Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 7 (16.7.1897)
- Article
- Reise nach der Türkei
- Date
- 1897-07-16
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 7. Seite 9. Lauf noch der Zündschwamm steckt. In Jagodina mußten wir Pomons besteigen, die von Pionniersoldaten ins Schwimmen gebracht wurden. Vier Stunden ruderten wir durch das meilenweite Inundationsgcbiet der Morawa und langten erst Abends in Tschupria an. Der Zug war diesmal ausnahmsweise fahrplanmäßig abgcgangen, da aber die Passagiere noch auf der Morawa schwammen, war er ohne diese fortgefahren. Dieser praktischen Hebung des Fremdenverkehres hatten wir es zu verdanken, daß wir Tschupria kennen lernten. Ein kleines Städtchen, wo das Gras noch zwischen den Rinnsteinen wuchert und schnatternden Enten und glucksenden Hühnern willkommene Nahrung bietet. Denkt man sich barhäuptige und barfüßige Bengelchen, zerlumpte Haiducken und grunzende Schweine hinzu, so hat man diese ganze Idylle im Kothe. Nächsten Abend waren wir in Nisch, wo uns eine weise Bahnvcrwaltung ebenfalls übernachten ließ. Wenn man bedenkt, daß wir fünf Nächte in serbischen Hotels zugebracht, wird man begreifen müssen, daß wir viel Blut haben lassen müssen. Am siebenten Tage fuhren wir endlich in Salonichi ein. Von der serbisch-türkischen Grenze an, änderte sich sofort die Situation. Tewsik Bey, ein Adjutant des Sultans, der mit uns von Belgrad aus gefahren war, hatte unsere Ankunft in die nächsten Stationen telegraphirt. In Uesküb, der größten S'adt der Strecke, fand sich Hafiz Mehmed Pascha ein, um uns auf türkischem Boden willkommen zu heißen und uns in echt orientalischer Gastfreundschaft zu bewirthen. — Salonichi und seine Juden find jedes für sich eine Fabel und beide zusammen ein Märchen. Diese engen, krummwinkeligen Gassen, diese niedrigen, aber in grellen Farben getünchten Häuser, die Störche hoch oben auf den schlanken Minarets und unten das lebhafte Gehaste, das Lärmen und Drängen am Hafen, die Vielfältigkeit der Sprachen und der Dialekte, dieses Großleben aber ohne einheitlichen Zug, ohne eine Grundmelodie, einer Ouvertüre vergleichbar, die sich aus dem Stimmen der verschiedensten Instrumente zusammensetzt — die Fabel vom Thurm zu Babel. Und der großknochigc, breitschulterige Jude mit den tiefschwarzen, funkelnden Augen und dem gebräunten Gesichte und dem freien, offenen Ausdruck darin, wie er sein Boot steuert durch diesen Wald von Masten, wie er die schweren Lasten hebt und trägt, und neben ihm sein Junge, der ihm Hilst und überall seine Handgriffe abguckt — es ist die Sage vom freien, stolzen Juden. Und wenn unser Auge sich loslöst vom Einzelnen und mit einem Blicke die Siadt voll und ganz zu fassen sucht, wie sie mild beleuchtet vom Glanze der Abendsonne daliegt, und die Juden, wie sie sich den Schweiß von der Stirne wischen und das Fez zurechtrücken und Feierabend machen, dann geht uns das Herz auf, halbvergessene Erinnerungen, längstverschollene Lieder steigen in uns auf und wie im Traume sehen wir rin Märchen, das Märchen einer jüdischen Stadt. — Salonichi ist eine Judenstadt xar excellence, unter 100.000 Einwohner sind 60.000 Juden. Das vorherrschende Joiom ist das Spagniolische. Man nennt Salonichi die Spagniolenstadt. Das Gewerbe und das Handwerk ruht in den Händen der Juden. Salonichi ist ein dankenswerther Ausflugsort für diejenigen, welche eine jüdische Nationalität leugnen. Ich werde Gelegenheit haben, über die Juden Salonichi's in einem späteren Artikel zu sprechen. Wir wurden vom Civilgouverneur und vom Muschir in der freundlichsten Weise ausgenommen und bekamen nebst Briefen an Edhem Pascha, die Ordre nach Larissa. In diesen Briefen wurden wir ausdrücklich als die jüdische Compagnie bezeichnet, die von Juden gesendet sei. Es berührte uns überhaupt ganz eigenthümlich, als der Muichir (Militärgouverneur) im Gespräche plötzlich aufsprang und uns mit überraschender Herzlichkeit die Hände drückte — unser Dragoman hatte ihm eben gesagt, daß wir Juden seien. Der Name „Jude" hat dort einen viel besseren Klang, als irgendwo in der Welt. Nach zweitägigem Aufenthalte verließen wir Salonichi und fuhren auf einem österreichischen Lloyddampfer nach Volo, einer zierlichen Hafenstadt, die sich wie ein Schmuckkästchen präsentirt. Die Straßen sauber, freundlich, ziemlich breit, die Häuser in hellen Farben gehalten, jedes Haus für sich ein Kunstwerk. Wir steuerten aus einen altgriechischen Tempel zu, und als wir näher kamen, fanden wir einen Kramladen. Wir sind enttäuscht, unsere Enttäuschung wächst aber. All' das was uns vom Hafen aus gesehen, wie ein reizendes Kunstwerk vorkam, ist nichts weniger als ein Kunstwerk. So wird man enttäuscht, wenn man elastischen Boden betritt. Der erste Mann, de» wir trafen, war ein russischer Jude, der seit 1883 in Volo lebt. Er schien nicht sehr entzückt zu sein über die griechische Verwaltung. I. S ch a l i t. (Fortsetzung folgt.! Gin Kries ans Palästina. Von Dr. Heinrich Loewe. Jaffa, Ende Juni 1897. In Anbetracht dessen, daß die Herren Rabbiner einen Feldzug gegen die Zionisten begonnen haben und selbst vor der Angeberei mit frommen Blick nach oben zum Himmel und zum Throne, ob es dort auch wohl bemerkt wird, nicht zurückgeschreckt sind, als ob wir schlechte Staatsbürger seien, so erlaube ich mir darauf aufmerksam zu machen, daß der große österreichische Patriot Tr. Güdemann aus Norddeutschland, der große preußische Patriot Dr. Maybaum in Berlin aus Ungarn gekommen ist. Nun die vernünftigen Nichtjuden werden begreifen, daß Leute, die selbst auf die Gefahr hin, als Fremde verschrieen und in ihren Rechten verkürzt zu werden, sich ehrlich als Nationaljuden bekennen und der Wahrheit die Ehre geben, im Allgemeinen doch bessere Staatsbürger sein und Thron und Staat uneigennütziger lieben werden, als jene, welche mit ihren nationaldeutsch-international-kosmopolitischen Phrasen nach allen Seiten hin gefallen möchten. In diesem Sinne ist es auch aufzufassen, wenn die von dem ungarischen Juden Dr. Gustav Karpeles herausgegebene „Allgemeine Zeitung des Judenthums" in Berlin, der schon seit einigen Jahren deutscher Staatsbürger geworden ist, es für nöthig findet, ihrem deutschen Patriotismus Luft zu machen. Wir in Deutschland geborenen und mit den Interessen unseres deutschen Heimatlandes auf's Innigste verwachsenen Juden finden es nicht für nöthig, in die Lärmtrompete der Deutschthümelei zu blasen, da uns die Treue zu Monarchie und Staat so natürlich ist, wie unsere deutsche Muttersprache. Es wird uns deshalb auch nie einfallen, Leute wie Dr. Maybaum oder Dr. Karpeles als schlechte Patrioten zu denunciren, wie es uns gegenüber geschieht, weil ihre Wiege an der Theiß, und nicht an der Elbe gestanden hat. Wer aber hat dann den beiden Rabbinern Dr. Maybaum und Dr. Vogelstein, die sich beide nicht gerade des vollkommensten Deutschthums rühmen können, das Recht gegeben, im Namen der „deutschen Judenheit" gegen die Abhaltung eines zionistischen Congresses zu protestiren. Ich frage die Herren, in wessen Namen und Auftrag denn sie reden?" Ich stehe durchaus nicht auf dem Boden des Congresses, da ich das Wort „national" in erster Linie culturell auffasse, aber als deutschbürtiger Jude und preußischer Staatsbürger muß ich mich entrüsten, wenn gerade diese Herren, die doch im Glashause sitzen, den Nationaljuden Mangel an deutschen Patriotismus vorwerfen I Es ist geradezu eine unglaubliche Ungeheuerlichkeit, wenn diese Herren schreiben: „Wenn die Bestrebungen der Zionisten von den österreichischen Juden gebilligt würden, dann dürsten diese sich nicht beklagen, daß sie von der Regierung als Fremde behandelt, und von den Staatsämtern ausgeschlossen würden" Also czechisch-, polnisch-, slovenisch- und slovakisch-national dürfte man in Oesterreich sein, ohne als Fremder von den Staatsämtern ausgeschlossen zu werden, jüdijch-national zu sein sei dagegen ein Verbrechen? Ich will nicht von unserer jüdischen Religion sprechen, die durch und durch national ist, denn mit ihr haben so viele der Herren „Rabbiner" längst gebrochen, nicht von unserer so unbedingt national-jüdischen Bibel, denn die Herren Dr. Maybaum und Dr. Vogelstein haben längst ... „bewiesen", daß diese Bibel von späteren Händen fabricirt wurde, aber daß man der jüdischen Wissenschaft die Schmach anlhut, zu behaupten, daß sie über das Nationaljudenthum abgeurtheilt hätte, das ist eine solche Lächerlichkeit, zeigt von einer solchen Unkenntniß der jüdischen Wissenschaft, daß es Werth ist, eine solche Unter-