Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-07-09 · 6 (9.7.1897) · p. 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
6 (9.7.1897)
Article
Uriel Acosta
Date
1897-07-09
Page
16 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315716-3378601--00584-3378666
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

©eite 16. Nr. 6. und fortan wagte niemand, weder Mann, Weib noch Kind mit ihm zu gehen oder zu sprechen. Selbst die Bettler wieien sein Almosen ab, die Höker auf der Straße spieen aus, wenn er vorüberging. Seine eigene Mutter und sein Bruder, die nun vollständig unter dem Drucke ihres neuen jüdischen Kreises standen, zogen sich von der Befleckung seiner Gegenwart zurück und ließen ihn mit dem schwarzen Sklaven allein in dem großen Hause. Dieses Haus ward gemieden, als wäre es mit dem Pestkreuz bezeichnet. Die muthigeren Judenjungen warfen ihm die Fenster mit Steinen ein und rüttelten an der Thür. Aber noch mehr Spaß machte es ihnen, ihm bei den seltenen Gelegenheiten, wenn er auf der Straße erschien, nachzurennen, vor ihm auszuspeien, wie es ihre Väter thaten, ihn mit Koth zu bewerfen und chm nachzuschreien: „Epikuräerl Bastard! Sünder in Israeli" vm. Aber obwohl die Rabbis durch diese Jsolirung dem Ketzer thatsächlich die Zunge ausgeschnitten hatten — denn er kannte die holländische Sprache nicht und vermochte sie auch nie zu erlernen, um mit seinen christlichen Nachbarn zu verkehren — so blieb ihm doch die Feder. Daher veranlaßten sie aus Furcht vor dem Angriff, den er, wie die Gerüchte besagten, hinter den verschloffenen Fenstern seines großen, einsamen Hauses gegen sie vorbereitete, Samuel da Silva, einen Arzt, der ebenso geschickt mit der Lancette, wie mit dem Federkiel umging, ihm mit einer Gegenschrift vorzukommen. Diese war darauf berechnet, den Eiferer in Mißkredit zu setzen. Er leugne die Unsterblichkeit, behauptete der entsetzte da Silva in seiner eleganten portugiesischen Abhandlung „Tradadoda Jmmortalide", seine Kenntniß von Uriels „bestialischen und schädlichen" Ansichten wahrscheinlich auf wirre Berichte des Bruders dieses Ketzers begründend, aber die Erwähnung seines verbotenen Namens vermeidend. „Lüge und Verleumdung!" schrieb Uriel in seiner Antwort, die er, da man ihm zuvorgekommen war, in Muße beendete; aber er bestätigte nur den allgemeinen Begriff seiner materialistischen Jrrthümer, denn er schien in der That bezüglich des künftigen Lebens schwankenden Geistes zu sein. Seine Gedanken waren vorwärts geschritten, und während er Josef geklagt hatte, daß das Rabbinerihum keinen Nachdruck auf die Unsterblichkeit lege, hatten ihm weitere Forschungen im Pentateuch gezeigt, daß Moses selbst diese Vorstellung gar nicht in Betracht gezogen, ebensowenig sich bemüht hatte, die Moral von heute durch die Schrecken eines posthumen Morgen aufrecht zu erhalten. Uriel hatte sich also selbst verurtheilt und die Rabbis, die der gotteslästernde Materialist solcher Art in den Augen ihrer Herde gerechtfertigt hatte, triumphirten. Uriel sollte in die Grube fallen, die er selbst gegraben hatte. Die Gemeindeältesten wandten sich an den MagistrG der Stadt; sie übersetzten mit angehaltenem Athem Stellen aus dem verruchten Buche „Tradiciones Phariseas eonferidos con a Ley escrida“. Uriel Wurde vor Gericht geladen, verurtheilt, dreihundert Gulden zu zahlen, auf acht Tage eingekerkert. Das Buch wurde verbrannt. Keine minder zerstörende Flamme brannte im Herzen des Gefangenen, während er, sich auf seiner Pritsche windend, sich in die Lippen beißend und die Nägel in sein Fleisch grabend, diese boshaften Verdreher des reinen Judenthums verfluchte, die ihn sogar vor den Holländern beschämt hatten. Er, der stolze, furchtlose portugiesische Edelmann war von diesen fischblütigen Holländern zum Verbrecher gestempelt worden! Nie wieder wollte er mit seinen Nebenmenschen verkehren — nie, nie! Allein mit Gott und seinen Gedanken wollte er leben und sterben. Und so verschloß er sich, trotzdem er in der Stadt die seine Lieben beherbergte, weiter verblieb, Jahr für Jahr in sein Haus ein und sprach außer mit seinem schwarzen Diener, mit keinem Menschen, weder Mann noch Weib. Er betrat auch nie die Straßen, außer zu den Stunden, da seine kindlichen Verfolger bereits im Bette lagen, so daß sie sich nach einiger Zeit einem anderen Zeitvertreibe zuwandten. Aber des Nachts konnte man ihn manchmal bei den dunklen Canälen antreffen; seine Augen bewahrten den innerlichen Blick des abgeschloffen lebenden Gelehrten und schienen nichts von der dunklen Schönheit des sternenbeschienenev Wassers oder dem zarten Colorit des Nebels und der Dünste zu sehen, sondern waren voll der Schwermuth der grauen Moore und feuchteten sich manchmal in bitterer Sehnsucht nach Sonne, Orangenbäumen und der Wärme freundlicher Gesichter. Manchmal trafen ihn auch die frühaufstehenden Marktleute in der kalten Morgendämmerung, wie er wie toll durch die Umgebung ritt; er trug das seidene Wams eines portugiesischen Granden, das Schwert klirrte an seiner Seite und in der Hand hatte er eine silberbeschlagene Pistole, mit der er im Borüberjagen die Zweige abschoß. Als sein geliebter Bruder sich mit der Tochter Manasses, des Millionärs und Vorsitzenden der indischen Compagnien, vermählte, behaupteten einige Hochzeitsgäste, daß sie inmitten der bunten Menge, die vor der Synagoge versammelt war, um die Ankunft Josef AcostaS und seiner schönen Braut zu erwarten, einen Schimmer seines dunklen, traurigen Gesichtes erblickt hatten. Er gab auch welche, die behaupteten, daß Uriels Hände sich wie segnend erhoben hatten. Und einst in einer mondlosen Nacht, nachdem die ehrwürdige Donna Acosta hinübergegangen war, schlich sich der Wächter auf dem jüdischen Friedhofe bei einem verdächtigen Geräusch von seinem Thürmchen herab und warf das Licht seiner Laterne auf — keinen Leichenräuber, sondern — o, noch ruchloseres Schauspiel! — auf die Gestalt Uriel Acostas, der schluchzend auf einem frischaufgeworfenen Grabe lag und den heiligen Boden des Beth Chajim befleckte. ix. So flogen die Jahreszeiten und Jahre vorüber; ein jedes Jahr mauerte den einsamen Denker mit noch festecem Eise ein und machte es ihm noch schwieriger, seine Kerkerwände zn durchbrechen oder zu schmelzen. Nahezu fünfzehn lange Winter waren in einer durch theologisches Studium gemilderten Einsamkeit verstrichen und Uriel, von seinem Volke beinahe vergessen, hatte sich jetzt sogar von der Religion Mosi entfernt. Nur das Herz war der Sitz der Religion; daher konnte keinerlei Offenbarung, die der Natur widersprach, wahr sein. Die wahre Religion entsprach der wahren Vernunft; aber keine Religon war vernünftig, die Bruder gegen Bruder hetzen konnte. Alle Ceremonien waren der Vernunft zuwider. Die Güte war die einzige, wahre Religion. Derartige kühne Schlüsse erschreckten ihn manchmal selbst; denn er war der Einzige in der Welt, der sie zog. „Alles Uebel", hieß es in seinem zierlichen Latein in seinem Notizbuch, „kommt vom Nichtbefolgen der wahren Vernunft und d:s Naturgesetzes." Solchen Gedanken sich hingebend, verließ er an einem düsteren Abend sein Haus, als jemand ihn auf die Schulter klopfte. Er drehte sich erstaunt um und staunte noch mehr, als er zum erstenmal nach fünfzehn Jahren sah, daß ein Nebenmensch ihm freundlich zulächelte und freundlich die Hände entgegenstreckte. Jnstinctiv, ohne die weißbärtige, aber stämmige Gestalt zu erkennen, fuhr er zurück. (Fortsetzung folgt.i *nV* -sfr -\fr *\?r "\?r -\?r *\!r *\fr Das Arbeitsprogramm des Zionisten-Congreffes wird in einer der nächsten Rnmmern unseres Mattes veröffentlicht werde». Die Redactio«. s. JQ* JQ. Herausgeber: Paul Naschauer. — Verantwortlicher Redacteur Dr. S. R. Landau - Druck der „Gesellschaft für graphische Industries

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.