Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 5 (2.7.1897)
- Article
- Braila [Nachricht]
- Date
- 1897-07-02
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. .PWVM Nr. 5. forderte, seine Kraft nicht in unnützem Wortgefechte und kleinlichem Ehrgeize zu verschleudern, sondern Alles aufzubieten, um die große Sache zu fördern, besonders in einem Momente, wo man der endgiltigen und radicalcn Lösung der Frage, die für Andere eine „Judenfrage", für uns aber eine „Lebensfrage" ist, so nahe ist, so nahe, wie nie zuvor in der Geschichte der Diaspora. — In gleichem Sinne sprachen noch Herr Kaswan, Lehrer an der hiesigen israelitisch-rumänischen Schule, und Herr Isaak Agent. — Nach jeder Rede erschallte brausender Beifall, und als Herr E l l m a n n die Anwesenden auffordcrte, die Versammlung mit einem dreimaligen „Hoch!" auf die Herren Dr. Theodor Herzl, Max Nordau und Sam. Pinelcs zu schließen, erhob sich Alles von den Sitzen und leistete der Aufforderung enthusiastisch Folge. — Vor dem Verlassen des Saales wurden 50 neue Mitglieder ausgenommen. «-ss Moinefti. (Orig. - Corr.) Wir nehmen mit großer Freude wahr, wie hier — und in Rumänien überhaupt — der Zionismus von Tag zu Tag tiefer im Volke Wurzel faßt. Das mächtige Anschwellen der Bewegung hat ja die Conferenz in Galatz bewiesen. Allerdings tauchen auch hier Gegner der Idee auf, die nach bewährteni Muster den Zionisten Steine in den Weg werfen. Da erklärt man, der Herzl'sche Zionismus sei deshalb nicht praktisch, weil nach den heiligen Schriften die Erlösung Israels nicht auf politischem, ja überhaupt nicht auf natürlichem Wege, sondern durch göttliche Wunder vollbracht werden müsse. Es sind das die Nachbeter des galizischen Rabbi von Schinowe. Unser Gesinnungsgenosse M. Birnbaum hat ihnen Nun in einem hiesigen Blatte gründlich heimgeleuchtet, indem er auf ihre Argumente eingehend die „Gegner" an der Hand des Talmud, Maimonides rc. ad absm-dum führte. Allein von dem Urübel, gegen das die Götter selbst vergebens kämpfen, wird er sie wohl schwerlich curirt haben. England. London. (Orig.-Corr.) „Gefährlich", „sehr gefährlich", „entsetzlich gefährlich". Warum? „Ja, das ist gefährlich." Das sind die Gründe, weshalb die leitenden Männer der englischen „Ohovevi Zion“ beim Congreß nicht repräsentirt sein wollen. Worin besteht denn da die Gefahr? Ja, Gefahr ist Gefahr. Ich glaube, daß sie durch das bloße Wort erschreckt wurden, und als es der Welt geoffenbart wurde, beschlossen sie, das schreckliche Ding allein zu lassen! Und all' die anderen erschreckten Leute schmunzelten dazu. Aber in England gibt cs eine gesunde öffentliche Meinung — und sie ist hervorgerufen worden durch unsere Gegner! Außer dem Jubiläum beschäftigt die Gemüther der Juden nur der Congreß in dem einen oder dem anderen Sinne. Von Manchester gelangen an mich Nachrichten über eine sympathische Stellungnahme der unabhängigen Zionisten, und daß man in Leeds mit den Entschlüssen der „Headquarters Tent“ nicht übereinstimmt, ist bereits allgemein bekannt. Und in Amerika! Auch dort gibt es Gegner, die sogar Thatsachen fälschen. Aber alle jüdischen Zeitungen sprechen vom Congreß, mehrere hervorragende in unserem Sinne. Meetings werden abgehalten, unsere Männer arbeiten wacker: Reverend Dr. F e l s e n t h a l aus Chicago, Dr. A. F r i e d e n w a l d aus Baltimore, Moses Klein aus Philadelphia, Mr. S. Baroway aus Baltimore. Ich kann Ihnen nicht über alles Erfreuliche berichten, was ich aus Amerika höre. Am Congreß werden die amerikanischen Massen repräsentirt sein. T. de H. Türkei. Conftantinopkl. (Orig. - Corr.) Die Expedition zionistischer Aerzte ist unter Führung des Drd. Schallt, nachdem sie ihren Pflichten im Militärspital zu Larissa Genüge geleistet, in Constantinopel angelangt und wurde vom Kriegsminister empfangen. Amerika. Rew-Nork. Mit aufrichtiger Genugthuung verzeichne ich die erfreuliche Thatsache, daß die Gegner des Zionismus sich in New-Iork von Tag zu Tag mehren. Diese Thatsache wirkt deshalb erfreulich, weil sie in sich den Beweis führt, daß die Anhänger des Zionismus durch ihre große Zahl die Gegner unserer Bewegung ebenfalls zusammcnbringen. Und wenn gegnerische Parteien in geschlossenen Reihen einander gegenüberstchcn, ist die Entscheidungsschlacht nicht mehr ferne. Freilich sind unsere Gegner nicht klug oder aber sie verstehen es zumindest nicht, Argumente gegen die Bewegung in kluger Weise vorznbringen, und vergessen überdies, daß der Zionismus einen Auswanderungszwang weder ausübcn will, noch ausüben kann, sondern sich blos an Jene wendet, die eine Heimat suchen und finden nlüssen. Der Anführer der gegnerischen Partei ist Rabbi K. Köhler von der hiesigen reichen Tempclgemeinde Bcth-El. In seiner am Wochcnfcstc abgchaltcncn Predigt wandte Herr Köhler sich mit der Begründung gegen die Bewegung, daß die Leiter und Förderer des Zionismus — glaubensarm sind. Es ist nicht uninteressant, zu wissen, daß derselbe Rabbi Köhler, welcher den Vorwurf der Glaubensarmuth gegen uns erhebt, mit der geschichtlichen Vergangenheit und den Traditionen des Judenthums vollkommen gebrochen und die Verfügung getroffen hat, daß der Gottesdienst in seiner Synagoge barhaupt verrichtet werden muß. Interessant hat die dieswöchentlichc Massenversammlung des „Centralvereins der amerikanischen Zionisten" sich gestaltet. Der Festsaal von Progreß Hall, welchen uns der Besitzer, Herr Max Schwarz, unentgeltlich zur Verfügung gestellt hat, war lange vor der anberaumten Stunde gedrängt voll. Dennoch mußte mit der Eröffnung gewartet werden, da Herr Michael Singer, Redacteur der „Toleranz", an die Gegner der Bewegung, namentlich an die gegnerischen Rabbiner Einladungen ergehen ließ, in welchen er sic dringend ersuchte, ihre Argumente gegen die Bewegung in offener Versammlung vorzubringen und uns Gelegenheit zu geben, dieselben zu widerlegen oder überzeugt zu werden. Die Herren, die sich nur auf ihrer Kanzel Wohl zu fühlen scheinen, haben es aber vorgezogen, ferne zu bleiben, und so erklärte denn Rabbi Kopfstein in vorgerückter Abendstunde die Versammlung für eröffnet. In seiner Eröffnungsrede wies er auf die Nothwendigkeit eines festeren Zusammenwirkens der Juden hin, um sich der Feinde erwehren zu können. Er ist mit Dr. Herzl vollkommen überzeugt, daß die Judenfrage nur mit Errichtung eines Judenstaatcs eine günstige Lösung finden könne. Es erbat sich nun ein Herr Jablonowski aus dem Auditorium das Wort. Derselbe führte in längerer Rede aus, daß das Heil der Menschheit nicht von der Errichtung neuer Staaten, sondern vom gänzlichen Verschwinden aller nationalen Verschiedenheiten zu erwarten sei. Deshalb ist er gegen den Zionismus und deshalb fordert er die Anwesenden auf, zur Fahne der Socialdemokratie zu schwören. Der Hauptredner des Abends, Herr Michael Singer, beschäftigte sich in erster Linie mit den Ausführungen seines svcialistischen Vorredners, indem er bedingungslos zugab, daß die Gesammtmenschheit einer tiefgehenden Reform bedürfe. Aber — so sagte Redner — „oliarity be^ins at home“ und wir sind hier als Juden, um über das Schicksal von Juden zu berathen, die deshalb bedrückt werden, weil sie Juden sind. Diese verfolgten, gehetzten, zu Thieren entwürdigten Juden müssen erst sich selbst zurückgcgeben werden. Mit Erläuterung der Colonisationsfrage, die von Vielen propagirt wird, und mit Erbringung des Nachweises, daß die Juden in den bisherigen Colonien keine Heimat und somit keine Sicherheit für die Zukunft finden, schloß Herr Singer seine mit lebhaftem Beifall aufgenommcne Rede, die wir hier nur in knappen Zügen wicdergeben konnten. Herr Berthold Fränkel beantragte hierauf, 21 Mitglieder für die Executive zu wählen. Mit der Wahl und mit der Einzahlung der fälligen Beiträge endete die Versammlung, die der zionistischen Bewegung nun wieder neue Freunde gesichert hat. Den Delegaten zum Congreß wird die Executive aus ihrer Mitte wählen.