Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 7 (16.7.1897)
- Article
- Protestrabbiner
- Date
- 1897-07-16
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Sekte 2. jpu$vwr Nr. 7. und den späteren Religionsquellen beweist unser Freund die Richtigkeit der zionistischen Bestrebungen. Aber wir versagen es uns, diese Gründe in's Treffen führen zu lassen, weil es sich nicht um eine theologische Discussion handelt. Und nun kommen wir zu Punkt zwei. Was soll daS heißen, wenn „das Judenthum seine Bekenner verpflichtet, dem Vaterlande, dem sie angehören, mit aller Hingebung zu dienen" u. s. w.? Das hat doch nur einen denunciatorischen Sinn. Man merkt übrigens, daß die Wiege des Herrn Maybaum nicht in Deutschland gestanden ist. Die Protestrabbiner von Frankfurt, Breslau, Halberstadt und München hätten einen des Deutschen mächtigeren Schriftsteller mit der Abfassung der Urkunde betrauen sollen. Ein Deutscher schriebe nie: „das Vaterland, dem ich angehöre", sondern „mein Vaterland", „dein Vaterland", „ihr Vaterland". Man gehört einem Vaterland nicht an. sondern es gehört Einem; jedem Einzelnen gehört das ganze Vaterland. Wem aber sein Vaterland nicht gehört, der ist übel dran. Er liebt es darum noch immer, weil er eben nicht aufhören kann, es zu lieben. Diese Liebe äußert sich nicht in hohlen Declamationen, fie schließt jede Opferbereitschafl ein; aber sie schließt nicht aus, daß sich die Energischen auf sich selbst besinnen und nach einer Lösung suchen, durch die Abhilfe geschaffen werden kann. Und es ist durchaus keine Spitzfindig, keit in der Auffaffung der Zionisten: daß Jeder seinem Vaterland ebensosehr diene, wie der Nation, der er angehört — hier ist das Wort am Platze — wenn er den inneren Frieden der Bürgerschaft durch eine vernünftige und moderne Colonisationsbewegung herbeizuführen trachtet. Die fünf Herren verbeugen sich übrigens beim dritten Punkt, welchen man den ausweichenden nennen kann, auch vor den „edlen Bestrebungen", jüdische Ackerbauer in Palästina anzusiedeln. Und das enthält eine leichte aber verständliche Augendienerei gegenüber gewissen wohlhabenden Glaubensgenossen, die für die Colonisation große Opfer bringen wollen. Wir Zionisten halten nun freilich die Bauernanfiedlung für thörichter als edel, wenn es ohne völkerrechtliche Garantien geschieht. Wir wollen ja unsere armen, schwerbedrückten, verfolgten Brüder nicht nur in der Hast fortschaffen, sondern auch ihre Zukunft sichern. Und daß wir diese Garantien Herstellen wollen, das wagt man zu verdächtigen, anzugreifen? Die fünf Herren schließen mit der dringenden Aufforderung, man möge sich von dem „trotz aller Abmohnungen noch immer geplanten Congreß" fernhalten. Die Herren mögen abmahnen so viel sie wollen, der Congreß findet statt, weil er stattfinden muß, weil das zerstreute Volk seiner mit Sehnsucht und Hoffnung harrt. Beispiellos ist die Lage der Juden, und es wäre uns versagt, darüber in Ruhe und vollster Gesetzlichkeit, unter den Augen aller Welt zu berathen? Welcher rechtschaffene Christ wird darin etwas Tadelnswerthes finden? Wenn unsere Bestrebungen keine Sympathien erwecken, so werden uns die Mächtigen dieser Erde einfach nicht unterstützen, so werden uns die Völker nicht bei dem Erlösungswerke helfen — und der Jammer wird eben fortdauern. Wessen Lage verschlechterNj wir damit? Gibt es einen einzigen Vorwurf, den man uns nicht schon früher machte? Die Brand- und Hetzreden, die neunundneunzigmal gegen uns geführt wurden, wird man zum hundertsten Male halten. Mer auch das glauben wir nicht. Wir haben deutliche Zeichen dafür, daß unsere Loyalität und Offenheit selbst unseren Gegnern, vor die wir ruhig hintreten, nicht mißfällt. Schließlich spricht doch ein großes Leiden aus unserer Bewegung, und mit dem Menschlichen findet man immer den Weg zum Herzen der Menschen. Wer wird es uns verübeln, wenn wir, die zumeist nicht unmittelbar betroffen sind, am namenlosen Elend unserer Brüder nicht kalt vorübergehen? Wo aber waren und sind die Protestrabbiner mit ihren Protesten, wenn unglückliche Juden, unglücklich nur, weil sie Juden sind, beschimpft, beraubt und erschlagen wurden und werden. Jetzt in Algier, und jetzt in Rußland, bald in Persien nnd bald in Galizien, hier und dort und überall Klagerufe. Und die Protestrabbiner murmeln dann höchstens in ihren Verdauungsstunden etwas von einer Mission; von einer Mission, die der krasseste Hochmuth wäre, wenn sie überhaupt etwas bedeutete, denn die Culturvölker würden und wüßten sich entschieden verbitten, von uns missionarisirt zu werden. Wenn es eine jüdische Mission gab, so war es das Christenthum, und das ist auf die Herren Protestrabbiner nicht mehr angewiesen. Der Zionismus aber, das sehen wir immer deutlicher, wird zu einer heilsamen Krise des Judenthums werden. Die Gegensätze, die entstehen, müssen zu einer Klärung verrotteter Verhältnisse, und endlich zu einer Läuterung des Volkscharakters führen. Alles ist zum Guten! Es ist auch zum Guten, daß manche Rabbiner gegen ihr eigenes Volk eine solche Stellung einnehmen. Und wäre es auch nur, daß eine neue Bezeichnung für diese Herren gewonnen wurde, so ist auch das schon von Werth. Ein Mohilewer, ein Rülf, edle, bewunderswerthe Männer, die in ihren treuen Herzen jedes Leid ihrer armen Glaubensgenossen mitlitten, die mitten drin im Volke stehen, wo es am schwersten verfolgt wird — sie hießen nicht anders, als der erstbeste Hochzeits- oder Leichenredner. Jetzt haben wir die Unterscheidung. Damit fie fürder nicht mit den guten Rabbinern verwechselt werden, wollen wir die Angestellten der Synagoge, die sich gegen die Erlösung ihres Volkes verwahren, die Protestrabbiner nennen. 2. Die Woche. Wien, 15. Juli. Ein Judenexceß in Tarnow. Wir verzeichnen ihn, wie die anderen, die uns aus aller Welt zugebracht werden. Er wird noch viele Nachfolger haben. Wir verzeichnen den traurigen Vorfall ohne jede Uebertreibung; er ist nicht bedeutsamer als die übrigen, leider auch nicht unbedeutender. Diesmal haben Soldaten gegen die Juden excedirt. Ist es nur einer der Fälle, die in den Blättern unter der gleichförmigen Spitzmarke „der Säbel" von Zeit zu Zeit auftauchen? In den finsteren Zeiten der Geschichte, an die wir nicht ohne Beklemmung zurückdenken können, ist es jedenfalls nicht anders zugegangen. Da taumelt roh und blutrünstig ein Stück Mittelalter durch die Gassen einer jetzigen Stadt, und es gibt eine Angst, die alte Angst, die immer wieder auflebt. Neu ist eigentlich nur, daß die Nachricht schon am folgenden Tag in allen Blättern der Welt steht, und daß sie am zweiten Tag — vergessen ist. Es muß vielleicht so sein. Die öffentliche Meinung regt sich darüber nicht weiter auf. Sie constatirt das Ereigniß, wie sie den Neumond, den ersten Schnee oder den ersten Maikäfer meldet. Die Juden sind offenbar dazu da, daß von Zeit zu Zeit an ihnen Excesse begangen weiden. Das ist möglicherweise ihre vielgesuchte „Mssion". -l- * * Die Wiener antisemitische Bewegung wird merklich zarter, wenigstens ist fie in zartere Hände übergegangen. Jetzt find es die Damen, die sich um die Agitation verdient machen. Die Männer regieren im Gemeinderathe dieser guten Stadt und sind zuweilen schon zu den Opportunismen genöthigt, aus denen jede Regierung besteht. Sie müssen „direct oder indirect" doch mit gewissen Juden in Fühlung kommen, sie müssen Geschäfte mit ihnen machen, wobei die Juden sich wohl in die faltigen Gewänder hüllen, die man Actiengesellschasten nennt; aber es ist doch männiglich bekannt, was dahinter steckt. Das sind die „großen" Juden, denen also wie vorauszusehen war, nicht viel geschieht. Aber die Kleinen I Die Kleinen sind nun den Frauen überantwortet, den antisemitischen Bezirksdamen von Simmering und ähnlichen Gegenden. Da wird der Boycott der jüdischen Geschäftsleute erklärt — wohlgemerkt der schwachen, hilflosen, deren Betrieb nicht von actionärer Größe ist. So daß sich der Volksunmuth an dem klagenden armseligen Krämer oder Hausirer kühlt, der in einem Monat sauerster Arbeit nicht so viel verdient, als die hinaufgepeitschte Coursdifferenz einer einzigen Tramwayactie in der letzten Woche betrug. -I- * * Ans Memel wurden wieder mehrere Familien ausgewiesen. Es waren „Fremde", Juden nämlich. Sie schnüren also das