Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 7 (16.7.1897)
- Article
- [Nachricht]
- Date
- 1897-07-16
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 7. JTI^WdT Seit« 3. Bündel, sie gehen weg; das Land, in dem fie nichts Böses angestellt haben, in dem sie nnr den unbescheidenen Versuch machen wollten, zu leben, es ist ihnen fortab als Aufenthaltsort verboten. Und da steht nun eine Frage. Legt sich die Niemand vor,' der liest, daß Familien, bestehend aus Männern, Weibern, Kindern, Greisen, Kranken plötzlich fort muffen! Wohin gehen die Leute? ist die Frage. Wohin? ... * * * In den letzten Tagen gab es eine überaus glanzvolle Theater-Vorstellung. Man gab: „Die theoretischen und die praktischen Antisemiten". Posse in 2 Acten nebst einem Intermezzo. Ort: Mährisch-Auffee. Schauplatz: Hauptversammlung des Nordmährerbundes. Der Hauptgedanke der Comödie ist kein neuer. Erster Act: Die Germanen Druschba, Bodirski und Genossen aus Wien stellen den Antrag, es möge die Mitgliedschaft des Bundes auf Deutsche rein germanischer Abstammung beschränkt, d. h., Juden von der Aufnahme ausgeschlossen werden. Sturm und Gewitter. Intermezzo: Variation über das Thema: .. argentnm, etsi judaicum, non ölet“. 2. Act: Der Obmann erklärt: „Wir sind ebenso Deutsch-Nationale und ebensolche Racen-Antisemiten wie die Wiener. Da wir aber ohne die jüdischen Gelder ruinirt wären, so wollen wir hier in Mähren nnr „theoretische" Antisemiten sein und nicht auch „praktische" wie die Wiener". (Oho und Heilo.) Es wird hierauf der Antrag, der Bund möge auch weiterhin blos „theoretisch" antisemitisch bleiben, d. h., er solle auch für die Zukunft jüdisches Geld annehmen, mit dreifünftel gegen zweifünftel der Stimmen angenommen. Der Vorhang fällt. Die anwesenden Juden klatschen stürmisch Beifall, und Freudenthränen rieseln über ihre Wangen... Die (socialpolitische) „Brünner Sonntags-Zeitung" widmet dieser Posse eine längere Recension und schließt mit den Worten: „Wenn aber auf Grund solcher Erfahrungen sich die mährischen Juden nicht schleunigst entschließen, die Gemeinschaft solcher moralisch so überaus hochstehender Racenangehörigen zu meiden, und auf eigene Rechnung ihrem eigenen Bedürfniß entsprechend von allen Deutschvolklichen und auch Deutschliberalen unabhängig Deutsch zu sein: dann sollen sie nur ja von anderen nicht jene Achtung verlangen, die sie sich selbst versagen." Arme Juden! Jnne»halb eines Jahres waren sie bereits Deutschliberale, Deutschfortschrittliche, Socialpolitiker, Socialdemokraten. Jetzt sollen fie „Deutsche auf eigene Rechnung und Gefahr" werden. Die führenden Brünner Juden, die noch immer nicht wissen, daß sie Juden sind, sprechen das gläubig nach. So erscheint die Judenftage für Mähren gelöst. Leroy-Beaulieu über Antisemitismus. (Schluß). Herr Leroy-Beaulieu schadet uns, wie uns manche unserer Nation entftemdete Juden schaden, und deren Gedankengänge sind auch öfters die seinigen. Verhältnismäßig am schönsten und großmüthigsten raisonnirt er gegen den religiösen Antisemitismus. Das ist der erste Theil seiner Ausführungen. Zunächst berichtigt er den Jrrthum, als ob die antichristliche Bewegung des vorigen Jahrhunderts, namentlich in Frankreich, von den Juden ausgegangen wäre. „Es war kein Jude, der das Losungswort Lvrasons l’infäme! ausgab. Voltaire war es, und statt ein Zögling oder Freund der Juden gewesen zu sein, könnte er eher von den Antisemiten als einer ihrer Vorläufer rcclamirt werden." Unter Ludwig XVI. gab es in Paris kaum einige hundert Juden, die Meisten waren arm und unbekannt, in entlegene Borstädte verwiesen. Die waren zu schwach, um irgendwelchen Einfluß auf die Revolution, auf die Verweltlichung und Entchristlichung der modernen Gesellschaft nehmen zu können. Später freilich scheinen die Juden an der Entchristlichung der Gesellschaft gehörig mitgeardeitet zu haben. Wie haben fie das gethan? Als Einzelne oder in jüdischen und verjudcten Dereinigungen. Als Einzelne waren und find sie ohnmächtig. Bon jüdischen Vereinigungen kennt Lervy Beaulieu nur eine nennenswerthe: die Alliance Jsraelite Universelle. Und als Verjudete Bereinigung wäre höchstens die Freimaurerei zu erwähnen. Leroy-Beaulieu erklärt die Beschaffenheit der Alliance Jsraelite, die in den Siebziger Jahren von Cremieux gegründet wurde und in allen Ländern, namentlich in den barbarischen, die Interessen der Glaubensgenossen, die Freiheit der Religions- Übung und die Sicherheit der Personen gewährleisten sollte. Er findet gegen diese der „Evangelischen Allianz" nachgebildete Vereinigung nichts einzuwenden. Wir Zionisten find da anderer Ansicht als Herr Leroy-Beaulieu und die Allianzjuden. Wir halten diese Einrichtung für eine thörichte. Nie hat eine Vereinsnarrethei im Verhältniß zum äußersten möglichsten Nutzen so viel geschadet, wie diese komische „Universelle Allianz", die weder universell, noch eine Allianz, und am allerwenigsten jüdisch ist. Mit ihrem pomphaften und leeren Namen hat diese Allianz unsere Gegner glauben gemacht, daß eine geheime internationale Verbrüderung zur Herstellung einer jüdischen Weltherrschaft bestehe. Je eher diese Allianz vom Erdboden verschwinden wird, desto besser wird es sein. Wir Zionisten sind auf das Deutlichste und Entschiedenste gegen jede solche internationale Vereinigung von Juden, die, wenn sie wirksam wäre, den mit Recht verpönten „Staat im Staate" vorstellte, und da sie machtlos und nichtssagend ist, nur Nachtheile bietet. Es ist hier nicht der Platz, unseren entgegengesetzten Standpunkt ausführlich zu erklären. Nur das sei gesagt, daß wir zur Lösung der Judenfrage nicht einen internationalen Verein, sondern eine internationale Discusfion wünschen, das heißt: nicht Bündeleien, geheime Interventionen, Schleichwege, sondern die freimüchige Erörterung unter der beständigen und vollständigen Controle der öffentlichen Meinung. Sehr interessant sind die Ausführungen Leroy-Beaulieus über die Freimaurerei. Er weist nach, daß die Juden erst spät, in manchen Ländern noch jetzt nicht in die Logen gelangen konnten. Der Anticlericalismus der Freimaurerei ist also nicht das Werk der Juden, wenn sie auch allmälig und vielleicht mit Leidenschaft daran theilgenommen haben. Es war wohl der größte politische Fehler der eben erst freigelasscnen Juden. Psychologisch ist dieser Fehler allerdings erklärbar. Mit einer wahren Wonne nahmen Viele am Sturm gegen die Kirche theil, von der aus die Juden Jahrhunderte hindurch so bitterlich verfolgt worden waren. Auch auf diesem Punkte ist unsere Erziehung seither vervollständigt worden. Der moderne Jude wird auch, wenn er ein Freidenker ist, ja dann erst recht, Jeden nach seiner Fayon selig werden lassen. Haben wir etwa jetzt Religionsfeldzüge zu führen, wir, die solche nicht einmal zur Zeit unserer staatlichen Existenz führten, wir, die niemals Proselyten machen wollten? Vor den Geheimnissen des Lebens stehen auch wir mit dem demüthigen Wort „Jgnorabimus"! Für die Zustände der Schwachen, für die Erziehung der Jugend und für den Abschiedstrost der Alten scheint uns die Religion noch immer unersetzlich. So war denn der Anticlericalismus der Juden nichts als Rancune. Und Rancune ist die dümmste Politik. Wir büßen fie. Schwach ist Leroy-Beaulieu in der Besprechung des nationalen Antisemitismus. Wir werden bei der Conclusion sehen, warum. Den nationalen Antisemitismus erläutert er ausweichend. Er mahnt nur die Katholiken, den Vorwurf des Kosmopolitismus nicht leichthin zu gebrauchen; denn auch die Kirche sei kosmopolitisch, sie sei es vor allem. Er constatirt, was wir ja zur Genüge wissen: daß die Juden noch vor wenigen Jahren überall im Begriffe waren, sich zu affimiliren und daß diese Bewegung gerade durch diejenigen zum Stillstand gebracht wurde, die den Juden vorwerfen, daß sie nicht in der fie umgebenden Bevölkerung aufgehen. Er spöttelt ferner über den ethnographischen Dilettantismus der Antisemiten. Die Juden seien keine zusammenhängende Race u. dgl. Als ob die judenfeindliche Bewegung dadurch irgendwie alterirt würde, daß ihr Schlagwort wissenschaftlich bemängelt werden kann. Das ist Gelehrtennaivität. Konnten und mußten wir vorhin mit Leroy-Beaulieus eigenen Worten feststellen, daß er kein Freund der Juden ist, so werden wir im dritten Theil seiner Ausführungen finden, daß er den Juden dennoch kein Unrecht thun will. Wir wären