Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 5 (2.7.1897)
- Article
- Der Congreß
- Date
- 1897-07-02
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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9h. 5. Seite 7. Was ist denn der wirkliche Grund, daß sie sich zurückziehen? Die Londoner „Chovevi Zion" können nicht sagen, daß sie es deshalb thun, weil sie sich als praktische Männer nicht an einer Sache bethciligen können, die von Träumern, Denkern und Schriftstellern organisirt ist. Sie haben noch selbst keine praktische Arbeit geleistet, es sei denn einige enthusiastische Meetings, bei denen Chaim und Moses die Ueberzeugung gewannen, daß sie für einen Penny die Woche eine eigene Colonie in Palästina bekommen." Der „Jewish Expreß" meint ferner, daß die Bedeutung der „zionistischen Führer" Englands im Auslande sehr überschätzt wurde. Dank den „Correspondentelchen" hebräischer Blätter „gab es Zeiten, wo man glaubte, daß von England der Messias kommen wird, und ganz Rußland setzte seine Hoffnung in die „Chovevi Zion" Englands. Bis endlich die That kam. Und da erlebten wir Ueberraschungen. Nun werden die Tents in der Provinz aufgefordert, sich trotzdem am Congreß zu bctheiligen. „Die „Chovevi Zion" von der Provinz müssen zeigen, daß sie weder Dummköpfe noch Sclaven unserer „Großen" sind und daß sic dort am Platze sind, wo die Sache Zions behandelt wird." —— Christen über die Jndensrage. Falher Ignatius. dessen Antwort wir unseren Lesern hier mittheilen, ist gleich dem Reverend W. H. .Hechler ein begeisterter Zionist. Father Ignatius lebt als Mönch in St. Anthony Abbey in Wales, aber dieser schlichte Mönch genießt ein außerordentliches Ansehen in England. Für den Zionismus agitirt er mit Wort autb Schrift und durch sein Beispiel. Als vor Kurzem in London ein Fest zu Gunsten eines der „Zelte" der Zionisten stattfand, sah man in der Patronatsliste neben dem Lordmayor von London und eurer Anzahl der hervorragendsten Juden Englands auch den Namen des Mönches von St. Anthony Abbey. Father Ignatius schreibt uns: „Schüttle ab von dir den Staub, Jerusalem!" (Jesaias 52, 2.) Die Zeit ist gekommen nach dem Rathschlusse Gottes, wo Jerusalem und seine unter die Völker der Erde zerstreuten Linder zu neuem Leben erwachen. Die Lage der Juden, die in Europa leben, drängt uns zur Frage: Sollen die Juden ihr eigenes Heim wieder auf Erden haben oder nicht? Die Bedrückung der Juden in Aegypten war die Triebfeder, welche die Juden zum Verlassen des Landes bewog und sie ihrer hohen Mission zuführte — der Mission, eine ganze Welt mit dem Geiste Gottes zu erfüllen. So mag auch jetzt der antisemitische Wahnsinn die Juden aufrütteln aus ihrer Lethargie, er mag zum Mahnrufe werden für die Söhne Israels, daß die Zeit gekommen ist, wo sie alle Kraft daran setzen sollen, um ihr Land, ihr rechtmäßiges Heim und ■ Erbe wieder zu erlangen. Seit 18 Jahrhunderten ist Juda heimatlos, seit 18 Jahrhunderten wird Juda von Land zu Land mit Hunden gehetzt, ausgesogen und der Vernichtung preisgegeben. Sein Volksthum will man zertrümmern. „Du darfst nicht leben!" riefen ihm die Völker zu, die in dem Abglanze jenes Lichtes, jener Segnungen dahinwandeltcn, deren einzige Quelle Israel war. Die Völker brüsteten sich mit den Schätzen, die der Jude ihnen gebracht, und — traten den Juden mit Füßen. Und Israel beugte seinen Nacken unter das Joch und lernte Bedrückung und Unrecht als rechtmäßiges, selbstverständliches Erbe anschen. Doch jetzt beginnt Juda zu erwachen. Die politischen Kämpfe des Tages, der Antisemitismus, obwohl niedrig und unvernünftig, haben dem Juden den Weg gewiesen, auf dem er wieder zur Würde, zur ebenbürtigen Stellung unter den Nationen gelangen kann. „Schüttle ab den Staub von Dir, Jerusalem!" Die Juden müssen wieder einmal ein bestimmtes Heim auf Erden haben, ein Land, eine Verfassung, ein gesichertes Centrum, wohin ihre Heimatlosen und Ausgesioßenen ihre Schritte lenken, wo sic in Ehren ihr Haupt zur Ruhe legen können. Die größten Antisemiten werden, wenn sie consequent sind, dem Wunsche der Juden nach dem Heimatlande ihre Achtung nicht versagen können, und wenn die Juden ihr eigenes Land haben, so werden die Staaten Europas aller Schwierigkeiten und Verlegenheiten, die ihnen der Antisemitismus bereitet, enthoben sein. Wir Engländer verehren die $uben; wir sehen in ihnen die Quelle unserer besten Segnungen auf dem Gebiete der Politik, der Moral und der Religion. Aber selbst die Juden, welche wie die englischen in ihrem jetzigen Lande keinen groben Angriffen ausgesetzt sind, dann die reichen Juden, die von der Bedrückung nicht erreicht werden — auch sie werden dadurch in der Achtung der Völker steigen, daß sie sich auf ein eigenes Heimatland, auf eine eigene Regierung, auf eine eigene Staats- Verfassung berufen können. Der Türke ist Herr in Jerusalem, in der Heimat des Lichtes, das sich segnend über die ganze Welt ergoß. Jawohl, der Türke besitzt Palästina, aber er hat es veröden lassen und läßt es veröden. Ruinen und Wüsteneien blicken Dich trostlos an, und es scheint dir das Traumgebilde eines Märchens zu sein, wenn du vernimmst, daß Palästina einst die Krone aller Länder war — ein Land, wo Milch und Honig fließt. Der Türke vermag nicht die Früchte und Blumen aus dem Boden hervorzulocken, doch was die Türkei für das verwitwete Land, für die kinderlose Erde nicht leisten kann, das haben jetzt die „Chowewe Zion“ zu thun begonnen. Israel ist daran gegangen, den Boden Palästinas, der so lange brach gelegen, zu bebauen, die Mutter Erde lächelt ihren zurückkehrmden Söhnen froh entgegen. Der aus langer Verbannung heimgekehrte Sohn prüft die Liebe der Mutter und ihre Freude ist groß. Es gedeiht die Orange und die Traube, der Oliven- und Maulbeerbaum, Milch und Honig fließt — so gibt die Mutter ihre Freude zu erkennen. Heil den treuen ,Chowewe Zion', den muthigen Pionnieren der Bewegung! Warum sollte es nicht möglich sein, daß die Türkei für jüdisches Geld das Land hergibt. Gottes Fügung scheint cs zu sein, daß die Juden über Geldmittel verfügen. „Du wirst vielen Nationen borgm, aber nicht selbst entleihen," sagt Moses. Und kann nicht jüdisches Geld für Palästina das thun, was britisches Geld für Cypern that? „Schüttle ab den Staub von dir, Jerusalem!" Du sollst wieder eine der Nationen werden und die Völker werden erstaunen über deinen Glanz. „In meinem Zorn schlug ich dich, aber in meiner Gnade will ich dir gnädig sein." (Jesaias 9.) Die göttliche Wahrheit ist bereits durch die Juden allen Völkern der Erde bekannt gemacht. Der Name Zion wurde zum Segen und zur Erleuchtung für ungezählte Myriaden. Kein Gottesdienst kann stattfindcn in der Pauluskathedrale in London, in der Peterskirche zu Rom, im Stefansdom von Wien, in der Jsaakskirche zu Moskau, in Notrc-Dame zu Paris, ohne daß die Literatur Jerusalems, ohne daß die Gesänge Zions in das Rituale hineingeflochten würden. Die Juden sind Gottes auserwähltes Werkzeug: sie haben, wie es ja ihre Propheten vorausgesagt, genug Wunderbares erfüllt unter den Völkern der Erde, und sie werden auch in der Zukunft die übrigen Weissagungen erfüllen. Ich begrüße in Liebe und Hochachtung alle treuen Juden Oesterreichs in dieser Zeit ihres Zionistencongresses und alle die treuen Juden der ganzen Welt mit dem Rufe ihres vom göttlichen Geiste erfüllten Propheten: „Schüttle ab von dir den Staub, Jerusalem!" In Liebe zu Zion zeichne ich Ihr Ignatius. Das Arlreitsprogramm des ZionifteuCongreffcs wird in einer der nächsten Rnmmern unseres Blattes veröffentlicht werden. Die Redaction.