Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 6 (9.7.1897)
- Article
- Leroy-Beaulien über Antisemitismus
- Date
- 1897-07-09
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. JPlt^WC Nr. 6. zu einer Disputation unter den Auspicien der antisemitischen Liga von Frankreich eingeladen. Sie haben die Güte, mich im Vorhinein der Höflichkeit Ihrer Freunde zu versichern. Diese Höflichkeit habe ich unglücklicherweise bei meinem Vortrag im Katholischen Institut kennen gelernt. Wenn es einen Ort in Paris gab, wo Ihre Freunde, die sich Christen nennen und sich gern als Vorkämpfer der Kirche aufspielen, ihre Wohlerzogenheit und Achtung vor der Redefreiheit hätten zeigen müssen, so war es sicherlich das Amphitheater des Katholischen Instituts. Sie haben das leider nicht verstanden. Zum Aergerniß der großen Mehrheit meiner Zuhörer haben sie mich fort und fort unterbrochen durch blödsinnige Späße und grobe Gassenbübereien. Ich habe eine Erfahrung gemacht. Wer auf die Aufrichtigkeit oder Wohlerzogenheit Ihrer Freunde rechnete, wäre naiv." Der ungarische Schriftsteller Agai erzählt in einem Feuilleton die folgende hübsche Geschichte. Einmal war er in Ostende mit einem ungarischen Bischof beisammen. Der Kirchenfürst hatte unter seinem langen Rock Stiefel an. Langer Rock und Stiefel sind aber die Merkmale, woran die Ostender Gassenjugend die polnischen Juden erkennt. So liefen denn die Buben hinter dem Bischof drein, hänselten ihn und bewarfen ihn mit Steinen, wie sie es den nach Ostende verirrten polnischen Juden zu thun pflegen. Der geistliche Herr gerieth völlig außer sich uud trachtete nur, einen Wachmann zu finden, der ihn vor dem unerklärlichen Muthwillen der Buben schützen sollte. Den Wachmann fragte er, was denn die Jungen hätten. Der lächelte gutmüthig: „So machen sie es nun einmal mit den Juden." — „Was, Jude? Ich bin ein Bischof!" Und er schlug den Rock zurück, daß der verblüffte Polizist das große goldene Kreuz erblickte. Als aber der Bischof noch ganz erregt von dem Abenteuer mit seinem Landsmann Agai zusammentraf und es ihm erzählte, sagte dieser: „Sehen Sie nun, bischöfliche Gnaden, wie das schmeckt: ein Jude zu sein. Sie haben es nur eine Viertelstunde gekostet — wir machen das seit achtzehnhundert Jahren durch. ..." Wie dem Bischof in Ostende, ist es Herrn Leroy-Beaulieu im Katholischen Institut zu Paris ergangen. Und doch schlug er oft genug den Rock zurück und zeigte das Kreuz auf seiner Brust. Mehrmals wiederholt er, daß er ein guter Arier, Christ, Franzose sei. Solche Erklärungen sind das erstemal nützlich, und klingen bei der Wiederkehr matt. Und sie haben ihn vor dem Unwillen der Antisemiten, deren Neigung er gewinnen wollte, nicht geschützt. Er aber ist entrüstet über die Form ihrer Opposition. Schon nach so kurzer Zeit, Herr Leroy-Beaulieu? Noch einige solche Erfahrungen, und Sie würden die Frage vielleicht weniger „wissenschaftlich" auffassen. Wissenschaftlich faßt er sie auf, das ist wahr. Er setzt die drei Seiten des Antisemitismus auseinander: die religiöse, die nationale, die sociale. Auf allen drei Seiten, sagt er, sind die Klagen der Antisemiten zum Theile begründet. Wörtlich schreibt er: „Der Unterschied zwischen den Antisemiten und mir ist in diesem dreifachen Feldzuge hauptsächlich ein Unterschied im Vorgehen und in der Methode; aber das allein ist wichtig genug." Das ist eine loyale Erklärung unseres „Vertheidigers", die wir uns merken und den jüdischen Schwachköpfen gelegentlich Vorhalten wollen. Den Antisemiten hat die Erklärung nicht genügt, nnd sie folgten dem Vortrag mit Murren und heftigem Widerspruch. Nun muß gesagt werden, daß die Argumentation Leroy-Beaulieus voll der angenehmsten Feinheit ist. Wer nicht Jude oder Antisemit ist, wird sie mit Vergnügen lesen, vorausgesetzt, daß die Frage dann überhaupt noch Interesse hat.. Leroy-Beaulieu besitzt die schmackhafte Gelehrsamkeit, deren große Muster in Frankreich Renan und Taine waren. Die Dinge, über die er spricht, kennt er gründlich, wenn er auch leicht und gefällig darstellt. Er zeigt eine ebenso tiefe als lieblose Kenntniß der jüdischen Art, er sieht jeden Splitter in unserem Auge. Wir dürsten und wir würden uns darüber nicht beklagen, wenn er als unser Gegner spräche. Aber er will als Gerechter genommen werden, und dazu fehlt ihm, wenn man so sagen kann, die Lieblosigkeit gegen die Anderen. Es find das vielleicht nur Nuancen, „Unterschiede im Vorgehen und in der Methode", aber sie genügen vollkommen. Geben wir ihm seinen richtigen Platz, erkennen wir ihn als das, was er ist, als unseren Gegner, und die Discujfion mit ihm wird an Klarheit gewinnen. Er ist einer unserer verbindlichsten, gebildetsten, feinsten Gegner, aber unser Gegner. Die Antisemiten, die sich von ihm bekämpft glauben, weil er gegen ihre Form der Judenfeindschast spricht, haben ihn nicht verstanden: er schadet uns. (Schluß folgt.) Die Woche. Wien, 8. Juli. Die Reise des Dr. Lueger an die ungarische Grenze verdient einige Aufmerksamkeit. Der Herr von Wien dehnt seine Herrschaft aus. So wie er in der Hauptstadt auf seine allezeit getreuen Bezirke Landstraße und Margarethen gestützt allmälig auch nach anderen Gegenden vordrang, bis Alles, was um den Stcfansturm herumliegt, ihm unterthan wurde, so erobert er nach und nach die Städte Oesterreichs. Hamburg liegt ihm bereits zu Füßen. Sein Ausflug nach diesem Orte war eine Kette von Triumphen: Blumenschmuck, Flaggen, weißgekleidete Mädchen, Musik, Verse, der ganze Genuß des Sieges. Aber an das Alles ist Dr. Lueger schon gewöhnt, und wir sind davon nicht mehr befremdet. Nur der Ort ist merkwürdig und die nahe Grenze des „gegen die Seuche immunen" Ungarn. Dr. Lueger wird nicht müde, sich um Ungarn zu kümmern. In neuester Zeit glaubt man bereits einen anderen Ton aus seinen Reden herauszuhören. Man hat den Eindruck als hielte er seine Zeit schon für gekommen. Er spricht leutseliger als ehedem mit den Magyaren. * * * Beim Bankett in Hamburg sagte Dr. Lueger: Es ist heute das drittemal, daß ich die Stadt Hamburg besuche und heute abermals mit Freuden constatiren kann, daß unsere Bewegung immer tiefere Wurzeln faßt. Wir Wiener danken deshalb auch den Hainburger Antisemiten für den überaus freundlichen Empfang und hoffen, daß man Hamburg bald die „antisemitische Stadt an der ungarischen Grenze" nennen wird. (Anhaltende Bravo- und Eljenrufe.) Bevor ich, sehr verehrte Anwesende, zu Ihnen gekommen bin, habe ich mich ein Bischen in dem Lande der patentirten Leute umgesehen, nämlich in Ungarn, dem heißumstrittenen und vielgelobten Lande der Juden, besser gesagt, der jüdischen Fünfkreuzer-Magyaren. Sie wissen ja Alle, daß mir insbesondere die jüdischen Magyaren nicht gut gesinnt sind (Heiterkeit) und da wollte es mein Unglück noch haben, daß ich in Preßburg anstatt in eine Magyarengasse in eine Judengasse gerathen bin, wo mich die Preßburger Juden mit „Abzug Lueger!"-Rufen begrüßt haben. Ich machte mir, so setzte der Redner auseinander, nicht viel daraus, denn von den paar wegen Scandalmachens verhafteten Juden absehend, weiß ich sehr gut, daß auch die ungarischen Juden sehr bald zum Abzug und Rückzug blasen werden und müssen. Auch in Ungarn beginnt sich das Volk zu rühren; den Magyaren ist es klar geworden, unter wessen Herrschaft sie geknechtet sind. Nicht fern ist die Zeit, wo die wahre Sonne der Freiheit in Ungarn aufgehen wird, in welcher Zeit sich die Deutschen und Ungarn als Unterthanen einer Dynastie brüderlich die Hand reichen werden. (Brausende Eljenrufe von den angekommenen Ungarn.) * * * Einer der anwesenden Ungarn hielt dann eine magyarische Ansprache — meldet der Bericht weiter — und die vielen Ungarn brachen in weithin schallende Eljen-Rufe aus. Das ist das Merkwürdige der Hamburger Expedition. Eljen! Das hat Dr. Lueger noch nicht gehört. Es scheint auch, daß ihm seine Kundschafter aus Ungarn Gutes gemeldet haben, daß sein Weizen blühe, daß eine verworrene Bewegung wider die Juden sich aufzumachen beginne. Vielleicht schlüpfte er darum für einen Augenblick über die Grenze nach Preßburg, wo er zwar