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Die Welt · 1897-07-09 · 6 (9.7.1897) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
6 (9.7.1897)
Article
Wann wird er kommen?
Date
1897-07-09
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14. Nr. 6 . sie wird ja immer vom Vater am Freitag zum Stehen gebracht . .. Aber ich werde doch ungeduldig. So schön der Augenblick ist — ach! jetzt weiß ich erst, wie schön er war! — das Kind in mir sehnt sich nach dem schöneren, nach dem Augenblicke, da die Mutter mit einem Seufzer sich erheben, zum Himmel hinaufsehen wird, um den ersten Stern zu sehen. Jeden Sabbathabend thut sie dasselbe, und jedesmal warte ich mit Herzklopfen auf den Moment. Heute dauert es gar so lange. Ich sehe schon einen Stern am Himmel, zwei, jetzt noch einen und noch einen, und auf einmal blitzt vom Fenster des Nachbars her ein Licht auf. Jetzt kann ich mich nicht mehr halten. „Mutter, wann wirst Du fingen? Ich sehe schon viele Sterne am Himmel stehen und bei Reb Kalmen wird schon Licht gemacht." Die Mutter hebt ein wenig den Kopf, senkt ihn wieder, ich fühle etwas Warmes an meinem Ohre vorbeistreichen; dann dehnt sich ihre Brust und sie singt. Getraue ich mich, die Seele jenes Sabbathausgangliedes fassen zu wollen? Darf ich die wunderbaren Worte profanen Augen zugänglich machen? Und wie soll ich die herrlichen Töne mit ihrem unergründlichen Leide und ihrer thurmhohen Hoffnung schildern? Mutter! Ich habe Lieder in allen Sprachen Europas gehört, Worte, die aus tiefster Seele kamen und allen Zuhörern tief in die Seele drangen; ich habe sie mit ihren herrlichen Melodien, gesungen von den ersten Sängern und Sängerinnen der Welt, gehört — aber ewig ungestillt bleibt mir die Sehnsucht nach Deiner Stimme am Sabbathabend in der traulichen Dämmerungsstunde, nach Deinem „Gott von Awrom, von Jizchak und Jaakow" ... Gott von Awrom, von Jizchak und Jaakow Behüt' Dein Volk Jisroel in Deinem Lob! Die sieben Tage, die sollen kommen Zu Glück und zu Segen und zu allem Frommen — Unser guter heiliger Sabbath geht dahin. Die sieben Tage sollen kommen Zu Glück und zu Segen und zu gutem Gewinn. Ich weiß den Uebergang nicht mehr; ich weiß nicht, ob es einen Uebergang gab; nur so viel weiß ich, daß ich athemlos zu warten Pflegte, bis die zweite Hälfte kam, die vom Meschiach. Meschiach wird kommen zu reiten, Er wird rufen allen Leuten, Er wird rufen Jung und Alt, Er wird rufen Arm und Reich, Meschiach Ben Dowid, Melech Jisroel. Das war der höchste Moment in meiner Woche, das Lied von Meschiach Ben Dowid. Ich war ein winziges Kerlchen und wußte nichts von materiellem, nichts von kulturellem Antisemitismus, und doch war der Gedanke an Meschiach die Krone meines Lebens. Und ich erinnere mich sehr genau eines Sabbathabends, da mich das Lied besonders ergriff; es war eben jener Decemberabend, da meine Mutter sich vom Sabbath gar nicht trennen wollte und ich sie mH sanfter Gewalt dazu zwingen mußte, mit dem Liede zu beginnen. Die Woche vor Weihnachten brachte mir sehr viel persönliches und unpersönliches Leid. Ich ging schon als Knirps in aller Herrgottsfrühe, Winter und Sommer, den weiten Weg in die Schule. An gewöhnlichen Tagen war ich allein mit den Schrecken der Nacht; wenn man früh anfängt, hat man mit neun Jahren das Gruseln verlernt. Der weite Weg mitten im Schneesturm hatte auch um vier Uhr morgens nichts zu bedeuten. Aber um die Weihnachtszeit war's anders. Es war nicht möglich, den frommen Kirchgängern aus dem Wege zu gehen, und da hatte ich denn allerlei schmähliche Dinge zu erdulden. Das that mir furchtbar weh — was hatte ich armer Teufel den großen, vierschrötigen Kerlen gethan, daß sie mich bei den Haaren rissen, mir die Mütze bis über die Augen eindrückten und mich gelegentlich mit recht derben Püffen tractirten? Dazu kam ein erschütterndes Ereigniß. Ein blutarmer Fischhändler von sanftester Gemüthsart und großer Frömmigkeit — eine seltene Sache bei einem Fischhändler in Polen — war über Land gegangen, um sich für den Weihnachtsmarkt mit Waare zu versehen. Am Samstag Morgen wurde er todt zurückgebracht; irgend ein Bauer hatte ihn im Walde beraubt und erschlagen. In jener Weihnachtswoche wußte ich, daß wir im Golus waren! Und als die Mutter das Lied beendet hatte, fragte ich: „Wann wird er kommen?" „Der Vater wird bald hier sein; ich glaube, ich höre schon seine Schritte." „Nein," sagte ich aufgeregt, fast wild, ganz gegen meine Gewohnheit, „ich meine nicht den Vater, ich meine ihn, Meschiach I Wann wird er kommen?" „Sagst Du es denn nicht jeden Tag in Deinem Gebete? Meschiach kann jeden Tag, jeden Augenblick kommen." „Aber wann wird er kommen? Jeden Morgen, wenn ich erwache, horche ich, ob nicht Meschiach auf dem Martinsberge den Schofar bläst, und nie will er kommen!" -I- * * Ich bin jung gewesen und bin alt geworden und habe Manches vergessen und Manches gelernt. Ich horche nicht mehr beim Erwachen, ob sich nicht vom nächsten Berge endlich Schofartöne hören lassen — aber der Glaube an Meschiach ist mir geblieben, er ist nach wie vor der höchste Gedanke. Und jetzt weiß ich auch die Antwort auf die Frage, die mir meine gute Mutter nicht beantworten konnte. Wann er kommen wird? Wann wir wollen! —— Die Bücherwelt. Iwan Franko. Okrazki galicyjskie (Galizische Skizzen). Lemberg. Verlag der polnischen Buchhandlung. 159 Seiten. Fast jeder polnische Novellist hält sich für berufen, auch etwas aus dem jüdischen „Leben" zu schreiben. Die meisten sind Tendenzdichter. Sie verherrlichen den Juden oder sie verhöhnen ihn, sie wollen ihn zur Gesellschaft heranziehen oder ihn ausschließen; er ist ihnen ein gefährlicher Vamphyr oder ein unschuldiges Opferlamm. Sie schildern den Juden, wie sie ihn sehen, im Bethaus, auf dem Markt, in der Judengasse. In sein Inneres zu greifen, die psychologischen Triebkräfte seines Denkens und Handelns zu erfassen, im verhaßten Juden auch das Menschliche zu entdecken, ist nur wenigen gelungen: Orzeszkowa, Konopnicka und Okonski. Die anderen beurtheilen den Juden so kleinlich wie sie selbst find und von dem beschränkten Gesichtskreise aus, innerhalb dessen sie selbst leben und wirken, so ganz handwerksmäßig, wie sie es in ihrem „Gewerbe" gewohnt sind. Hieher würden wir den „Specialisten" in der Miniatur-Malerei von Bauern und Juden, Clemens Junosza, zählen. Aber auch dieser Novellist, ein vorzüglicher Kenner des jüdisch-deutschen Jargons, weiß einzelne seiner Judengestalten mit einem poetischen Nimbus zu umgeben. Ihre „Schwindeleien" entbehren nicht eines humorvollen Beigeschmacks, sie sind durch den schweren Lebenskampf, der sich vor unseren Augen entrollt, schlau, hinterlistig geworden, sie sind aber nur Individuen und nicht Typen, sie sind auch nicht immer schlecht, verworfen. Anders bei Iwan Franko. Das deutsch und polnisch lesende Publicum kannte ihn bisher nur als Publicisten. Man wußte nur noch, daß ihn die Ruthenen als einen Nationaldichter betrachten. Daß er viel Talent zum Dichten besitze, wußte man schon aus seinen publizistischen Arbeiten. Nun verspürte er in sich auch den Drang, sich dem polnischen Publicum als Novellist zu zeigen. Und er schrieb einige Skizzen. Um sie „vollwerthig" zu machen, flechtete ec eine jüdische Erzählung „Hawa" ein. Merkwürdig! Dieser Name erweckt in uns eine schöne Erinnerung. Er profanirt sie aber auch. Denn „Chawa Rubin" ist eine der schönsten jüdischen Frauengestalten, die in der

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