Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-07-09 · 6 (9.7.1897) · p. 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
6 (9.7.1897)
Date
1897-07-09
Page
1 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315716--00482-3378649
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mein Asien Hebaction und Administration'. Wien n., Reinbrandtstraße 11. Preise -er Hnreigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 10 kr. Welt. Nr. 6. I. Jahrgang. Erscheint jeden Freitag. Wien, 9. Juki 1897. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration Wien, II., Rembrandtstraße 11, zu richten. Unfrankirte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. Bezugspreise. Jür He sterr.-Hlngarn: Halbjährig 3 fl. — 6 Kr. Ganzjährig 6 fl. ---12 Kr. Jür das Ausland: Halbjährig 4 fl. --- 8 Kr. Ganzjährig 8 fl. 16 Kr. Einzelne Nummern 15 kr. Leroy-Beaulieu über Antisemitismus. Herr Anatole Leroy-Beaulieu, der den Juden schon eines seiner besten Bücher verdankt: „Israel chez les nations“ hat sich unlängst wieder mit uns beschäftigt. Diesmal war der elegante Schriftsteller weniger glücklich, als in seinem ersten israelitischen Werk. Er macht in seinem Büchlein „l’Antisemitisme“ den Eindruck, als hätte er nicht viel über die Judenfrage zu sagen. Und während man die 433 Seiten von „Israel unter den Nationen" mit beständiger Theilnahme lesen und sich an der leicht hinplaudernden Gelehrsamkeit des Verfassers erfreuen konnte, empfindet man bei diesem kurzen Vortrag von 75 kleinen Seiten bald eine gewisse Leere. „L’Antisemitisme“ war nämlich ein freier Vortrag, eine sogenante „Conference“, die Herr Leroy-Beaulieu im Institut catholique zu Paris vor einigen Monaten hielt. Dieser Schauplatz, die Person des Redners und die Art der Unterbrechungen, denen er ausgesetzt war, hätten eigentlich die großen Blätter veranlassen sollen, sich eingehender m it der Sache zu beschäftigen. Aber man spricht bekanntlich nicht gern von der Judenfrage; man glaubt noch immer, sie durch Schweigen todtmachen zu können. Es ist etwas Unheimliches in solcher Verblendung sonst kluger Leute. Es ist, wie wenn Jemand an einem Ort, wo nicht geraucht werden soll, die brennende Tabakpfeife in die Tasche steckte. Er kriegt ein Brandloch in den Rock und wird nachher doch erwischt. Zu den verschwiegenen Ereignissen in der modernen Entwicklung der Judenfrage gehört auch Leroy-Beaulieus Vortrag im katholischen Institut. Es war eine merkwürdige Begebenheit, die mit allgemeiner Unzufriedenheit endete. Die Antisemiten, gegen die Herr Leroy-Beaulieu vom katholischen Katheder herab loszog, hatten einen schlechten Tag. Aber auch Herr Leroy- Beaulieu hatte keinen guten. Und am übelsten waren die Juden daran, denn sie wurden von Herrn Leroy-Beaulieu vertheidigt. Ein solcher Bertheidiger ist das schwerste Mißgeschick, das einen Angeklagten treffen kann. Herr Leroy-Beaulieu spricht von den Juden mit einem geradezu vernichtenden Wohlwollen, er beschämt sie durch seine Güte, und nie haben sie so viel Ursache zerknirscht zu sein, als wenn er sie entschuldigt. Ein Jude von gesundem, nicht unbescheidenem Selbstgefühl muß sich ganz verknittert und weggeworfen Vorkommen, nachdem er die Schrift dieses verbindlichen Akademikers zu Ende gelesen hat. Woher das kommen mag? Wir sind doch wahrhaftig nicht verwöhnt. Wir hören Tag für Tag die, wie es scheint, schwierige Frage erörtern, ob wir denn auch Menschen seien wie andere. Es Libt Leute, welche diese Frage mit Entschiedenheit verneinen, dann solche, die mit Einschränkungen bejahen; wenige find ohne Vorbehalt für uns, und das ist menschlich erklärbar. Das „Liebe Deinen Nächsten" ist nichts Alltägliches — hätte es sonst ein derartiges Aussehen in der Weltgeschichte erregt? . . . Kurz, wir sind nicht verwöhnt. Wir haben auch schon das Klagen über unser Los verlernt. Wir tragen es, wie es kommt. Und nun faßt uns Einer mit sanfter, glatter Hand an, wie um uns wohlzuthun; aber wir fühlen dabei nur Schmerz. Ist unsere krankhafte Ueberempfindlichkeit daran Schuld? Nein, der gute Mann streichelt unsere offenen Wunden. Er möge sie brennen, schneiden, er möge uns neue schlagen, wenn er ein rechter Feind ist; doch was soll das Streicheln, da er ja kein rechter Freund ist? Darin liegt es. Ueber die Judenftage kann man heute nur als offener Parteigänger schreiben. Das heißt: die Judenfrage hat zwei Aspecte, einen geschichtlichen und einen actuellen. Der historische läßt sich mit kühler Ruhe betrachten, ja die akademische Gelassenheit ist dabei sehr verdienstlich. Aber die actuelle Jndenfrage verträgt diese kühle Art der Behandlung nicht. Hüben und drüben leidet und kämpft man, hüben ist mehr Leiden, drüben mehr Streiten. Kommt aber Einer, der dieses Schauspiel mit ungetrübter Seelenruhe betrachten, man könnte sagen: genießen will, so wird er in beiden Lagern Zorn erregen. Wer jetzt in der Judenfrage mitthun will, muß zunächst erklären, ob er Welf oder Waibling ist. Geschichtsschreiber kann es in diesem Zustande der Sache noch nicht geben, höchstens Kriegsberichterstatter, und die mögen vorsichtig sein, sonst werden sie nach Kriegsrecht behandelt. Es war also unvorsichtig von Herrn Leroy-Beaulieu, daß er am 27. Februar 1897 in das Katholische Institut ging, um den Antisemiten milde zu erklären, inwiefern er nicht vollkommen mit ihnen übereinstimmen könne, und den Juden, die von ferne horchten, welche Gebrechen er an ihnen rüge. Für die weisen Dämpfungen, Vorbehalte, Einschränkungen in dieser Rede hat Memand Sinn. Man sollte nicht glauben, wie viel Aergernis eine so sanfte Auseinandersetzung zu erregen vermag. Herrn Leroy-Beaulieus Vortrag ist ein schönes Beispiel dafür, wie toll die Behutsamkeit ausfallen kann. Und doch steht er nach wie vor auf dem Standpunkt seines Buches „Israel unter den Nationen", er sagt nicht ein Wort, dessen Wirksamkeit er nicht schon erprobt hätte; der kluge Mann hat nur vergeffen, daß Buch und Rede, Geschichte und Politik zweierlei Dinge find. Ein Philosoph muß schweigen, ein Politiker reden können. Später, nach seiner „Conference" sah Herr Leroy-Beaulieu es ein. Beweis dafür das Vorwort des kleinen Buches. Da veröffentlicht er seine Antwort an den „Generaldelegirten der antisemitischen Liga von Frankreich." Der Brief ist saftig. Herr Leroy-Beaulieu hat die Gemüthsruhe verloren, die wir an ihm bewunderten, so lange die Juden die Angegriffenen waren. Dieser seine Gelehrte hat auch Temperament. Er schreibt dem Generaldelegirten: „Mein Herr! Sie haben mich in einem offenen Briese

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.