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Die Welt · 1897-07-02 · 5 (2.7.1897) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
5 (2.7.1897)
Article
[Kommentar]
Date
1897-07-02
Page
13 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 5. Seite 13. Zeitschriften-Rundschau. — Das „Berliner Tageblatt" vom 2b. Juni Nleldet ctitcn hochinteressanten Fall von Antisemitismus einer preußischen Behörde: „Eine merkwürdige Auffassung der preußischen Schulbehörden wird uns aus der Provinz Westpreußen mitgetheilt. Einem jüdischen Schüler russischer Staatsangehörigkeit wurde der Besuch eines bestimmten deutschen Realgymnasiums mit der Begründung von dem Oberpräsidenten v. Goßler verweigert, weil ,das Gymnasium dvrtselbst schon von einheimischen jüdischen Schülern nicht nur zahlreich besucht, sondern mit diesen Schülern weit über das Bevölkerungsverhältnis hinaus besetzt' und die Befürchtung zu erwägen sei, ,daß durch den Hinzutritt von jüdischen Schülern anderer Staatsangehörigkeit die Anstalt eine Schädigung erfahren' könne. Zunächst bedarf es der öffentlichen Aufklärung, die eventuell im Abgeordnetenhaus gefordert werden wird, welche Schädigung der Anstalt durch den Hinzutritt eines jüdischen Schülers diese erwachsen wäre. Endlich ist es aber ein ganz neuer, um nicht zu sagen, geradezu wider den Geist des Reichsgesetzes über die Gleichberechtigung der Confessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung verstoßender Gesichtspunkt, den der Oberpräsident mit dem Grundsatz aufstellt, daß jüdische Schüler an einer höheren Lehranstalt nur nach Maßgabe des Bevölterungsverhältnisses zugelasseu werden dürfen. Der Cultusmiuister wird die Erklärung nicht schuldig bleiben dürfen, auf welche Gesetzesparagraphen sich dieser Berwaltungsgrnndsatz stützt, und ob er für alle staatlich anerkannten Konfessionen gleichmäßig gilt, oder nur auf Juden Anwendung findet. Im letzteren Falle wäre er rechtsungiltig, da er gegen das oben citirte Reichsgesetz verstößt, Reichsgesetze aber den Landsgesetzen Vorgehen. Daß es sich aber hier thatsächlich um den Versuch handelt, ein Ausnahmegesetz gegen die Juden zu schaffen, und die Bestimmungen jenes Reichsgesetzes einfach im Verwaltungswege aus der Welt zu schaffen, beweist die Thatsache, daß man noch niemals davon gehört hat, das; ein Oberpräsident oder Minister in einer katholischen Gegend, wie zum Beispiel in der Rheinprovinz, einem evangelischen Schüler die Zulassung zu einem Gymnasium verweigert Hütte, weil das Letztere bereits weit über das Bevölkerungsverhältniß hinaus mit protestantischen Schülern besetzt sei, was doch in ben meisten rheinischen Gymnasium der Fall ist, da die Masse des katholischen Volkes den unteren Stünden angehört, infolge der vielen protestantischen Beamten- und Militärjohne aber das Verhältnis; der protestantischen Kinder zu ben katholischen auf den Gymnasien durchaus nicht dem Bevölkeruugsprozent entspricht. Uebrigens ist auch ailf jener Anstalt WestPreußenS das Mißverhältnis; thalsächlich gar nicht vorhanden. Wie man uns mittheilt, wird das dortige Gymnasium besucht von 1S7 evangelischen, 47 katholischen und 3t) jüdischen Schülern, darunter 8 auswärtigen Schülern. Das Realgymnasium ist besucht von 37 evangelischen, 4 katholischen, 6 jüdischen und 2 auswärtigen Schülern." — Die „OstdtU-sche Rundschau" schreibt: „In Ungarn scheint der Antisemitismus eine erfreitliche Verbreitung zu gewinnen, denn der Budapester „Schulstnhl" beschäftigte sich in seitter gestrigen Sitzung offiziell mit der gegen mehrere Kommunallehrer jüngster Tage tit einigen Blättern erhobenen Beschwerde, daß in Schulen der Antisemitismus Wurzel fasse. Er faßte den Beschluß, den erstatteten Bericht unverzüglich dem Magistrat mit dem Ansuchen zu unterbreiten, eine genaue Untersuchung einzuleiten. Weil sich derlei amtliche Deliberatioucn erfahrungsgemäß blos mit den Wirkungen befassen, die Sanirung der richtigen Ursachen aber ganz zrt vernachlässigen Pflegen, darf wohl mit ziemlicher Bestimmtheit angenommen werden, daß fortab der Antisemitismus Ungarns etwas raschere Fortschritte machen werde." Die „Deutsche Zeitung" tadelt den deutschen Schulverein, weil ^?r die Subvention des niederösterreichischen Landtages, die nach den Intentionen der edlen Spender nur nicht-jüdischen Kindern zugute komnien sollte, zurückweist. Die freundschaftliche Ermahnung lautet: „Unserer Ansicht nach wäre es vom Deutschen Schttlvereine, dessen Nothwendigkeit wir lebhaft empfinden lind dent wir eine neue Blüthezeit aufrichtig wünschen, ebenso unklug, sich den Wünschen der Deutschnationalen zu widersetzen, als die gegenwärtige Vertretung des Landes Niederösterreich und der Stadt Wien vor den Kopf zu stoßen. Antisennten gibts nun mal unter den Deutschen, und sie auf irgend eine Weise etwa mittels des „parlamentarischen Standrechtes" wegzufegen, ist, wie Herr Dr. Weitlof ja aus eigener Erfahrttug weiß, bisher n i fl} t gel it u g e n tl tt d w i r d a u ch k ü n f t i g n i ch t g e l i ng e n. Im Gegeutheile es werden ihrer immer mehr!" Die „Ostdeutsche Rundschau" schreibt: „Die deutschnational antilentitische Partei wird nicht eher ruhen, als bis die letzte Spur indischen Einflusses aus dem nationalen und wirthschaftlichen Leben der Deutschen getilgt ist." Dem Schulverein macht das deutschnationale Organ folgende Vorschläge: 1. Die Dentschnationalen aller, atlch der radiealsten Richtung sind bereit in ben Deutschen Schulverein, so wie er heute ist, einzutreten ititb "ach Kräften für ihn zu wirken. 2. Die Deutschnatioualen erhalten das Recht, judenreine Ortsgt'uppen zu E gründen, denen beizutreten auch solchen lnichtsudischen) Deutschen nicht verwehrt ist, die im politischen Leben der Deutschen Fortschrittspartei an gehören. 3. Anderseits darf aber auch Dentschnationalen, die sich zur Aufnahme in eine der bestehenden liberalen Ortsgruppen melden, der Beitritt nicht verwehrt werden. 4. Zum Zwecke der Erhaltung des Deutschen Schulvereines und zur Dtlrchführitug seiner Neugliederung in nationale (judenreine) und liberale Ortsgruppen hat sich die Leitung des Deutschen Schulvereines mit den Leittlngen der anderen nationalen Schutzvereine in's Einvernehmen zu setzen. — Die „Statistischen Mittheilungen" des statistischen Landesamtes in Lemberg veröffentlichen einen bemerkenswerthen Artikel über „die e x e c u t i v e n Feilbietungen der kleinen Besitzungen in Galizien". Bekanntlich ist es ja eine antisemitische These, daß der kleine Grundbesitz von Juden „aufgesaugt", „zu Grunde gerichtet" wird und dgl. Das; es sich aber hier nur um den Kampf des Capitals mit allen seinen egoistisch-brutalen Consequenzen gegen die wirthschaftlich Schwachen, ohne Unterschied der Nationalität und Confession, handelt, das übersehen die Gegner des Judenthums absichtlich. Sie können wohl die öffentliche Meinung fälschen, aber nicht die Statistik. Im genannten Artikel wird nachgewiesen, daß im Jahre 1894 in Westgalizien der größere Theil der exeeutiven Feilbietungen zu Gunsten christlicher Gläubiger stattgesunden hat. So' waren in 318 Fällen die Gläubiger Christen und in 303 Fällen Juden. Und die Schuldner, die von den jüdischen Gläubigern zu Grunde gerichtet wurden, dürften doch nur Christen gewesen sein? Die Statistik ist aber unbarmherzig. Sie kennt die Fabel von der jüdischen „Solidarität" nicht und weist daher in trockenen Ziffern nach: Kleine jüdische Grund- und Hausbesitzer wurden in Galizien im Jahre 1894 von jüdischen Gläubigern in 257 Fällen zwangsweise enteignet. Vereinsnachrichten. Wien, Emzelvercin „Zion". Der Schriftsteller Ahron Markus aus Pvdgorze hielt am 22. Juni au der Hand des Propheten Nehemias einen Bortrag über das Judenthum zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Der Referent verglich die Aufnahme, welche die Idee einer Wiedererrichtung des jüdischen Reiches damals bei den Juden fand, mit den Stimmungen, die der Zionismus heute innerhalb des Judenthums erzeugt. Auch damals habe es Gegner des Planes gegeben, die sich besonders aus der Priesterschaft recrutirteu und mit apodiktischer Gewißheit die Undurchführbarkeit der Idee verkündeten. Auch damals habe es Juden gegeben, die von der Warte ihres Geldsackes aus beide Augen über die Noth des jüdischen Proletariats znbriietten und sich im Exile ungemein wohl fühlten. Auch damals habe mau „Argumente" der Religion gegen den Plan ins Treffen geführt - und dennoch wurde das jüdische Reich begründet. In die Debatte, die sich an das Referat schloß, griff auch Dr. Theodor Herzt ein und betonte im Hinweis auf Herrn Markus, der dem Chassidismus angehört, die einigende Kraft des Zionismus, der trotz aller Gegensätze, aller religiösen Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Judenthums eine Brücke zwischen den heterogensten Elementen bildet und es ermöglicht hat, daß der moderne Großstadtjude in brüderlicher Eintracht neben dem Juden im Kaftan an der Erlösung des Judenthums arbeitet. Wien. Die jüdischnationale Studentenverbindung „Libanonia" hat den Schriftsteller Tr. Max Nordau wegen seines mannhaften Eintretens für die Sache des Judenthums zum Ehrenburschen ernannt. Gwozdziec, 21. Juni. Hier hat sich ein Zionsverein gegründet. Um sein Erstehen haben sich die hiesigen Herreil Julius P a u k e r, B. S ch i k l e r, Sch. Goldfeld und die Herren N. Taubes aus Rohatyn und Amkraut ausKolomea in anerkennenswertester Weise verdient genracht. Tie Idee des Zionismus gewann gleich bei dem ersten Bortrage, ben Herrn P auke r über dieses Thema hielt, fast die ganze Gemeinde für sich. 70 Personen zählte der Verein sofort bei seiner Gründung und binnen vier Wochen ist die Mitgliedszahl auf 139 gestiegen. Urgarisch-Hradisch. Für den mächtigen Fortschritt, welchen die zionistische Bewegung unter der Studentenschaft macht, liegt ein neuer Beweis vor. In Nngarisch-Hradisch wurde eine zionistische Ferialverbindung „Ach iw ah" gegründet, deren Leitung .Herrn stud. med. Benno Schallinger, einem Mtgliede der Verbindung „I v r i a", übertragen wurde, da seinem Wirken die neue Gründung in erster Linie zu verdanken ist. Von derselben Verbindung „Jvria" wird auch die Gründung zweier neuer zionistischer Ferialverbindungen in Schlesien intendirt. Das rege Interesse der Studentenschaft, insbesondere der heurigen Abiturienten läßt an der Realisirung keinen Zweifel auskommen.

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