Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 5 (2.7.1897)
- Article
- Die goldene Mitte [Rezension]
- Date
- 1897-07-02
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16. SMpm Nr. 5. Aufgeklärten, mit allen Wissenschaften der Neuzeit vertrauten Nationaljuden können dem neuerbauten jüdischen Heime in diplomatischer, politischer und kultureller Hinsicht von größtem Nutzen sein. „Jschub-Erez-Jsrael", das Wohnen im heiligen Lande, zählt übrigens nach bedeutenden talmudischen Autoritäten zu den 613 Borschriften der Thora, nach Manchen wiegt es sogar alle anderen auf. Das heilige Land ist dazu bestimmt, von Juden bewohnt und bebaut zu werden, bebaut in derselben Weise, wie andere Nationen den Boden ihres Vaterlandes bebauen; es muß ein Staat der Arbeit, des Ackerbaues, der Industrie und des Handels sein, eine Zufluchtsstätte für die überall verfolgten und und wie Wild gphetzten Söhne Israels. Die Gebildeten, die sich zum Zionismus bekennen, werden für den Schutz bei der türkischen Regierung eintreten und dem „bewohnten" heiligen Lande jene modernen Elemente geben, welche zur Erhaltung desselben nothwendig sind. Diese Nationaljuden sind durchaus nicht mit jenen Reformern zu verwechseln, welche dem jüdischen Volke die Aussicht auf seine Zukunft nehmen wollen, indem sie aus den Gebeten und den Ritualen die Spur von Zion verwischen, was ihnen aber natürlich nicht gelingen wird. Es ließe sich schließlich aus dem Buche wie auch aus der demselben vom Sohne des Verfassers vorausgeschickten biographischen Einleitung noch so manches anführen, was der in unserer modernen Zeit erfundenen „Mission" nicht genehm erscheinen möchte, und doch stammt das alles von einem Rabbiner, an dessen Frömmigkeit und Vorsorge für die Erhaltung der jüdischen Religion weder die fünf Millionen östlicher Juden, noch die modernen Westländer zu zweifeln wagen werden. LI. B. Uriel Acosta Erzählung von I. Zangwill. Erster Theil. Gabriel da Costa. (4. Fortsetzung.) Wie schmeichelnd beugte sich der blaue Himmel zu ihm herab und beschwor ihn, zu bleiben! Und die Stadt selbst, wie liebte er ihre steilen Straßen, die massiven am »rischen Thore, die Paläste, die Klöster, die geweißten Häuser — die altmodischen, wunderlichen und fensterlosen, die neueren mit ihren vorspringenden Balkonfenstern — ach, und selbst den Geruch von Knoblauch und Zwiebel, der Alles durchdrang! Wie oft war er durch die Rua das flores geschlendert und hatte den Goldarbeitern zugesrhcn! Wenn er jetzt durch das alte Familicnhaus schritt, ging ihm ein neues Gefühl seines traulichen Reizes auf. Jedes schöne Getäfel und jede Fliese, jede anmuihige Curve der großen Treppe, jede Statue in der Nische hatte einen bisher unerkannten Platz in seinem Herzen und rief ihn zu sich. Aber lauter als all' dies war der Ruf der Vernunft. H. Theil: Uriel Acosta. I. Mit der Erregung eines Pilgers, der Palästina erreicht, sah sich Gabriel endlich in der Stadt, in der eine Synagoge unter dem freien Gotteshimmel stand. Alle Stürme in seinem Herzen hob die Kälte auf, die sich beim Anblick der grauen, canalbcgrenzten Straßen der nordischen Stadt nach all' den Farben und der Glut Oportos in ihn einschlich. Sobald er sich in dem großem Hause, das die alten Freunde und Verwandten seiner Mutter in dieser Stadt für ihn gekauft hatten, eingerichtet hatte, war es seine erste Sorge, sich am Sabbath mit Mutter und Bruder in die portugiesische Synagoge zu begeben. Obwohl seine Unkenntniß seines neuen Glaubens so groß war, daß er beim Eintreten den Hut abnahm, und nicht wußte, wie er den Gebetjhawl, den der Synagogendiener ihm lieh, anlegen sollte, und ziemlich bestürzt ward, als er sah, daß seine Mutter nicht an seiner Seite sitzen durfte, sondern auf die Gallerie hinter ein Gitter verwiesen wurde, so war er doch zu erregt, um kritisch zu sein. Das Gebetbuch interessirte ihn sehr, und obgleich er sich bemühte, dem Gottesdienste zu folgen, vermochte sein gegelehrtes Hebräisch mit dem Tempo der Gemeinde gar nicht Schritt zu halten; er schämte sich auch unvernünftigerweise über sein unrichtiges Aufstehen und Verbeugen. Vidal, der noch kein Hebräisch kannte, beschäftigte sich damit, einige ehemalige Einwohner von Oporto herauszufinden und seinem Bruder diese Entdeckungen mit lautem Flüstern mitzutheilen. Das bewog Gabriels anderen Nachbarn, ihnen Sprossen der ersten spanischen Familien zu zeigen, deren andere Mitglieder in der Heimat Stützen der heiligen Kirche, Bischöfe und sogar Erzbischöfe waren. Es war eine gar seltsame Gestalt, dieser rothbärtige, dickwamstige Nachbar, wie er sich automatisch in seinem Gebetshawl hin- und herwiegtr, aber offenbar mehr zum Schwatzen als zum Beten aufgelegt war. Mönche oder Nonnen fast jedes geistlichen Ordens seien hier zum Judenthum zurückgekehrt, sagte er. Er selbst, Jsak Pereira, der friedlich und behaglich .hier sitze, sei in Spanien Jesuit gewesen. „Ich hatte diese fromme Heuchelei satt und brannte danach, hieher zu ziehen; aber die Narren ließen mich Nachlaßzettel verkaufen und ich hatte einen großen Borrath in der Hand. „Das Geschäft" — hier unterbrach er sich mit einem inbrünstigen „Amen", das zum Gottesdienste gehörte — „das Geschäft ging in Spanien damals schlecht. Es nützt nichts, fie nach den Niederlanden hinüberzuschaffen, dachte ich; da drüben sind sie zu klug. Ich muß sie in einem Lande los werden, das den Juden frei steht und doch Katholiken enthält. Was that ich also? Ich fuhr von Malaga in die Berberei hinüber, wo ich den Rest meines Vorrathes an ein paar Katholiken verkaufte, die unter den Mauren lebten. Kaum hatte sch das Geld in der Tasche — Amen! — so bekannte ich mich als Jude. Gott Abrahams, was für Gesichter diese Gentilcs machten, als sic erkannten, welchen schlechten Handel sie mit dem Himmel gemacht hatten! Sie nannten es eine Betrügerei und wandten sich an den Kadi. „Aber" — hier mischte sich ein Kichern, das er nicht zu unterdrücken vermochte, mit dem brausenden Lärm der betendenden Menge — „ich berief mich aus das Vorrecht eines Freihafens, Güter jeder Art zu verkaufen, und so mußte der Kadi dem Gesetze gemäß Recht sprechen." In seiner heiteren Stimmung kam die- Gabriel Anfangs belustigende vor, aber es dauerte nicht lange, so trng es nur dazu bei. um seinen Widerwillen und seine Enttäuschung über seine neuen Brüder und seinen neuen Glauben zu erhöhen. Denn nachdem er sich mit seinem Bruder der Beschneidung unterworfen, seinen Tausnamen gegen den hebräischen Namen „Uriel" und „Vidal" gegen „Josef" vertauscht, sowie gleichzeitig den Familienamen in „Acosta" latinisirt hatte, sah er sich einem Schwarm kleinlicher Gebote gegenüber, die noch weit ärgerlicher waren, als die der Kirche. Essen, triuken, schlafen, ankleiden, waschen, arbeiten — keine einzige einfache Handlung gab es, die nicht von den unglaublichsten Gebeten gehindert ward. Erstaunen machte der Bestürzung und Bestürzung der Empörung, dem Abscheu Platz, als er erkannte, in welches Netz von Ceremonien er sich verwickelt hatte. Der Pentateuch selbst mit seinem complicirten Codex von 613 Vorschriften bildete, wie er entdeckte, nur den bloßen Rahmen für ein wucherndes Gewächs, das sich mit unendlichen Verzweigungen in die innersten Winkel des Lebens einschlich. Wie, so hatte er das stattliche Ceremoniell des Katholicismus gegen diese rabbinischen Erzeugnisse vertauscht? Er hatte geistige Fesseln abgeworfen, um fie durch körperliche zu ersetzen? War dies das goldene Zeitalter, das er zu finden gehofft hatte — die einfache, mosaische Theokratie der Vernunft und Gerechtigkeit? Und die Juden selbst, waren sie wirklich das auserwählte Volk, das er mit seinem romantischen Schimmer umgeben hatte? Diese fetten Bürger, die behaglich unter den Flügeln der protestantischen Generalstaaten hockten? Diese Kaufleute, die in prächtigen Häusern wohnten, den holländischen Handel in West-Indien belebten, sich nur in Formen und Dogmen von den heidnischen Holländern unterschieden, die sie sogar in der Begönnerung der Maler nachäfften? Und am anderen Ende dieser Bastardbrüderschaft der Gerechtigkeit — jene triefäugigen Jämmerlinge, die ihren Schiebkarren mit abgelegten Gegenständen dahinschobcu oder in den schlammigen Gäßchen, an den mit Abfällen beladenen Ufern baumloser Canäle ein schmutziges Ghetto von Diamantenschneidern und Cigarrenmachcrn schufen? — Er war betrogen, gefangen, verrathcn worden! Seine Wuth nahm täglich zu und machte sich in bitteren Reden Luft: Wenn das aus dem mosaischen Gesetze und dem heiligen Volke geworden war, so würde ein Sohn Israels seiner Raffe den besten Dienst erweisen, wenn er aufstünde und spräche. War es nicht eine Eingebung von oben, daß er den Namen Uriel — „Feuer Gottes" — angenommen hatte? (Fortsetzung folgt.) Herausgeber : Paul Naschaner. — Verantwortlicher Redaclcur Dr. 8. R. Landau — Druck der „Gesrllschast für graphische Industrie."