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Die Welt · 1897-07-16 · 7 (16.7.1897) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
7 (16.7.1897)
Article
Leroy-Beaulien über Antisemitismus
Date
1897-07-16
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seit« 4. jpit$wtr M. 7. ihm dafür dankbarer, wenn er nicht irrthümlich als Vertheidiger der Juden gälte. Wir brauchen nicht zu untersuchen, wer an diesem Mißverständnisse Schuld trägt: er selbst oder Andere; vielleicht nur seine zu subtile Stellungnahme. In solchen Meinungskämpfen, wie sie die Judenfrage veranlaßt, ist die eontrsäiotio in adjecto unbegreiflich und darum uuerträglich. Man kann kein judengerechter Antisemit, kein welfischer Waibling sein. Im dritten Theile, welcher die ökonomische Seite der Frage behandelt, erklärt Leroy-Beaulieu, wie die Juden durch geschichlliche Umstände auf den Handel, auf das Geldgeschäft geworfen wurden; wie das einst ackerbauende und kriegerische Volk entkräftet wurde; wie es dennoch die körperliche Arbeitslust nicht verlor, B.weis die Massenverhältnisse im Osten Europas, das furchtbare Sweating in England und Amerika, wo man den Juden nicht Parasitismus im Zwischenhandel, sondern die Erniedrigung des Standard of life der Arbeiter vorwirft. Wir wissen das Alles sehr genau, aber er sagte es den Antisemiten. Diesen geht das freilich zu einem Ohr hinein und zum anderen hinaus. Sie klagen über einen Zustand, es ist ihnen gleichgtltig, wie er historisch zu erklären sei. In seinem nationalökonomischen Wesen ist der Antisemitismus eine schutzzöllnerische Bewegung. Sah man das nicht vor Kurzem selbst im „judenfreundlichen" Ungarn bei der merkwürdigen, viel zu wenig beachteten Grenzsperre gegen die russische Einwanderung? Herr Leroy-Beaulieu versteht so viel, er versteht so fein; nur seine Zeit versteht er nicht. Er glaubt noch starr an das laissez faire, laissez aller. Das ist vorbei. Ob man darüber jammere oder juble, es ist vorbei. Man wird irgendeinmal wieder dazu kommen, jetzt steht die Welt in einem anderen Zeichen. Herr Leroy-Beaulieu liebt die Juden nicht, und dennoch bekämpft er den Antisemitismus; hier sind wir endlich bei der Erklärung dieses Widerspruchs. Er ist ein Liberaler, starr doktrinär, von der alten Schule, linkes Centrum. Seine Principien sind ihm theuerer als seine Antipathie. Die Antisemiten sind einheitlicher gesinnt, vielleicht weil sie ihre Principien nach ihrer Antipathie richten. Und Herr Leroy-Beaulieu zieht aus seinen Prämissen seine Schlüsse. Er ist für Freiheit, gleiches Recht für Alle; erstens, weil das sein Princip ist; zweitens, weil es in der Judenfrage keinen anderen Ausweg gibt. Welche Lösungen schlagen die Antisemiten vor? Ausnahmsgesetze oder Austreibung der Juden. Beide hält Leroy-Beaulieu nicht für empfehlenswerth. Die Ausnahmsgesetze, die er in Rußland zu studiren Gelegenheit hatte, bewährten sich nicht. Auch wäre das in einer Autokratie Mögliche schwer in eine Demokratie zu verpflanzen. Gegen die Austreibung aber spräche nach seiner Ansicht namentlich, daß der Judenaustreibung später die Austreibung Anderer, endlich der Jesuiten folgen könnte. Hiezu kommt die Schwierigkeit, daß man auch in sonderen Ländern die Juden ausweisen möchte. Wohin sollten die alle gehen? „Das Problem scheint mir unlöslich," schreibt er und fügt gleich hinzu:; „Allerdings gebe es noch ein Verfahren, das zu verschweigen meine Loyalität mir. verbietet. Das wäre die Wiederherstellung des Judenstaates." Und er spricht kurz von unserer zionistischen Bewegung. Doch glaubt er nicht, daß die Errichtung des Judenstaates die geeignete Lösung wäre. Das wundert uns weiter nicht nach seinen Voraussetzungen, insbesondere nicht nach der Schwäche seiner Bemerkungen über die nationale Seite der Judenfrage. Er meint auch, daß das Land unserer Väter nicht mehr Raum genug für uns hätte. Das lasse er unsere Sorge sein. Zunächst würden nicht alle Juden hingehen. Die sich Wohlbefinden, würden bleiben, wo sie sind, bis ihre Vermögen zerfallen, sie und ihre Familien in der jetzigen Umgebung resorbirt find. Es wäre ja nicht einmal im Interesse der antisemitischen Länder, alle Juden zu verlieren. Es würde ein gesunder Abfluß beginnen und dauern, so lange der Antisemitismus dauert. An dem Tag, in der Minute, wo die Stimmung eines Landes zu Gunsten der Juden umschlägt, rührt sich keiner mehr vom Fleck, gewiß kein Gütsituirter. Der Zionismus gibt den Völkern das Mittel au die Hand, sich die Anzahl ihrer Juden nach dem Bedürfniß zu reguliren. Das, das ist die Lösung der Judenfrage. Und was sollte mit den jetzigen Bewohnern Palästinas, mit Muselmanen und Christen geschehen? erkundigt sich Herr Leroy-Beaulieu. Was? Die wären nach unserer Ansicht am besten daran, weil fie Arbeit, Verkehr und Cultur in ihr armes verkarstetes Land bekämen. Und was sollte mit den heiligen Stätten geschehen? Wir glauben, daß diese nie mehr in den Besitz irgend einer Macht gelangen werden. Sie sind Völkerrechtlich wohl für ewig extra Commercium. Was Allen gehört, kann und wird Niemandem gehören. Wer vermag es sich vorzustellen, daß die verschiedenen christlichen Confefsionen den Besitz der heiligen Orte einer einzigen in Besitz gäben. Die wachsende Differenzirung der christlichen Bekenntnisse hat ja so weit geführt, daß man sich dabei beruhigte, die heiligen Orte in der Hut von Nichtchristen zu wissen. Und angenommen, aber nicht zugegeben, daß es jemals dazu käme, ist es noch mehr denn fraglich, ob man gerade dem officiell irreligiösen Frankreich die res sacrae der Culturwelt überließe. Das ist nämlich die Idee des Herrn Leroy-Beaulieu, wie er die Buchöffentlichkeit vergessend, gesteht, „da wjir hier unter uns Franzosen sind." Er möchte — partant pour la Syrie — nach der Theilung der Türkei das Land der Juden für Frankreich haben. Nun, mit der Theilung der Türkei hat es noch seine guten Wege. Seit Herr Leroy-Beaulieu seinen Vortrag hielt, hat die Türkei ganz gediegene Proben ihrer Lebenskraft gegeben. An die Theilung der Türkei denkt gegenwärtig kein ernster Politiker mehr. Freilich braucht die Türkei dringender als je eine finanzielle Hilfe, und diese wird sie nur durch die Juden erhalten können. Es handelt sich nicht darum, dem Sultan eine Provinz zu nehmen, sondern nur darum, eine völkerrechtliche gesicherte Heimstätte für diejenigen Juden zu schaffen, die anderswo nicht existiren können. Wir haben das schon oft gesagt, und wir werden es unermüdlich fortsagen, bis man uns versieht. Wir Zionisten gehen unseren Weg weiter, ungebeugt, unverdroffen, unter Spott und Anfeindungen, über Jntriguen und Gemeinheiten hinweg, bis man uns versteht. Aber wenn uns Krämer, 'Eigensüchtige und niedere Leute mißverstehen, die Liebhaber der schönen und großen Ideen sollten uns ihre Sympathien schenken. Das ist doch nichts Geringes: die Renaissance eines unglücklichen, verlorenen Volkes. Ein Leroy-Beaulieu der Zukunft wird vielleicht unsere Bewegung — ob sie gesiegt haben oder unterlegen sein wird — mit Wohlwollen schildern. Für den Leroy-Beaulieu von heute aber — er wird diese Zeilen lesen — wollen wir den Duft und die Musik Beranger'scher Verse hierhersetzen, deren er sich vielleicht nicht mehr entsinnt. Er wird fie gedankenvoll genießen. *) Combie-n de temps une pens4e, Vieige obscure attend son epoux! Les sots la traitent d’insensee, Le sage lni dit: Cachez-vous. Mais la rencontrant loin du monde, Un fou, qui croit au lendemain, L’epouse: eile devient feconde Pour le bonheur du genre humain. *) Wörtliche Übersetzung: Wie lange harrt eine Idee Als dunkle Jungfrau ihres Freiers! Die Dummen schelten sie verrückt, Der Weise spricht zu ihr: verbirg Dich! Da trifft sie fern von allen Leuten Ein Narr, der noch an Morgen glaubt, Und freit sie; da sie fruchtbar wird, Ist es der ganzen Menschheit Glück. -sfr -sfr *9r *\fr *\?r -sfr *\fr ^r *\!r An unsere Leser! Rach Beendigung der Erzählnug „Ariel Acosta" von I. Zangwill dringe« wir die ausgezeichnete Novelle Chanm Ilabitt von I. Okonski. Die Redaction. 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