Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 40 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIEÄELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6^^^ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRG. KÖLN, 9. Oktober 1908 prt dW« nm l"' No. 40. DAS FRIEDENSZELT Man kann nicht zu oft daran erinnern, -daß der Zionismus eine ganz bestimmte jüdische Weltanschauung darstellt. Wir mögen auf dem Gebiete der Gegenwartsarbeit noch so friedlich mit allen andern Parteien und Richtungen, wo immer das Interesse der jüdischen Gesamtheit dies erheischt, zusammenarbeiten, die Gefühle der- Andersdenkenden schonen, die sympathisierenden Strömungen uns nutzbar machen, ja auch noch so gierig die Impulse und Belehrungen von anderer Seite aufnehmen. Es kann unter uns und den andern Freundschaft bestehen, , es kann Bundesgenossenschaft bestehen, es kann an manchen gemeinnützigen Werken wacker mitgearbeitet oder die Mitarbeiterschaft der andern mit der größten Anerkennung angenommen werden, aber keine Verschmelzung und keine Vertuschung der Grundidee! Wir müssen unsern Parteicharakter wahren, wir müssen unserer Devise und unserer Leitidee treu bleiben und den Zusammenhang mit dieser Idee rege und lebendig erhalten. Unsere Bestrebungen bieten zwar manche Berührungspunkte mit den Bestrebungen anderer Parteien, aber daß ein tiefgehender Unterschied in der grundsätzlichen Auffassung unserer Geschichte und unserer Zukunft zwischen uns und den andern vorhanden ist, — soll nicht verschwiegen werden. Man darf nicht Moses Heß und Gabriel Riesser für die westeuropäischen Juden oder Orschanski und Pinsker für die russischen identifizieren. Theodor Herzl vertrat etwas ganz anderes als irgendein Philanthrop oder ein Kämpfer iür die Bürgerrechte der Juden. Wir, die Zionisten, stehen nicht auf dem Standpunkte der Riesser und der Orschanski," wenn wir auch ihre Verdienste und die Lauterkeit ihrer Absichten anerkennen. Wir haben uns zu einer andern Anschauung durchgerungen. Von dieser Anschauung ausgehend, haben wir eine Parteij und - von diesem Prinzip geleitet, hat unsere Partei Institutionen geschaffen,: die natürlicherweise diesem Ursprünge treu bleiben müssen, weil sie sonst gar keine Existenzberechtigung hätten. Die Parteigestaltung ist ja nur die Form, in die ein gewisser von uns yerT .tretener Grundsatz gegossen-5 worden ist, damit er fest umrissen dastehe und sich in praktische Entwicklungen, die seinem Ziele dienen, wirksam umsetze. .\ Diese Wahrheit ist so .klar und einfach, daß es überflüssig scheint, sie zu wiederholen. Und doch ist dieses Wiederholen Pflicht. Denn es liegt in der menschlichen Natur, daß man im Laufe der Bemühungen, die darauf gerichtet" sind, irgendeinen Gedanken zu verwirklichen, von der Technik der Verwirklichung so sehr in Anspruch genommen wird, daß man die ursprüngliche, ideelle Zweckbestimmung ganz aus dem Auge verliert. Sinnreiche Symbole, die dazu bestimmt sind, die heiligsten Gemütsregungen religiöser oder nationaler Natur zu veranschaulichen, soziale Einr richtungen, die einem edlen Nützlichkeitsbestreben ihre Entstehung verdanken, laufen Gefahr, von den Apparaten, die sie geschaffen, so erdrückt zu werden, daß die Mittel den Zweck verdrängen und daß die Gefäße den Inhalt und die Materie den Geist gar nicht mehr merken lassen. Das geschieht immer, wenn das Denken nicht wachgerufen und die ideellen Gesichtspunkte nicht immer wieder in den Vordergrund geschoben werden. Und das ist nicht die einzige Gefahr, die der Integrität einer Idee eine Falle legt. Eine nicht weniger gefährliche Schlinge wird jeder Idee von der sinnesverdrehenden Dialektik gestellt. Besitzt man nicht die sich immer verjüngende' Kraft der Begeisterung für das Einfache, das die Idee darstellt, so wird man binnen kurz oder lang von einer Überdrußstimmung bemächtigt,-und man geht auf die Suche nach neuen Worten, wodurch man sehr oft auf Abwege gerät. Das Einfache wird dann so verkünstelt und verschnörkelt, daß es durch haarspalterische Kasuistik ganz abseits liegende Gedanken in den Kreis der Idee, die mit diesen eigentlich nichts zu tun hat, hineinzieht und manchmal die Uridee in ihren Gegensatz umwandelt. Denn gefährlich ist die Macht der Sprache, blendend ist der Prunk der Worte und irreleitend das Blumengewinde der Phrase, wenn sie nicht genau auf den ursprünglichen, einfachen Sinn der ersten zugrundeliegenden Idee geprüft werden. Wäre im Judentum alles in natürlicher Frische erhalten, dann wäre der Zionismus als eine spezielle Richtung überflüssig. In jedem religiösen Symbol, in jeder Festesfeier, in jeder Erinnerung und - - in jeder Betrachtung der jetzigen Lage fänden die Worte der zionistischen Botschaft auch ohne uns einen mächtigen