Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 6 (9.7.1897)
- Article
- Der Congreß [Nachricht]
- Date
- 1897-07-09
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315710-3315716--00513-3378658- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8. J?it#W<r Nr. 6. der Bankier Z., haben Carl Schurz, Stephen Girad, A. Agassiz und die zehntausend Europäer, die nach Amerika kamen, ihren Geburtsort deshalb verrathen? Hat denn nicht der russische Jude dasselbe Recht, ein anderes Land mit besseren Lebensbedingungen aufzusuchen, wie der bayrische Jude? Warum, in Gottes Namen, verläßt der bayrische Jude sein Heimatland und kommt hieher? Geschieht es nicht, um sich das Los zu verbessern? Und warum will man die russischen Juden zu Berräthern stempeln, wenn sie es vorziehen, Unterthanen des Sultans zu werden?" Mr. Moses Klein hebt auch ein locales Moment hervor, das für den Zionismus spricht. „Warum sollen wir erst in die Zukunst blicken? Warum nicht uns lieber um die Gegenwart kümmern? „Sehet den Schneider-Strike, die überfüllten Spitäler und Waisenhäuser, die schreckliche Anzahl der unversorgten Witwen, die erschöpften Unterstützungscafsen? Sind wir vorbereitet für die Zukunft? Und wie stehts mit der Religion? Unsere Kinder besuchen die Missions-Schulen, der Sabbath wird nicht beobachtet und man schwärmt schon von einem zweiten Sabbath!" Me ein Mann treten die fünf Gelehrten für den Besuch des Zionisten-Congresscs ein: „Es ist daher schwer einzusehn, warum die amerikanischen Juden auf dem Congreß nicht repräsentirt sein sollten. Nur Gutes kann davon kommen. Jedes Land wird dort seinen Delegirten haben, warum sollte Amerika eine Ausnahme bilden?" schließt Mr. S. Baroway seinen enthusiastischen Artikel: „Die nationale Idee". Und Amerika wird kommen. Christen über die Judensrage. Stanislaus v. Kozmian. Wir lassen an dieser Stelle nicht blos Freunde des Zionismus zu Worte kommen. Wir hören auch gerne, was uns Gegner sagen, wenn sie nur ehrlich sind und aus Ueberzeugung sprechen. Denn als auserwählte Geister ihres Volkes repräsentiren sie uns dessen öffentliche Meinung. Und sind sie auch Gegner unserer Bestrebungen, in Einem stimmen sie mit uns übercin: in der Anerkennung der „Judennoth". Finden sie eine andere Lösung, so wollen wir ihnen zuhören. Vielleicht lernen wir etwas dabei. Wie aber, wenn sie vor unserer Lösung zurückschrccken, ohne selbst eine gefunden zu haben? Oder wenn sie gar trotz ihres weiten Gesichtskreises und ihrer staatsmännischcn Einsicht den unhaltbaren Zustand sanctioniren wollen, weil sie zugeben müssen, ihn nicht beheben zu können? Dann verlohnt eS sich, wenigstens die geistreiche Argumentation kennen zu lernen, mit der sich selbst hervorragende Staatsmann, r oder tiefe Denker über die Schwierigkeit der Frage hinwegzutäuschen versuchen. Hierher gehört in erster Linie Stanislaus v. Kozmian. In den letzten Jahren wurde dieser Name selbst über die Grenzen Oesterreichs hinaus vielfach genannt. Sein geschichtsphilosophisches Werk, „Das Jahr 1863" in dem auch vielfache Anspielungen auf den Untergang des jüdischen Staatswesens Vorkommen, wurde von der polnischen und auswärtigen Presse verherrlicht oder verurtheilt; seine langjährigen intimen Beziehungen zum Grafen Badeni gaben auch der öffentlichen Meinung Anlaß, viele Amtshandlungen des Minister-Präsidenten — z. B. die berühmte Audienz Dr. Lueger's beim Kaiser — auf die Inspirationen Kozmian's zurückzuführen. In der Stanczykenpartei, die er begründe» half, spielt Kozmian eine führende Rolle. Aber er unterscheidet sich doch von seinen Gesinnungsgenossen: er ist Europäer. Er ist conservativ, doch hat er jenen clericalen und reactionären Geist von sich abgestreist, von dem noch ein großer Theil des polnischen Adels durchdrungen ist; er ist abgeklärt. Die Judenfrage ist für ihn lediglich eine Frage der Tagespolitik und der Antisemitismus ein politischer Machtfactor, den man nicht einfach wegraisonniren kann, sondern mit dem man rechnen muß. Von diesem rein staatsmännischen Gesichtspunkte ausgehend, hat Kozmian vor einiger Zeit die Broschüre Herzl's im polnischen Amtsblatte „Gazeta Lwowska"sehr ausführlich besprochen. Dabei hat er auch seine Anschauungen über Judenfrage und Antisemitismus entwickelt. Daß er sie bis heute in keiner Weise geändert hat, theilt er uns selbst soeben mit. Wir geben seine Ausführungen in ihren Grundzügen wieder. Die Redaction. * * * „Einige Tage vor seinem letzten Geburtstag, dem 1. April, hat Fürst Bismarck dem Maler Lenbach gegenüber seine Stellung zur Judenfrage in folgender Weise präcifirt: — Die antisemitische Bewegung ist zwecklos. Man kann heutzutage nicht nach dem Recepte der.Bartholomäusnacht' oder ,Sicilianischen Vesper' handeln. Man kann auch nicht die Inden sortjagen; dadurch wäre nur der Nationalreichthum gefährdet und eine Zurückweisung der Juden von der Beamten-Hierarchie und von den Gelehrtenstellungen würde das Uebergewicht, das die Juden ohnehin in der Handels- und Finanzwelt besitzen, stärken. Außerdem besitzen die Juden auch Vorzüge, die man ebensowenig bestreiten kann wie ihre Fehler; sie haben dem Gemisch der deutschen Stämme etwas Mousfirendes, für die Bestandtheile der Nation Vortheilhaftes hinzugefügt. Wäre ich heute noch Minister, so würde ich in der Judensrage den Grundsatz vertreten: „I-areeberobedelaooofessloll est interdite.“— Man kann diese großartige Argumentation verwerfen oder acceptiren. Aber sie beweist, daß man gegen die Krankheit bisher noch kein Heilmiitel, kein entsprechendes Serum — und Krankheit nennen wir hier sowohl die Judenfrage, als den Antisemitismus — ausfindig machen konnte, sowie daß man sie nicht einmal im Wege einer Operation zu beseitigen vermochte. Darum beschäftigt auch diese doppelte Frage alle tieferen Geister. Sie ist auch wirklich eine doppelte Frage. Denn es handelt sich nicht blos um die Lösung der Judenfrage, sondern auch um die Beseitigung des Antisemitismus. Ursache und Folge haben hier eine ungesunde, gespannte und gefährliche Situation hervorgerufen. Unter dem Eindrücke und Einflüsse dieser doppelten Frage hat Dr. Herzl seinen „Judenstaat" geschrieben. Dr. Herzl schritt an seine Aufgabe mit der ganzen Macht seiner Ueberzeugung, mit der ganzen Kraft seiner Illusionen, mit dem Schmerze verwundeter Religions- und Rassengefühle, aber auch mit dem Entschluffe, Maß zu halten und Gerechtigkeit zu üben. Und es geschah, was geschehen muß, wenn man raisonniren will, aber nur empfindet. — Dann bleibt das Gleichgewicht nur ein künstliches. Deshalb überwiegt bei Herzl Eine Tonart: Ihr wollt uns nicht, so gehen wir — Ihr sagt, daß Ihr uns nicht braucht, so wollen wir Euch zeigen, daß wir ohne Euch existiren können. Das ist ein Schwung, aber keine Lösung. Man darf es ihm jedoch nicht verargen. Man muß vielmehr das Gefühl der Würde achten, das sich darin ausdrückt. In dieser Entrüstung liegt viel mehr Edelsinn, als in jener Apathie und in jenem Hochmuth, den ein großer Theil der semitischen Gesellschaft der antisemitischen Bewegung entgegenstellt, wie wenn sie sagen wollte: „Was liegt uns daran, uns schadet Ihr nicht und Eure Beschimpfungen bezahlen wir mit unserer Verachtung. In dieser Entrüstung liegt auch mehr Lebenskraft, als in jener gedankenlosen Resignation, zu der oft die unteren Schichten der jüdischen Bevölkerung greifen. Ein gescheiter Arzt sagte einmal: „Wenn man die Gicht hat, so darf man nicht an eine Scheidung, sondern an ein gutes Zusammenleben denken." II faul faire bon m&nage. Ist es nicht ebenso mit der Judenfrage? Es wäre eine Täuschung für die eine wie für die andere Seite, an eine Scheidung zu denken. Anders, ob es nicht auch eine Täuschung wäre, an ein gutes Zusammenleben zu denken. Im besten Falle könnte es nur so ausfallen, wie bei der Gicht. Aber an die Nochwendigkeit des Zusammenlebens sollte doch gedacht werden. Es gibt Fragen, die nicht gelöst werden können; man kann sie und muß sie nur mildern. Die Gicht kann man nicht bekämpfen, wohl aber kann man sie durch geeignete hygienische