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Die Welt · 1897-07-09 · 6 (9.7.1897) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
6 (9.7.1897)
Article
[Ohne Titel] / Stand, Karl
Date
1897-07-09
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seile 10. Nr. 6. Abhandlungen, Zeitschriften, Broschüren, Flugschriften, Aufrufe, Embleme, Bilder rc. ausgestellt würden? So hätte beispielsweise der Lemberger „Zion", dessen Verhältnisse mir so ziemlich bekannt find, einzusenden: die ersten Placate des „Mikro Kodesch" (des ersten nationalen Vereines in Galizien) aus den Achtziger- Jahren, die Protokolle, die Aufrufe und ersten Einladungen zu den von Dr. Vierer und Dr. Kodak veranstalteten Nationalfeiern; die späterhin vom Zionsvereine und der Jugend Lembergs herausgegebenen Broschüren in hebräischer, deutscher und polnischer Sprache, wie auch im Jargon, z. B. „Der Kanczug", „Der Wecker", „Himmel und Erde", „Zionistische Sedernacht", Bienenstock", „Novellen", „Programm der jüdischen Jugend", „Unser Verhältniß zu den Polen" von Dr. Salz, die Entgegnung Bromberg's auf den Feldnrann'schen Angriff, die Flugschrift aus Anlaß der Smolenski-Feier mit dessen Bildniß, Nossig's „Auferstehungslied", die Jargonkalender, sümmtliche Nummern der Jargonzeitungen „Wecker" und „Karmel" wie auch der hebräischen Zeitschrift „Hasaron", alle fünf Jahrgänge der „Przyszlosc", das Bildniß des Grabdenkmals Smolenski's, die zionistischen Abzeichen, die Telegramme mit den Holzschnitten: „An den Wassern Babels" und vieles, vieles Andere. In ähnlicher Weise dürften auch die anderen Zionsvereine, Gruppen, Verbindungen die Ausstellung beschicken. Ueberdies wäre besonders erwünscht eine kurze Chronik eines jeden Vereines, und zwar mit folgenden Daten: 1. Jahr der Gründung, 2. Anlaß zur Gründung und Name des Gründers, 3. Ursprüngliche und gegenwärtige Mitgliedszahl, 4. Praktische Resultate des Vereines, 5. Verhalten des Cultusvorstandes und des Rabbiners der betreffenden Stadt. Auch die palästinensischen Colonien sollten an dieser Ausstellung vertreten sein. Eine Section „Schulwesen" sollte den culturellen und geistigen Fortschritt der Colonisten veranschaulichen. Es müßten die Lehrpläne, Schul-, Religions- und Gebetbücher, die anderen Lehrmittel, die schriftlichen Arbeiten, die Zeichnungen und Handarbeiten der Schulkinder, sowie eine kurze Beschreibung und Chronik der verschiedenen Lehranstalten vorliegeu, ferner die Bücher und Zeitungen, welche die Geistesnahrung der Colonisten bilden, die Volkslieder, die bei der Feldarbeit und in den Weingärten gesungen werden. Hauptsächlich aber sollen die Landesproducte und Industrie-Erzeugnisse Palästinas ausgestellt werden. Das dürfte einen Einblick in das Leben der Colonisten gewähren und eventuell auf dem Congresse zu einer Discussion über Reformen im Schulwesen, falls solche nothwendig erscheinen sollten, Anlaß geben. Ein specielles Ausstellungs-Comits müßte sich mit dem Arrangement befassen. Die Ausstellung sollte ungefähr acht Tage währen. Nach Schluß derselben sind alle Gegenstände, gruppirt nach Ländern und Städten, aufzubewahren. Ferner müßte von nun an jede Vereinigung und jeder einzelne Zionist ein Exemplar aller zukünftigen Schriftwerke und Erzeugnisse, die sich auf den Zionismus beziehen, an ein ad lioc designirtes Cornitä abliefern. Nach einiger Zeit schon könnten die Ausstellungsdocumente sammt dem späteren Zuwachs nach Palästina in eine Bibliothek gebracht werdend So wäre auch der Grundstein zu einem jüdisch-nationalen Museum in Palästina gelegt. Dieses kulturhistorische Bild der Zionsbewegung wird Zeugniß davon geben, daß eine Bewegung nicht, wie mancher gut gestellte Rabbiner der Welt weismachen will, blos in den Köpfen einiger Phantasten spukt, sondern daß der Zionismus überall auf der ganzen Erde, wo Juden wohnen, im Herzen des Volkes wurzelt, daß die Zukunft des Judenthums im goldenen Zeichen des Zionismus steht. Hochachtungsvoll Karl Stand (Lemberg). Deirtschdöhmen. Wer die deutschböhmischen Verhältnisse kennt, wer da weiß, mit welcher Schärfe der Antisemitismus in das dentschböhmische Bolksbewußtsein cingeätzt ist, der mochte wohl, wenn er fern von jenen Gauen seine Tagesblätter durchsah, unlängst mit Erstaunen Berichte aus Saaz und Brüx gelesen haben. Es hieß da, daß der liberale Abgeordnete Schücker in diesen vielverlästerten . Städten vor einer tausendköpfigen Versammlung die gegenwärtige politische Lage geschildert und seinen Rechenschaftsbericht erstattet habe, daß die tausendköpfige, als antisemitisch verschrieene Menge mit hellster Begeisterung dem liberalen Redner zugejubelt und ihm das Vertrauen und die größte Anerkennung ausgesprochen habe. — Ja, Du mein Gott, wo bleibt denn da der berüchtigte Judenhaß, von dessen unwandelbarer und unauslöschlicher Zähigkeit man so viel faselt. Gibt es vielleicht doch ein Mittel, um ihn aus der Volksseele zu bannen, wenigstens für eine Weile zu bannen, und vermochte vielleicht die gemeinsame Feindschaft gegen die Tschechen, der gemeinschaftliche Haß, der alte Kuppler getrennter Elemente, das Liebestränklein zu brauen, das den Antisemiten zu heißer Liebe für den Juden entflammte, und die beiden alten Gegner, den Teutonen und „Orientalen" in einem innigen Bruderkufse vereinte, vor dessen Folgen das arme Tschechenvolk zittern durfte. — Welche Perspective! Einmal wurden die Juden also doch als Deutsche anerkannt, einmal hat sich der Antisemitismus zur Ruhe begeben, und er wird es sicher ein zweitesmal thun, und ein drittesmal, seine Schlafstündchen werden sich immer länger, immer länger ausdehnen, und schließlich — der Genius mit der gesenkten Fackel, Chopinscher Trauermarsch und hinter dem schwarzen Leichenwagen die lachenden deutschböhmischen Juden. Das war das Bild, das vor den Augen des Lesers bei der Lectüre jener Berichte emporstieg, es war ein Bild in den angenehmsten Farben, und es war gewiß für viele, viele niedergeschlagene Juden ein Trost. Die Saazer „Nationale Zeitung" stellt das freilich einigermaßen anders dar: „Wir haben bereits erwähnt, daß auch die Deutschnationalen dem Reichsrathsabgeordneten Dr. Zdenko Schücker den Dank für sein wackeres Auftreten im Parlamente und bei sonstigen öffentlichen Anlässen ausdrückten. Wir gingen eben von der Ueberzeugung aus, daß es dermalen, wo sich Regierung und Slaven gegen uns Deutsche vereinigten, nothwendig sei, das uns Einigende hervorzusuchen und nicht das uns Trennende. Die Noth unseres Volkes gebietet uns, geschlossen vorzugehen, wenn aber unsere „Mitbürger mosaischer Confession" der Ansicht sind, daß sich die Einigkeit der Deutschen auch auf sie bezieht, so sagen wir ihnen offen das, was wir stets hervorhoben: Jude bleibt Judel Wir Deutschnationale lehnen es ab, im schweren nationalen Kampfe einen Dritten in unsere Reihen aufzunehmen, der nur geschästshalber deutsch ist; nationale und liberale Deutsche einigen sich, aber der Jude — ist eben der Dritte, mit dem wir nichts zu thun haben wollen. Dies sahen auch die Saazer Liberalen ein und gaben unserem Wunsche Folge, der dahin ging, daß ein Jude das Wort nicht ergreifen dürfe." Das Bild ist jetzt ein anderes. Da sieht man geächtete Juden herumschleichen, die der arische Bolkshaufen mit jähem Ruck von sich abgeschüttelt, wie sehr sie sich auch an die langen altdeutschen Rockschöße zu klammern suchten, wie sehr sie sich auch deutsches Wesen, deutsche Bildung, deutsche Denkart im Laufe langer Jahre angeeignet, wie sehr sie auch Opfer für die Wahrung deutschen Volksgutes gebracht. Die Menge schäumt über in rauschender nationaler Begeisterung, alle kleinlichen Nörgeleien sind vergessen, ein Bruderband umschließt sie alle — nur der Jude muß seitab stehen, jeder darf reden, der Deutschliberale, der Deutschnationale, nur der Jude muß schweigen, denn er gilt als Fremdling als asiatischer Fremdling, als eingewanderter, heimatloser Flüchtling. Sei froh Jude, daß Du eine Weile nicht geschlagen wirst, aber wage es ja nicht, Dich an die reichbesetzte, nationale Tafel zu setzen, wo unverfälscht deutsche Gerichte, mit Eichenlaub und Heilorufen garniert, auf voller Schüssel die Runde machen. Du, Jude, gehörst unter den Tisch, hübsch in die Nähe der antisemitischen Füße, deren Tritte Du ja kennst. Hier lieg' schön still, bis man Dich wieder tritt. E. R. Weltchronik. Die Juden in Siam. Auch in Siam gibt es Juden, wenn auch sehr wenige und erst seit Kurzem. Der vor mehreren Jahren in London verstorbene galizische Jude Goldmann darf wohl als erster Jude betrachtet werden, der in das Land der weißen Elephanten kam. Zu größtem Ansehen und Reichthum brachte es jedoch Angelo Luzzato, ein Ingenieur aus Oberitalten, der mit Empfehlungen des Lord Dufferin ausgerüstet nach Bangkok kam und sich bald die Sympathien des Königs und des Ministers des Auswärtigen zu verschaffen wußte. Ihm wurde die Aufgabe zu Theil, die Bergwerke auf der siamesischen Insel Malakka zu untersuchen und darüber ein Memorandum auszuarbeiten. Auch der Wiener siamesische Consul, Herr Schönberger, ist Jude.

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