Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 5 (2.7.1897)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1897-07-02
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 5. JPkOYMt Seite o. judenfeindlichere Opposition gegen ihn da. Er wird sich hüten, die Juden in Ruhe zu lassen. * * * Herr von Goßler, der aus eigener Macht den höheren Schulbesuch der jüdischen Kinder mit der Bevölkerungsziffer in Harmonie bringen will, schlägt in Preußen wieder amtlich den antisemitischen Ton. Die „Kreuzzeitung" schreibt dazu: „Nur von einem speceell jüdischen Standpunkte aus, wird man diese Entscheidung nicht begreifen." Und ferner: Angesichts „des übermäßigen Andranges der Juden zu den höheren Lehranstalten, der, weil er immer stärker hervortritt, zu bedenklichen ■)huf Wirkungen führen muß und auf die Dauer nicht zu ertragen ist," solle Abhilfe geschaffen werden. Wer das liest, ruhig liest, und darauf nicht mit den alten, nutzlosen Phrasen antworten will, muß doch allmälig die Vernünftigkeit des Zionismus einsehen. Die Erscheinung, die Herr von Goßler unter der Zustimmung der Kreuzzeitung bekämpfen möchte, ist im Grunde keine die Juden beschämende. Es ist nicht der Andrang zu Schänken oder Belustigungsortcn, gegen den gewirkt werden soll. Die höheren Lehranstalten muß man vor dem Zufluß aufstrebender Juden bewahren. Warum? Ernste Staatsmänner in einem so bildungsfreundlichen Lande wie Preußen sehen darin eine Gefahr. Sie haben Recht. Die Zionisten theilen die Ansicht, daß eine Neberproduction mittlerer Intelligenzen bei den Juden stattfindet, und daß diese Ucberproduction zu einer gefährlichen Stärkung der Umsturzparteien führen muß. Nur glauben die Zionisten nicht, daß durch Schulentziehung dem Uebel gesteuert werden kann. Man kann auch als Autodidakt ein Gebildeter, jedenfalls ein Halbgebildeter werden, und diese wilde behördlich nicht geaichte Intelligenz, die verdüstert wird durch alle mögliche Drangsal, dürfte sich für die staatserhaltcnden Grundsätze nicht begeistern. Einem solchen Proletariat muß man einen Abfluß schaffen, durch Chicanen macht man es nur giftig. * * * Nachrichten aus Ungarn lassen das Wiedererwachen des Antisemitismus auch in diesem Lande erkennen. In den Schulen beginnt sich die Judenfeindlichkeit abermals zu zeigen. Aus Budapest wird gemeldet, daß gegen mehrere Communallehrer in den Blättern die Beschwerde erhoben wurde, der Antisemitismus fasse in ihren Schulen Wurzel. Was sollen wir dazu sagen, wenn gleichzeitig gemeldet wird, „der Schulstuhl habe an den Magistrat das Ersuchen gerichtet, eine genaue Untersuchung einzuleiten?" Mit solchen Illusionen gehen die Juden überall der antisemitischen Bewegung entgegen. Eine „Untersuchung", eine „genaue" soll etwas bewirken. Höchstens können ein paar Lehrer gerügt oder entlassen werden, und das dürfte die Gemaßregelten aus stillen zu lauten Antisemiten machen. Ernster als der Vorfall selbst ist übrigens der Umstand, daß man so auffallend davon spricht. Der Antisemitismus ist gewöhnlich schon stark, wenn die Juden eines Landes sich entschließen, ihn zu bemerken. Die Juden Ungarns hätten es wahrhaftig nicht verdient, daß cs neuerlich gegen sie losgeht. Sie waren und sind die heißesten Chauvinisten, die moderne wirthschaftliche Blüthe des Landes ist zum großen Theil ihr Werk, sie spielen eine Rolle in Kunst und Wissenschaft. Aber sie sind auch zu glücklich, zu mächtig, zu reich. Das wird nicht verziehen. Unsere Gegner. Von Dr. D. Fardstein. Unter „Zionismus" verstehen wir die Bewegung, die vermittelst einer planmäßigen Emigration der Juden nach Palästina nicht nur eine jüdische Gesellschaft in's Leben rufen, sondern auch die Veränderung der ökonomischen Lebensweise der Juden herbeisühren, aus dem jüdischen „Handels"- und Krämervolk ein landwirthschaftlich und industriell arbeitendes Volk machen will. Die Zionisten vertreten mit einem Worte die Anschauung, daß eine Emancipation der Juden nur und erst mit der Emancipation der Juden von ihrer bisherigen ökonomischen Lebensweise erfolgen kann und, da dieJudennur vermittelst des Zionismus ihre ökonomische Lebensweise verändern werden, sind sie für den Zionismus. Unsere Feinde sind die großbürgerlichen Assimilationsjuden, die sogenannten Deutsch-Polnisch-Czechisch-Nationalen :c. „mosaischer Confession" und in Galizien die sich socialistisch „nennenden" Assimilationsjuden. Im Folgenden wollen wir uns mit den ersten und den zweiten auseinandersetzen. In einem kurzen Artikel, wie im gegenwärtigen, kann wohl kaum die Rede davon sein, daß wir die Frage erschöpfend erörtern. Der Baseler Zionisten-Eongreß steht vor der Thür. Da werden wir Gelegenheit haben, den Gesammtgegenstand ausführlich zu behandeln und dann unsere Ausführung einem denkenden Publicum in einer ausführlichen Schrift vorzulegen. Jetzt möchten wir nur das Hauptsächliche streifen. Unsere Historiker und politischen Wortführer stellen die Judenemancipation im neunzehnten Jahrhundert als den ideellen Willensact irgend einer Person oder irgend einer Partei dar. Das ist ein kardinaler Jrrthum. Die Emancipation der Juden erfolgte — und hier stimmen wir mit Lütgenau vollkommen überein — weil sie int Interesse der Befreier lag. Freilich auch im Interesse der Befreiten, wenigstens im Interesse einer Classe unter ihnen. So lange das Interesse nicht vorhanden war, halfen alle schönen Worte nichts. Dem Philosophen Moses Mendelssohn ist auch im Jahre 1779 vom Philosophen Friedrich das Privileg nicht ertheilt worden, „ ordentlicher Schutzjude" zu sein, weil daran der König Philosoph kein Interesse hatte. Die Herren Abraham Marcus, Beitel Ephraim und Daniel Jtzig erhielten dagegen schon 1761 „die Freiheit eines christlichen Bankiers vor und außer Gericht", denn „den Juden war der Schutz hauptsächlich gestattet, damit sie Handel, Commerce, Manusacturen, Fabriken und dergleichen" betreiben. Die endliche Judenemancipation in den Sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts war auch nur eine Folge des in enger Verbindung mit der Emancipation stehenden Interesses der Befreier. Das Jahr 1860 bedeutet den Beginn der Cobden'schcn Freihandelspcriode in Europa. Die Freiheit des Handels brachte mit sich eine Befreiung der Händler. In Deutschland und Oesterreich, Frankreich und in der Schweiz erfolgte die Judenemancipation in den Jahren 1860—1867. „Die Emancipation des Juden", sagte Heine schon im Jahre 1846 mit Recht, „ist ein definitiver Sieg des Princips der bürgerlichen Gleichheit". Der Grund der Judenemancipation ist also in unserer wirthschaftlich-bürgeriichen Entwicklung zu suchen. Die Judenassimilationsgelüste haben denselben Grund. Die Assimilation fand ihre Anhänger namentlich in Berlin und Hamburg, Frankfurt a. M. und Brody, in Städten mit einem Worte, in denen Juden lebten, die „Handel, Commerce, Manusacturen, Fabriken und dergleichen betrieben." Die Assimilationsbewcgung hatte ihre wirthschaftliche, aber auch ihre ideelle Seite. Wie überall bilden auch hier das materielle und das ideelle Motiv nur zwei Attribute der einen Lcbenssubstanz. Neben den nach „Reformen", nach der Orgel und dem Talar, dem Prediger und dem Weibcrchor schreienden Bankiers und Kaufleuten war auch die intelligente Jugend vorhanden, die Heines und die Börnes, die Jacoby's und die vielen anderen, die sich assimiliren wollten — oder sich assimilirt haben — um als „bürgerliche" Deutsche wirken zu können, Die „Emancipation" lebte so lange man an der Emancipation Interesse hatte. Die Juden sind als ausländische Waare behandelt worden: diese war zollfrei, so lange die eigene Industrie nicht entwickelt war. Gibt es jetzt auch nicht-jüdische Händler, so ist der jüdische Händler unnöthig. Man ist auf wirthschaftlichem Gebiete schutzzöllnerisch und aus jüdischem Emancipationsgebiete antisemitisch. Die Assimilation ging mit der Emancipatwu parallel. Die Abnahme der Emancipation mitßte ein Abnehmer: der Assimilationsgelüste zur Folge haben. Das geschah auch. Die „deutschnationalen" jüdischen Oberrabbiner und Commerzien-