Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 7 (16.7.1897)
- Date
- 1897-07-16
- Page
- 1 (sequence 3)
- Language
- German
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Veit O =o Redaction und Administration -. Wien II.» Rembrandtstraße 11. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 10 kr. O------. o Nr. 7. I. Jahrgang. Erscheint jeden Freitag. Wien, 16. Juki 1897. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration Wien, II., Nembrandtstraße 11, zu richten. Unfrankirte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. Bczu -spreise. Jur Hesterr.-Zlngarn: Halbjährig 3 fl. — 6 Kr. Ganzjährig 6 fl. 12 Kr. Jür das Ausland: Halbjährig 4 fl. 8 Kr. Ganzjährig 8 fl. 16 Kr. Einzelne Nummern 15 kr. Protestralrbmer. Das Neueste in der Judenbewegung sind die Protestrabbiner. Max Nordau hat diesen Typus bereits mit einem Worte gebrandmarkt, das bleiben wird: Es sind die Leute, die im sicheren Boot sitzen und den Ertrinkenden, die sich an den Bootrand klammern möchten, mit dem Ruder auf die Köpfe schlagen. So ist schon der gewöhnliche aggressive jüdische Zionsfeind. Nimmt man noch die Anstellung als „Seelsorger" einer größeren Gemeinde hinzu, so ist der Protestrabbiner seriig. Fünf solche Protestrabbiner haben im „Berliner Tageblatt" und an anderen Orten die nachstehende Erklärung erlassen: Der geschäftSführende Vorstand des Rabbinerverbandes in Deutschland: Dr. May bäum (Berlin), Dr. Horovitz (Frankfurt), Dr. Guttmann (Breslau), Dr. Auerbach (Halberstadt), Dr. Werner (München) veröffentlicht folgende Erklärung: „Durch die Einberufung eines Zionisten-Congreffes und durch die Veröffentlichung seiner Tagesordnung sind so irrige Vorstellungen über den Lehrinhalt des Judenthums und über die Bestrebungen seiner Bekenner verbreitet worden, daß der Unterzeichnete Vorstand des Rabbinerverbandes in Deutschland es für geboten erachtet, folgende Erklärung abzugeben: 1. Die Bestrebungen sogenannter Zionisten, in Palästina einen jüdisch-nationalen Staat zu gründen, widersprechen den messianischen Verheißungen des Judenthums, wie sie in der heiligen Schrift und den späteren Religionsquellen enthalten sind. 2. Das Judenthum verpflichtet seine Bekenner, dem Vaterlande, dem sie angehören, mit aller Hingebung zu dienen und dessen nationale Interessen mit ganzem Herzen und mit allen Kräften zu fördern. 3. Mit dieser Verpflichtung aber stehen nicht im Widerspruch jene edlen Bestrebungen, welche auf die Colonisation Palästinas durch jüdische Ackerbauer abzielen, weil sie zur Gründung eines nationalen Staates keinerlei Beziehungen haben. Religion und Vaterlandsliebe legen uns daher in gleicher Weise die Pflicht auf, Alle, denen das Wohl des Judenthums am Herzen liegt, zu bitten, daß sie sich von den vorerwähnten zionistischen Bestrebungen und ganz besonders von dem trotz aller Abmahnungen noch immer geplanten Congreß fern halten." Das ist ein merkwürdiges Document. Der erste Eindruck, den wir davon haben, ist, daß es das Ansehen der Juden nicht gerade erhöhen wird. Die ganze Erklärung ist ja, wie jeder Jude auf dm ersten Blick sieht, nach außen hin gewendet. Es ist eine jener verächtlichen und verachteten Betheuerungen, die um die Gunst der Feinde winseln. Zum Glück sind nicht alle Rabbiner so. Namen, wie die von Mohilewer in Bialystok, Zadok Kahn in Paris, Rülf in Memel, Gaster in London und viele, viele andere können wir nur in aufrichtiger Verehrung nennen. Und wir thun es nicht als Parteileute. Der Zionismus ist keine Partei. Man kann zu ihm von allen Parteien kommen, gleichwie er alle Parteien eines Volkslebens umfaßt. Der Zionismus ist das jüdische Volk unterwegs. Und darum ist das V rhalten der Protestrabbiner ein ungeheuerliches. Will Einer von der jüdischen Nation, aus der er stammt, sich wegwenden und zu einem anderen Volk übergehen, so mag er es nur thun. Wir Zwnisten werden ihn nicht aushalten. Nur ist er ein Fremder für uns. Seine neuen Volksangelegenheiten kümmern uns nicht näher, aber auch ihn nickck die unserigen. Er hat bei uns nichts dreinwreden, und wenn er klug ist, wird er es auch gar nicht versuchen, denn es kann ihn bei Teutonen, Galliern, Angelsachsen nur verdächtig machen, wenn er sich noch um innere jüdiiche Sachen sorgt. Will er für seine assimilatorische Lösung der Judenfrage Genossen werben, so ist dazu das beste Mittel, daß er zeige, wie gut man ihn aufnimmt, wie voll man ihn anerkennt, wie wohl er sich befindet. Aber dem Judenthum angehören, das Judenthum sozusagen berufsmäßig ausüben und es gleichzeitig bekämpfen, das ist etwas, wogegen sich jedes rechtliche Gefühl auflehnen muß. Sehen wir uns nun Punkt für Punkt die „Erklärung" der fünf Herren an. Sie beruht auf einer fundamentalen Unwahrheit. Die fünf Herren geben an, daß „durch die Einberufung eines Zionistencongresses und durch die Veröffentlichung seiner Tagesordnung so irrige Vorstellungen über den Lehrinhalt des Judenthums und über die Bestrebungen seiner Bekenner verbreitet] Wörden" seien. Wo haben die fünf Herren in der „Einberufung" oder in der „Tagesordnung" des Congreffes irgend einen Hinweis auf den „Lehrinhalt des Judenthums" gelesen? Davon steht kein Wort, keine auch nur entfernte Andeutung in den Verlautbarungen der Einberufer. Folglich kann an den „so irrigen Vorstellungen über den Lehrinhalt", den diese fünf Herren zu kennen angeben, auch etwas Anderes Schuld sein, als die Einberufung des Congreffes. Die fünf Herren müssen übrigens recht herzlich gelacht haben, als sie die „so irrigen Vorstellungen über den Lehrinhalt" u. s. w. zum Vorwand nahmen. Und sie gehen nun zu Punkt 1 über. „Die Bestrebungen sogenannter Zionisten u. s. w." „Sogenannt" ist gut, „sogenannt" ist sogar sehr gut. Es ist Ironie darin. Spätere Commentatoren werden Punkt 1 der Erklärung den ironischen nennen. Was mögen die fünf Herren wohl für ein Gesicht dazu gemacht haben, als sie die „messianischen Verheißungen des Judenthums" in den Mund nahmen? Wir wissen ja schon, wie sie Alles in sein Gegentheil drehen und umdeuten. Wenn sie von Zion sprechen ist Alles darunter zu verstehen, nur um Gotteswillen nicht Zion. Es ist uns von einem ebenso wahrhaft frommen wie gelehrten Manne eine gründliche Widerlegung dieses ersten Punktes zur Verfügung gestellt worden. Gerade aus der heiligen Schrift