Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 7 (16.7.1897)
- Article
- New-Yorker Brief
- Date
- 1897-07-16
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8. jk&wr Nr. 7. denn doch kein Zweifel darüber, daß die Vereitelung des Congresses in München nur das Werk der jüdischen Antisemiten ist. Wir weinen der Stadt München wahrlich keine Thräne nach, und es entspricht auch mehr dem Geiste unserer Bewegung, daß der Congrcß, in welchem über die Erlösung der Juden verhandelt werden soll, dort stattfinde, wo nach dem Dichter- Worte die Freiheit wohnt, in dem romantischen Lande der Berge. Wenn die Verlegung des Congresses von dem katholischen München nach dem freien Basel uns daher allerdings freut, betrübt es uns andererseits, daß die jüdischen Gegner unserer Bewegung eine Maulwurfsarbeit verrichten, anstatt uns am Congrefse offen und mit dem Gewichte ihrer Argumente entgegenzutreten. Die Bewegung selbst erleidet durch jene Arbeit keinerlei Schaden. Im Gegentheil. Sowie es nur oder zumindest hauptsächlich dem Jahrtausende hindurch währenden Drucke zuzuschreiben ist, daß den Juden ein gewisses Gefühl der Zusammengehörigkeit innewohnt, so wird auch die kleinliche Ränkesucht unserer Gegner nur dazu beitragen, die Zionsfreunde zu umso unermüdlicherem Wirken anzuspornen. Und die jüdischen Antisemiten werden sich aus Basel die Erfahrung holen, daß man die Flammen einer von wahrer Menschenliebe erzeugten Begeisterung mit einigen Kübeln Waffer unmöglich löschen kann. Die Reaction gegen die unmännliche Art des gegnerischen Verfahrens äußert sich Hier bereits in recht lebhafter Weise. So ist für Sonntag Abends nach der Eldridge Street-Synagoge eine große Massenversammlung einberufen worden, in welcher gegen die bekannten Resolutionen der hiesigen Rabbiner, wie auch gegen die Anmaßung Protest eingelegt werden wird, mit welcher sich einige reiche Auch-Juden für die maßgebenden Vertreter der in Amerika lebenden Judenheit hinstellen. Diese Versammlung wird für die Bewegung von entschieden eminenter Bedeutung sein, denn es haben sich zu derselben bereits einige tausend Juoen angemeldet, die durch ihr Erscheinen demonstrativ klarlegen wollen, daß das eigentliche Judenvolk mit jener Handvoll Einzclindividuen nichts zu thun hat und nichts zu thun haben will. Die Versammlung, welche Sonntag, al'v am 4. Juli stattfindet, fällt mit dem größten nationale» Feste der Bürger der Vereinigten (Staaten zusammen. Am 4. Juli haben die Amerikaner ihre Unabhängigkeit vom englischen Mutterlande erklärt und sich durch persönlichen Muth ein eigenes Land, eine Heimstätte für freiheitliche Institutionen errungen. Und weil das amerikanische Volk, das kein nationales Gebilde, sondern ein aus durchwegs Fremdkörpern zusammengefügtes Conglomerat war und ist, eines Druckes müde, fich vom Drucke Bi freit und vermöge seines freiheitlichen Geistes sich zum bedeutendsten Volke der Erdenrunde emporgearbeitet hat, verlacht es die volliönigen Exclamalionen der jüdischen Vollblut-Amerikaner und begleitet den Zionismus mit jen r Sympathie, welche jeder freie Mann einer freiheitlichen Bewegung zollt. Und es lebt in mir die unerschütterliche U bcr.engung, dan die Veiwirklichung des Zion'gedankens von der Jide bei> i» Amerika mit Hilfe des nichtjüdi'chen amerikanischen Voltes e fo gen wirx Schon zieht die Bewegung ungeahnte und unvorhergesehene Kreise m ch sich. Freilich sind es hauptsächlich „arme" Leute, die sich der Bewegung anjchließ n. Aber die B wegung ist ja eben eine Bolksbi lveguug, welche in erster Linie das Wohl der Atmen, der Unterdrückt n in's Aug faßt. Hier in Neu-Io kHab n die „Jung-amerikanischen Zionisten", über d ren Constituirung ich Ihnen bereits geschrieben habe, zwei gutb suchte Ver ammluiigen abgehalten, in welchen sie mit einem Eifer für dte Bewegung eintraten, welcher an die studentischen Bewegungen in den Märztagen recht lebhaft erinnert. Auch ein anderer studentischer Verein ist im Entstehen begriffen und schon in den nächsten Tagen wird ein zionistischerFrauenverein in Action treten. Unser Verein, der „Centralverein der amerikanischen Zionisten", arbeitet rastlos und zielbewußt. Montag werden wir eine große Agitationsversammlung abhalten. Der Zionismus hat überdies einen großen Sieg zu verzeichnen. Der einflußreichste Rabbiner der Ostseite, Herr Dr. Phil. Klei n ein Mann, der mit einem gewaltigen talmudischen Wissen eine bedeutende moderne Bildung in sich vereint und Seelsorger einer großen orthodoxen Gemeinde ist. hat sich offen zum Zionismus bekannt. In einer groß angelegten Predigt erörterte er letzten Samstag die Ziele des Zionismus und forderte die Mitglieder seiner Gemeinde zum corporativen Anschlüsse an die Bewegung auf. Wie zwerghaft, wie kleinlich nimmt sich gegenüber den ernsten, tief durchdachten Worten dieses Mannes das Gebelfer eines — Emil G. Hirsch aus. Herr Emil G. Hirsch bildet fich nämlich ein, ein großer Jude zu sein. Er ist ein Schwager des Dr. K. Köhler und spielt für 12.000 Dollars in Chicago den jüdischen Rabbiner. Dieser Herr Hirsch zieht nun in seinem Wochenblatte gegen Dr. Max Nordau los, weil dieser es wagt, sich für die Judenheit zu interessiren, trotzdem in seinen Büchern über jüdische Religion nichts zu finden ist. Unseres Wissens hat Nordau fich nie als Rabbiner ausgegrben, als solcher nie Gehälter bezogen und er frömmelt auch jetzt nicht. Sehen wir aber, wie es um die Religion dieses mit 12.000 Dollars dotirten jüdischen Rabbiners bestellt ist. Derselbe Mann, der Herrn Nordau mit sittlicher Entrüstung der Religionslosigkeit zeiht und für die Pflege der jüdischen Religion jährlich 12.000 Dollars einsackt, derselbe Mann verspottet als Rabbiner die jüdische Religion, indem er den Sabbath auf Sonntag verlegt und selbst die Thorarollen aus seiner Synagoge, die man eher ein Schauspielhaus nennen dürfte, verbannt hat. Religionsjude ist also der wohlbestallte Herr Rabbiner nicht, Nationaljude will er nicht sein. Ist er nun überhaupt Jude? Reise nach der Türkei. Zu Beginn des griechisch-türkischen Krieges stellten wir uns Sr. Excellenz Mahmud Nedim Pascha, dem türkischen Botschafter in Wien, vor und ersuchten ihn. uns als freiwillige Mediciner auf eigene Kosten und eigene Gefahr in die türkische Armee auszunehmen. Es war nicht nur die Humanität, die uns amrieb unsere schwache Hilfe armen Verwundeten angedeihen zu lassen; wir begrüßten mit Freude die Gelegenheit zu zeigen, daß der Zionismus sich nicht hinter schönen Phrasen verberge und daß er eine Bewegung der Menschlichkeit auch gegen Nichtjuden sei. Mit unserer Person wollten wir der Türkei dienen, um ihr zu danken für die gerechte und milde Behandlung unserer Brüder in ihrem Lande. Wenn wir schwach waren, so machte uns der Zionismus stark. N tch mehreren Wochen übermittelte uns der türkische Botschafter die Aufforderung des Kriegsministers, zum Armeecorps von Elassona und Janina abzurücken. 24 Stunden darauf verließ ich mir meinen Freunden, den Doctoren Schwarz, Stern, Donreich und Metall, Wien. In drei Tagen dachten wir in Salonichi zu sein. Allein die serbilche Eisenbahndirection meinte es mit uns besser. Ein vom Hochwasser verursachter Dammbruch machte unserer Reise vorläufig ein Ende. Wir blieben in Belgrad 3 Tage und thaten dasselbe, was auch Nichtexpeditionsmitglieder in solchen Lagen zu thun pflegen. Wir übersetzten ohne jegliche Sprachkenniniß unser Geld ins Serbische und studirten Stadt und L ute. Beides ging rascher von fich, als wir dachten. Nachdem wir genügende I» so > mationen eingeholt und ausg geben, die Bahnverbindung noch nicht herg> stellt war, mußten wir eine andere Fahrgelegenheit suchen. Wir fuhren mit der Bahn nach Bagodan. Von hier aus auf Leiterwagen nach Jagodina. Diese vierstündige Fahrt durch eine der reizendsten, aber auch gefährlichsten Gegenden Serbiens machte uns schon mit den Annehmlichkeiten vertraut, denen wir entgegengingen. Längs des Weges waren in gröberen Zwischenräumen zum Schutz der Reisenden gegen räuberische Unfälle Wachtposten aufgelegt. Denn diese wenig Vertrauen einflößenden Wächter lagen in beschaulicher Ruhe auf ihren Bauch hingestreckt und balancirten auf den Fußsohlen ihre alten Schießprügel, in deren