haben dürfen, und nur mit Einwilligung der türkischen Landesregierung auf ehrlichem und gesetzlichem Wege im Lande unserer heiligen Vergangenheit an dem Wiederaufbau eines culturell und wirthschastlich gesunden Judenthums bauen wollen. Die Türkei weiß sehr wohl, daß für sie die jüdische Colonisalion die friedliche Eroberung einer neuen Provinz mit gewerblicher, steuerkrästiger, dem Staate und dem Monarchen treu ergebenen Bevölkerung bedeutet, und daß es ganz andere ihr selbst feindliche Einflüsse find, die bis jetzt dem gedeihlichen Fortgange unserer Colouisation im Wege stehen. Dies nicht so sehr der türkischen Regierung, als vielmehr uns selbst klar zu machen, ist auch eine That, die des Schweißes der Edlen werth wäre. Schon der Umstand, daß sich Juden aus allen Himmelsstrichen vereinigen, um jüdische Fragen in dem einen oder anderen Sinne zu discutiren, verdient die liebevolle Beachtung selbst aller Nichtbetheiligten. Warum sollen wir, die wir unser ganzes Leben, die ganze Summe unserer Lebensenergie ausschließlich in den Dienst des Judenthums stellen, darum dem Congresse und seinen Veranstaltern entgegentreten, weil uns die Form mißfällt, in der ein Theil der Einberufer seine Forderungen einkleidet? Wollen wir über dem häuslichen Streite keinen Augenblick die großen Gesichtspunkte vergessen, unseren armen und verfolgten Brüdern beizustehen, denen nur durch eine rationelle Colonisation Palästinas wirklich zu helfen ist. Weltchromk. Judenmorde in Perfie«. Der Schauplatz des neuesten Verbrechens ist Hanaquine, an der türkisch-persischen Grenze. Der Ort zählt ungefähr 800 jüdische Seelen, die bis jetzt in größter Sicherheit lebten und besser behandelt wurden, als in den anderen Theileu von Kurdistan und Irak. Da kam eines Tages ein religiöser Führer, ein „Alem" dorthin, der sich mit einer großen Menge von Schülern umgab, die er in die Gebräuche und Betrachtungen eines engherzigen Puritanismus einweihte. Diese Lehren haben einen ihrer Anhänger zum Morde geführt. Der Sectirer fragte seinen Lehrer, welches Schicksal der verdiene, der, nachdem er einmal zum Islam übcrgetreten war, in seine „Irrlehren" zurückfalle; der Geistliche antwortete, ihn zu tödten wäre eine That der Frömmigkeit. In Hanaquine gibt es einige Juden, die zum Scheine zum Islam übergegangen waren, sobald fie fich aber in der Türkei niederlassen durften, ihren alten Glauben wieder annahmen. Einer von ihnen, ein Barbier, wohnte seit zwanzig Jahren in Hanaquine. Am Montag kam ein Geistlicher zu ihm und bat ihn, ihm in einem benachbarten Garten am Arm zur Ader zu lassen. Der Jude ging mit ihm. Zwei Geistliche saßen an der Thüre. Zweifellos hatten sie den Auftrag, diese zu bewachen. Als er im Innern des Gartens angelangt war, bereitete unser Glaubensgenosse den Aderlaß vor. Sofort versetzte ihm der junge Alem einen Dolchstich und schnitt ihm darauf de» Kopf ab. Dann entfloh er unter den Augen einiger arabischer Bauern, die im Garten gleichgiltig dem Morde zusahen, in das Haus seines Lehrers. Der Lehrling des Opfers schlug Lärm. Auf sein Geschrei eilten einige Juden herbei und benachrichtigen den Kaimakam. Dieser Beamte begnügte fich zu antworten: „Bringt den Mörder herbei, und ich werde ihn in's Gefängnis werfen lassen." Unsere Glaubensgenossen wandten fich darauf nach Bagdad. Marschall Redjeb Pascha telegraphirte an den militärischen Kommandanten von Hanaquine, daß der Verbrecher verhaftet, gefangen genommen und vor Gericht gestellt werde. Die Juden in Hanaquine find sehr beunruhigt. Die Geistlichen, voller Wuth, einen der ihrigen verfolgt zu sehen, drohen noch weitere Verbrechen zu begehen. „Wir haben noch sechs Hinrichtungen auszuführen," sagen sie, „und werden die Schuldigen am hellen Tage in ihren Wohnungen oder Läden ergreifen." Die Judenunruhe« in Kutais. Eine späte Sühne haben die Judenunruhen in Kutais (Rußland) nun endlich vor dem Gerichte gefunden. Am 16. und 17. Oktober 1895 griff eine zahlreiche Menge der örtlichen, christlichen Bevölkerung, getrieben, wie es in der Anklageschrift heißt, durch das „Gefühl des religiösen und nationalen Hasses" das jüdische Quartier an, zerstörte viel Hab und Gut und verletzte viele Juden mehr oder weniger empfindlich. Erst am 17. October ließ der Militärgouverneur Truppenabtheilungen eingreifen, da die Polizei sich zu schwach erwies, um Ruhe zu schaffen. 39 Haupträdelsführer wurden verhaftet und vor das Kutaiser Bezirksgericht gestellt. Von diesen wurden 28 Personen freigesprochen, die übrigen 11 zur Entziehung aller Rechte und zur Anfiedlung in Sibirien verurtheilt. Die 11 Verurtheilten appellirten an das Obergericht in Tiflis und auch der Staatsanwalt legte gegen den Freispruch eines Angeklagten Protest ein. Das Obergericht hat jedoch den Protest des Staatsanwaltes zurückgewiesen und für 10 Verurtheilte das Urtheil erster Instanz bestätigt. Nur einer erhielt eine geringere Strafe, ein Jahr Gefängnis. Die Lage in Siebenbürgen. Die Bistritzer Zeitung schreibt: „Die Menge der Juden auch in unserer Stadt und dem Comitate muß bei jedem weiter Denkenden bange Besorgniß für das Bolkswohl wachrufen." Das Blatt jammert dann darüber, daß der Großhandel sich in den Händen der Juden befindet, daß fich auch „in den sächsischen Dörfern, die bisher judenrein, die Angehörigen des Auserwählten Volkes eingeschlichen" und die arbeitsame Bevölkerung verderbe. Antisemitismus in Deutschland. In Memel dauert die Ausweisung ausländischer Juden fort und nimmt immer strengere Formen an. Kränkliche und schwächliche Greise, die ohne Gefahr für ihre Gesundheit die Beschwerden einer Auswanderung kaum zu ertragen im Stande sind, werden unbarmherzig von Haus und Hof vertrieben. Zuerst hat man die armen russischen Flüchtlinge gastfreundlich ausgenommen, jahrelang haben fie in der Stadt gelebt und fich eingelebt, haben sich eine Existenz gegründet, und jetzt müssen fie sich wieder losreißen von Allem, was ihnen lieb und theuer geworden ist, müssen zum Stabe