Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 5 (2.7.1897)
- Article
- Der Jude als Soldat
- Date
- 1897-07-02
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 5. Seite 9. den Muth des Soldaten, der den Feind ficht und mit ihm zu kämpfen hat, sondern den viel höheren des Märtyrers. „Hat sich jemals ein Volk bis zur Höhe des jüdischen Martyriums emporgeschwungen? Dem verfolgten Juden, inmitten von erbarmungslosen Feinden wurde die Alternative gestellt: „Behalte Deinen Glauben, bleibe ein Jude und erleide Qualen ohne Gleichen, oder wirf Dein Judenthum weg und alle Aemter und Würden find Dir zugänglich." Und der Jude zog das Martyrium vor und ertrug es mit dem Gleichmuth eines überlegenen Geistes." In Anwendung auf die Zukunft deß jüdischen Volkes sagte Nordau Folgendes: „Ein Volk, das existiren wird, braucht das Schwert und den Pflug. Das Schwert, wir wissen es zu führen; es fehlt uns nur noch der Pflug. Wenn wir ihn handhaben werden, wird auch unsere nationale Existenz gesichert sein." Diesem mit stürmischem Beifalle aufgenommenen Vortrage wohnten u. A. bei: Grand Rabbin Zadoc Kahn und der Vice- Präsident der „Alliance" Narcisse Leven. Errichtung einer jüdischen Ackerbanschule. Russische Blätter berichten: „Das Landwirthschafts-Ministerium hat, wie verlautet, beschlossen, in der jüdischen Colonie Bobrowy- Kut, siebzig Werst von Cherson, eine jüdische Ackerbauschule mit einer Musterfarm zu gründen. Zur Anlage der Schule und der Farm assignirte die Krone 300 Dessj. Kronland. Zur Gründung der Schule ist bereits ein Capital von 60,000 Rubel vorhanden; aus dem von Baron Hirsch zur Ausbreitung der Aufklärung unter den Juden gespendeten Capital wurden für diesen Zweck 35,000 Rubel assignirt, die fehlende Summe wurde von Baron Günsburg, Wawelberg und L. Brodski gespendet. In dieser Schule sollen die Zöglinge auch das Schmiede-, Schlosser-, Zimmermanns-, Tischler- und Riemerhandwerk erlernen. Für den Unterhalt der Schule wird die Krone alljährlich 10,000 Rubel hergeben. In die Schule sollen Knaben mit einer gewissen Schulbildung in einem Alter von nicht unter dreizehn Jahren ausgenommen werden. Der Lehrcursus ist auf drei Jahre berechnet. Die Petersburger jüdischen Componisten sollen ausgewiesen werden, weil ihre Beschäftigung nicht in die Liste der Gewerbe, welche den Juden innerhalb ihres Ansiedlungsrayons gestattet sind, ausgenommen erscheint. Ein Appel an den Senat verspricht kaum einen Erfolg. Jüdisches Elend in Amerika. 2400 Schneider, die in den Kleidergeschäften New-Uorks und der Umgebung beschäftigt werden, find in den Ausstand getreten. Durch die erbärmlichen Hungerlöhne, die sie bekamen, wurden sie zu diesem Schritte getrieben. Unter den Sinkenden befindet sich eine große Zahl armer polnischer Juden, die das Elend aus der Heimat über das Meer getrieben hat und die in Amerika das alte Elend mit einem neuen vertauscht haben. Gerne würden sie wieder diese neue Stätte der Noth verlassen, wenn sie nur wüßten, wohin sie sich wenden sollen. Juden in Preußen. Es sind jetzt gerade fünfzig Jahre her, seitdem der preußische Landtag sich zum erstenmale mit der „Judenfrage" beschäftigte. In den Verhandlungen, welche damals über die bürgerliche Gleichstellung der Juden geführt wurden, ist von mehreren Abgeordneten eine reiche Fülle von Material beigebracht worden, wovon Einzelnes noch jetzt ein gewisses Interesse beanspruchen dürfte. Nach einer von einem Abgeordneten des vereinigten Landtags aufgestellten Berechnung waren in den Befreiungskriegen gegen 6000 Juden auf den Schlachtfeldern geblieben und wenigstens sechs Berliner jüdische Freiwillige mit dem Eisernen Kreuze ausgezeichnet worden, darunter Angehörige der Familien Mendelssohn, Oppert, Benda. Der Letztere, von Beruf Arzt, richtete nach der Schlacht bei Dennewitz in seiner Wohnung in der Stralauerstraße auf eigene Kosten ein Lazareth für die Verwundeten ein. Der Erste, welcher das Eiserne Kreuz erhielt, war ein Jude namens Günzberg. Der jüdische Freiwillige Bung wurde später Major und Lehrer an der Artillerie- und Ingenieurschule. In einer Denkschrift, welche später der Minister des Innern über die Ausdehnung der Militärpflicht auf die Juden ausarbeitete, heißt es, daß im Preußischen Heere die Juden sich in nichts von den Soldaten christlichen Bekenntnisses erkennbar unterscheiden, daß sie sich im Kriege gleich bewährt haben und auch im Frieden diesen nicht nachständen. Ein anderer Abgeordneter gab eine Zusammenstellung derjenigen Juden, welche sich damals in anderen Ländern in hohen amtlichen Stellungen befanden. Darnach waren der Shcrif von London, der Cabinetssecretär des Königs von Holland, der Direktor im holländischen Justizministerium, der Friedensrichter von Amsterdam Juden. In Frankreich waren Cremieux, Wormser, Fould Deputirte, Wolff Generallieutenant. Als dort im Jahre 1830 die Kosten des jüdischen Cultus auf die Staatscasse übernommen wurden, wodurch die Gleichstellung der Juden ihren Abschluß erhielt, sagte der Minister Mörilhon, daß die Juden in den öffentlichen Aemtern, zu denen sie seit einem Vierteljahrhundert zugelassen waren, unter den Fahnen, in den Knüsten, Wissenschaften, der Literatur und der Industrie das edelste Dementi gegenüber den Verleumdungen ihrer Gegner gegeben hätten. In derselben Verhandlung des vereinigten Landtages richtete der Prinz von Preußen an den damaligen Cultusminister Eichhorn die Frage, ob an jüdischen Schulen in Berlin christliche Lehrer angestellt wären. Der Minister wich der Beantwortung dieser Frage aus, aber mehrere Abgeordneten erklärten, daß an den fünf jüdischen Schulen in Berlin vier christliche Lehrer und ebensoviele an dem Rabbiner- und Lehrersemiar des damaligen Vice-Oberlandesrabbincrs Weyl angestellt wären. Wie bekannt, wurde damals die völlige Emancipation der Juden von dem vereinigten Landtage abgelehnt und erst das folgende Jahr 1848 brachte sie. B. b*C. Baronin Hirsch spendete der Societe philantropiqne zwei Millionen Francs behufs Stiftung einer Lebcnsrente von je 3000 Francs für „verarmte Damen der Aristokratie." Ein mißhandeltes Kind. Vorige Woche wurde das Söhnchen des Vöslauer Schächters Kohn eines Tages um die Mittagszeit vermißt. Im Laufe des Nachmittags wurde das Kind in bewußtlosem Zustande auf einer Wiese in der Nähe der Stadt aufgefunden. Ter Körper des Knaben wies eine Menge blutiger Striemen und Beulen aus. Für die Spur der rohen Thäter, die ihr Müthchen an dem hilflosen Kinde gekühlt, fehlt jeder Anhaltspunkt. Der Knabe, der sich bereits theilweife erholt hat, weiß nicht anzugeben, wieso er auf die Wiese gekommen sei. Die Beerdigung Barnato's fand am Sonntag Nachmittags aus dem jüdischen Friedhof in Willesdcn-London statt. Die Leiche des einstigen Diamantenkönigs war in der Nacht zuvor von Southampton cingetroffen, wo sie bis zum Schluß des Sabbaths verblieben war. Von der Londoner Waterloo-Station war der Sarg dann nach der Barnato- Wohnung im Hydepark gebracht worden. Von dort aus fand das Begräbniß statt. Niemand war zu der Traucrfeier cingeladcn worden; auch alle Blumenspenden halte sich die Fainilie verbeten. Dennoch fand sich eine große Menge von Freunden des Verstorbenen ein. Die Trauerfeier zeichnete sich durch ihre Einfachheit aus. Jeder Pomp, jede Prachtentfaltung war vermieden worden und Niemand hätte erkennen können, daß einer der reichsten Sterblichen zu Grabe geleitet werden sollte. Der Sarg war aus polirtem Eichenholz mit Messingbeschkägen, ein geschlossener Leichenwagen, von zwei Pferden gezogen, nahm ihn auf. Das Tranergefoige mar schier unendlich. Aus den Straßen, durch welche der Leichenzug sich bewegte, bildete eine dichtgedrängte Menschenmenge Spalier, in welcher das jüdische Element vorzugsweise vertreten war. Em Umstand, der peinlich bemerkt wurde, und so recht dieGegensätze des menschlichen Lebens illustrirt, war das Zusammentreffen derTrauerescorte mit den zahlreichen Zügen der Jubiläumscolonnen, welche sich durch dieselben Straßen bewegten; und häufige, in grellem Mißklang zu der Trauerfeier stehende Collisionen konnten nicht vermieden werden. Trotzdem muß der Bevölkerung im Allgemeinen die ehrerbietigste Haltung den Leidtragenden gegenüber nachgerühmt werden. Im Trauergefolge wurden neben Anverwandten Barnato's hochstehende Persönlichkeiten des Mutterlandes und der Colonieu bemerkt. Auch der schnell zur Berühmtheit gelangte vierte Officier der „Scot", Mr. Cliffort, der in so muthvoller Weise Barnato zu retten versuchte, b'fand sich unter den Leidtragenden und erregte allgemeines Interesse. Auf dem Kirchhof angelangt, wurde der Sarg zunächst nach dem Todtenhause gebracht, wo eine Trauerseier für den Verstorbenen stattfand. Darauf wurde die Leiche neben dem Grabe des vor drei Jahren verstorbenen Vaters Barnep Barnato's in die Erde gesenkt. Beileidsbezeugungen in Gestalt von Telegrammen waren aus den verschiedensten Theilen der Welt der Familie zugegangen. Eines derselben kam von Sir Janies Sivewright und übermittelte den Antheil, welchen das Cap- Parlament an dem Tode seines einstigen Mitgliedes nahm. („Wr. Allg. Ztg«)