Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-07-09 · 6 (9.7.1897) · p. 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
6 (9.7.1897)
Article
[Ohne Titel]
Date
1897-07-09
Page
3 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315716--00494-3378653
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 6. Seite 3. von Juden erkannt und angespuckt wurde, aber doch nicht mißvergnügt abreiste. In Hamburg war seine Stimmung vortrefflich. * * * Die erschütternden Greuelthaten in Persien zeigen uns, daß alle Formen des Antisemitismus noch lebendig sind. In Persien, das zu den dunkelsten Barbarenländern gehört, gibt es keinen gemeinderäthlichen oder parlamentarischen Antisemitismus aus „wirthichaftlichen" oder nationalen Gründen. Es genügt, ohne viel Erklärung, daß in den Pöbel der Hetzruf hineingeschleudert wird, und die Bestien stürzen sich in schmutziger Brutalität auf die Wehrlosen. So haben wir jede Woche Judenverfolgungen zu verzeichnen, aus allen Welllheilen. Man liest diese Nachrichten mit Entsetzen, und beruhigt sich allmälig wieder, weil es doch so weit von uns ist. Dann springt die Verfolgung nach einem anderen Ort über. Wieder andere Menschen müssen leiden, bluten für die Sache, die überall die gleiche ist. * * * In Deutschland wird der Antisemitismus bekanntlich in der Weise bekämpft, daß sich die Juden einreden, es gebe keinen mehr. In einem Casseler Blatte finden wir aber einen Stimmungsbericht, der die Sache einigermaßen anders erscheinen läßt. Es heißt da: „Liebermann von Sonnenberg wollte jede Partei mit einem Tropfen antisemitischen Oeles salben. Dies hat er heute nicht mehr nöthig; die Salbung ist heute bei fast allen Parteien vollendet, so gründlich, daß die Herren Antisemiten selbst beinahe überflüssig werden. Die Conservativen suchen den antisemitischen Wind in ihre Segel zu leiten; der Bund der Landwirthe hat als zugkräftiges Motto jetzt die Parole „Gegen Juden und Judengenossen" ausgegeben, und die National- Liberalen versichern, wenn ihre paar Renommier-Hof- und Leibjuden gerade nicht anwesend sind, daß sie die „berechtigten" Forderungen der Antisemiten voll und ganz billigen. Das Centrum, welches die Leiden der Minderheit am eigenen Leibe gründlich durchgekostet hat und die Hetze des Culturkampfes noch in schmerzlicher Erinnerung hält, sieht kühl und gelassen dem Hexensabbath zu und wartet ab. Die freisinnige Partei sieht in einem National-Liberalen ein größeres Uebel, als in einem Antisemiten, und im socialdemokratischen Lager kann man häufig Auslassungen gegen die jüdische Ausbeutung hören, bei denen waschechten Antisemiten das Herz im Leibe lachen muß. Der Alldeutsche Verband nimmt keine Juden auf. Alle Welt schlürft und zieht den Antisemitismus allmählich ein, fast unmerklich. Er dringt durch alle Poren. Am gierigsten aufgegriffen wird er von denen, die mit Büchern, mit dem Worte am meisten sich beschäftigen, von Lehrern und Geistlichen. Diese theilen ihn der Jugend mit, deren Bildung ihnen anvertraut ist, und so ist der Antisemitismus plötzlich Mode, der ein jeder huldigt. Die Corpsstudenten ahmen den Officieren nach, welche keinen Juden unter sich dulden. Die Burschenschafter wollen nicht zurückstehen, schon aus Rücksicht auf die Gymnasiasten, welche ihrerseits schon auf den Schulbänken sich von den Semiten absondern und sie in den Schüler-Vereinigungen nur da dulden, wo sie dieselben nicht entbehren können. Die Turner wollen keine krummbeinigen Concurrenten (sehr schön gesagt!) in ihrer Mitte, die Ruderer, Radfahrer und Kegelfreunde auch nicht." Was sollen wir zu dem Allen sagen? Es gibt Juden, die recht ungenügsam sind, wenn sie das noch nicht Antisemitismus nennen. Freilich, gegen Persien ist das gar nichts. Vom jüdischen Nationalcharakter. Bon S. Lublinski. Die Juden waren im Alterthum ein Priestervolk, dem die Religion über Alles stand. Mit anderen Worten, sie waren nicht leichtfertig und frivol, sondern von tiefster Feierlichkeit erfüllt. Das Pathos, bald stürmisch aufjauchzend, bald machtvoll zürnend und zu Tode betrübt, war der eigentliche Ausdruck der Volksseele in alttestamentarischer Zeit. Und darum muß man mit einiger Skepsis den Schilderungen gegenüberstehen, welche uns den Juden gleichsam als den Nüchternen unter den Besessenen vorführen. Während sich, so heißt es, Babylonier und Syrier im wünen Baalkultus überboten, habe der kleine Bo ksstamm am Jordan dem Andrang einer glühenden, morgenländischen Sinnlichkeit glücklich widerstanden und — Dank einer gewissen nüchternen Naturanlage — den Begriff des einen und alleinigen, kurz des abstracten Gottes concipirt. Renan spricht direct von der Phantasielosigkeit des jüdischen Stammes, der es nicht vermochte, eine runde plastische B-lverwelt hervorzuzaubern. Nach der Meinung dieses priesterlichen Atheisten wurde die Schöpfungsgeschichte des alten Testamentes von den Chaldäern entlehnt. Nur war in der ursprünglichen Tradition Alles und Jedes in der ungeheuerlichsten Weise übertrieben, während der nüchternene, jüdische Geist, die allzu großen Dimensionen verkürzte und dadurch einen Grad von Wahrscheinlichkeit erreichte, welcher genügt hat, um dieser Darstellung die Welt zu erobern. Renan münzt dabei das hübsche Wort, daß das ausgetrocknete Herbarium manchmal fruchtbarer werden könne, als eine zu üppige Pflanzenfülle in fetten Boden der Natur. Diese Ausfassung zu widerlegen fällt nicht schwer. Schon hingewiesen habe ich auf das furchtbare Pathos, welches durch das alte Testament dröhnt. Die dämonischen, überlebensgroßen Gestalten eines Mose, E.ia und Hiob muthen auch nicht gerade wie die Geschöpfe einer nüchternen Phantasie an, und die Geschichte des jüdischen Volkes zeigt zur Genüge, daß es alle Krankheiten und Kämpfe des altsemitischen Cultus, alle Ausschweifungen einer heiligen tollen Sinnlichkeit redlich und reichlich mitgemacht hat. Sicherlich würden die Phropheten gegen den Baalcultus nicht Worte gefunden haben, welche niederfuhren wie Keulen- und Hammerschläge, wenn sie nicht mit einer tief eingewurzelten nationalen Krankheit zu kämpfen gehabt hätten. Diese Unterströmung zieht sich übrigens durch die ganze jüdische Geschichte, auch durch die Exilsgeschichte hin. Neben dem Talmud erhob sich nachmals die Kabbala, welche ein unverkennbares Product glühender Sinnlichkeit ist. Auch die Hoffnung auf den Messias war keineswegs frei von solchen Zusätzen, wie die groteske Tragödie des Zabbatai Zewi beweist. In unseren Tagen endlich legt das Wesen der Chassidim auch nicht gerade Zeugniß von Leuten ab, die an übergroßer Nüchternheit leiden. Ebenso wenig wie das Gebühren aller Gegner des Baalcultus, die sich, angefangen von den Propheten, in Drohungen aller Art, in den Schreckbildern einer überlebensgroßen Phantasie förmlich berauschten. Somit kann man, wo wir auch Hinsehen, den Juden des AlterthumS alles Andere eher nachsagen, als Nüchternheit, auch nicht Nüchternheit im guten Sinn des Wortes. Auch durften sie diese Eigenschaft gar nicht haben, wenn sie ihrer ungeheueren geschichtlichen Aufgabe, der Begründung einer Weltreligion, gerecht werden wollten. Dazu gehörte vor Allem Uebermaß, Taumel und trunkene Begeisterung, und erst in zweiter Linie Dialectik und nüchterne Begründung des Systemes. Aber, so wird man fragen, woher denn die ungeheuere Absiractionskraft, die sich von der Welt der Erscheinungen gänzlich losriß, um dem einen und ewigen Gesetze nachzuspüren, welches dahinterlag? Zur Abstraction, das läßt sich nicht leugnen, gehört doch immer eine gewisse Nüchternheit und Begriffsdürre, die auf die Dauer auch die Phantasie ausrrocknet und dem ganzen Menschen ihren Stempel aufdrückt. Von einem berauschten Menschen läßt sich in keinem Fall erwarten, daß er abstrahiren lernt und sich die Fülle der Erscheinungen vom Leibe hält. Wenn nun die Juden, wie man wohl zugeben muß, ihr redliches Theil an der orientalischen Trunkenheit hatten — woher denn, so frage ich zum zweiten Mal, ihre ungeheuere Absiractionskraft, ihre Vorstellung des einen und alleinigen Gottes? Woher? Aus Nichts. Denn diese angebliche Absiractionskraft hat nie existirt. Die Juden waren ein durchaus irdisches, sinnliches Volk, dem fette Weinberge, ein Land, wo Milch und Honig fließt, und ein langes sattes Leben als Ideale galten, deren Erfüllung sie in aller Naivetät von ihrem Gott verlangten. Sehr spät erhob sich dieses Priestcrvolk

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.