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Die Welt · 1897-07-02 · 5 (2.7.1897) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
5 (2.7.1897)
Article
Die Verlegung des Congresses
Date
1897-07-02
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. MHVeic Nr. 5. Wir glauben nicht, daß unsere Versammlung dem Ansehen der Judenschaft abträglich sein oder Spott und Verachtung erregen wird — wenigstens nicht mehr, als ohnehin schon gegen uns vorhanden ist. Wir schließen. Wir fragen Sie, hochgeehrte Herren, da uns die Umstände zu dieser Frage nöthigen: Welche Stellung nimmt der löbliche Cultusvorstand von München unserem Congrcß gegenüber ein? Prvtestirt er gegen die Abhaltung des Congresses in München? Oder betrachtet er die ganze Angelegenheit als eine ihm fremde, um die er fich nicht kümmert? Aus der gefälligen Antwort werden wir die Conseqnenzen ziehen. Wir halten es für loyal. Sie schon jetzt darauf aufmerksam zu machen, daß wir die vorliegende Zuschrift veröffentlichen werden, falls wir durch Ihren Widerspruch genöthigt sein sollten, den Congreß von München weg nach einem anderen Orte zu verlegen. Wir bitten Sie, uns Ihre Antwort bald zusenden zu wollen. Sollte eine Berathung der löblichen Vorstandschaft nicht sofort möglich sein, so ersuchen wir um die Mittheilung des Zeitpunktes, bis zu welchem wir Ihre Antwort erwarten dürfen. Genehmigen Sie, hochgeehrte Herren, den Ausdruck unserer vorzüglichen Hochachtung. Die vorbereitende Commission des Zionisten- Congresses. * * * Mit diesem Schreiben kreuzte sich eine gleichzeitige Zuschrift des Münchener Cultusvorstandes an den Vorsitzenden der vorbereitenden Commission. In der Münchener Zuschrift — die uns nicht zur Veröffentlichung übergeben wird, weil die Absender noch nicht wußten, daß der Briefwechsel publicirt werden solle — in der ersten Zuschrift also führt der Cultus- Vorstand die Bedenken aus, welche vom Standpunkte der Münchener Judenschast gegen die Versammlung sprechen. Dann kam die zweite Zuschrift, die wir hier wicdergeben. -ft * München, 14. Juni 1897. Euer Hochwohlgeboren! Ihr geehrtes, vom 11. l. M. datirtes Schreiben ist heute, wahrscheinlich zu gleicher Zeit, zu der Sie unsere Zuschrift vom Gestrigen erhielten, an uns gelangt. Die uns gegebenen Aufklärungen über Ziele und Zwecke der Zionistenbewegung sind nicht geeigenschäftet, unsere Stellungnahme zur Abhaltung des Zionisten-Congreffes in München und Bayern zu verändern. Wir sind daher veranlaßt, unser Ersuchen zu wiederholen und, um jedes Mißverständniß auszuschließen, förmlich gegen die Abhaltung des Congresses in München Protest zu erheben. Hochachtungsvoll Die Verwaltung der israelitischen Cultusgemeinde München. -t- * * Die vorbereitende Commission hat die Conseqnenzen aus diesen Erklärungen gezogen. Der Congreß versammelt sich am 29. August in Basel. Wir hegen die feste Zuversicht, daß sein Verlauf die öffentliche Meinung mit Sympathie für unsere Sache erfüllen wird. Es ist ja nicht nur die Sache der Juden, wenn ruhige Männer die Judenfrage in einer friedlichen und ehrenvollen Weise zu lösen versuchen und zu diesem Werke die Mitwirkung aller politischen Factoren freimüthig erbitten. Und wir hoffen ferner, daß dieser Congreß, den man heute von München verscheucht, in kommender Zeit jeder Stadt, die ihn beherbergt, zur geschichtlichen Ehre gereichen wird; daß der zweite oder dritte Congreß dieser Art schon von Stadtbehörden und Cultusvorständen eingeladen werden wird. Sollten späterhin auch die Münchener Herren den Congreß zu sich bitten, nachdem sie ihren Jrrthum über diese Bewegung eingesehen haben, so werden ihnen die Einberufer zweifellos den Vorzug geben. ch Die Woche. Wien, 1. Juli. Dr. Lueger hat wieder einmal dementirt. Er that es nicht mit dem Bcrichtigungsparagraphen in der Hand, sondern auf eine ungleich feinere Weise. Er sagte nicht, wie dies sonst unter Hinweis auf den beliebten § 19 zu geschehen Pflegt: „Es ist unwahr, daß ich aufgehört habe, ein Agitator zu sein. Es ist unwahr, daß mein Ehrgeiz durch die bestätigte Wahl zum Bürgermeister von Wien gänzlich befriedigt worden ist. Es ist unwahr, daß ich einen Waffenstillstand mit den Juden eingehen will. Wahr ist vielmehr, daß ich der bin, der ich war." Anlaß zu dieser Feststellung bot dem Bürgermeister von Wien der Gemeinderath Lucian Brunner, der ohne ersichtliche Nothwendigkeit eine kirchenpolitische Debatte im Wiener Gemeinderathe heraufbeschwor. Herr Brunner, der ein Jude ist und die verlorene Sache im Gemeinderathe der Stadt Wien gewöhnlich wacker vertritt, war diesmal übel berathen. Es handelte sich darum, „die vorschußweise Bestreitung der Mehrkosten für Hand- und Zugarbeiten für den Rudolssheimec Kirchen- und Pfarrhofbau per 3867 fl. zu bewilligen." Herr Brunner machte dazu die Bemerkung: „Es ist sonderbar, daß, während alle Religions-Genossenschaften von dem ihnen gewährleisteteten Rechte der eigenen Verwaltung ihrer confessionellen Angelegenheiten Gebrauch machen, die katholischen Pfarrgemeinden noch immer nicht constituirt sind." Wenn schon eine gewisse Naivetät dazu gehört, kirchenpolitische Fragen von solcher Tragweite im Gemeinderath aufzuwerfen, so muß auch noch bezweifelt werden, daß der Ritt auf diesen ermüdeten Priucipien gerade jetzt an der Zeit war. Und als Gemeinderath Brunner seine Ansichten über die Einziehung der Klöster und den Religionsfonds entwickelte, mußte er sich zunächst vom Bürgermeister ermahnen lassen, nicht von der Confiscation der Kirchengüter zu sprechen. Dann kam die Erklärung des Bürgermeisters von Wien: „Der Boredner habe weiters gesagt, eine Confiscation der Kirchengüter habe nicht stattgefunden, dieselben seien nur eingezogen und daraus ein Religionsfonds geschaffen worden. Wenn man das keine Confiscation nennen wollte, so wäre es auch keine Confiscation, wenn der Staat alle Judengüter e i n z i e h e n würde. (Demonstrativer Beifall.) Man soll nicht von derartigen Dingen reden, wenn man in einem solchen gläsernen Hause sitzt, wie die geehrten Stammesgenossen des Redners." Der demonstrative Beifall der antisemitischen Mehrheit ist nur begreiflich. Weniger verständlich ist die bekümmerte Ueberraschung der Liberalen. Ja, was haben sie denn Anderes erwartet? Auch sind sie nicht gerecht gegen ihren berühmten Gegner. Sie warfen ihm immer seine politischen Jnconsequenzen vor, und jetzt bemängeln sie seine Consequenz. -i- * * Dr. Lueger hat als erfolgreicher Mann gewiß viele heilere Augenblicke. Wie muß cs ihn ergötzt haben, als seine geschlagenen Gegner nach der Bestätigung seiner Wahl plötzlich die tolle Idee hatten, oder wenn sie sie nicht hatten, wenigstens äußerten: er werde, am Ziel seines Strebens angelangt, seine Anschauungen ändern. Für ein normal gebautes Gehirn ist es wohl unerfindlich, warum Dr. Lueger seinen Standpunkt nach einem so vollständigen Sieg aufgeben sollte. Aber die Actualitätspolitiker mit ihrer Einsicht, die alle vierundzwanzig Stunden frisch aufgezogen werden muß, waren natürlich die Gescheiteren. Ihnen war es klar, daß Dr. Lueger nichts als die Bürgermeisterkette, die Amtswohnung, die mancherlei Beneficien der schönen Stellung haben wollte. Die Armen! So hungrig raisonnirt allenfalls ein Diurnist, oder ein kleiner Geschäftsmann, aber nicht ein Volksführer nach so überwältigenden Erfolgen. Aber selbst wenn Dr. Lueger nichts als ein nach fetten Pfründen Strebender wäre, könnte er durchaus nicht stehen bleiben. Er muß weiter gehen, sonst gehen seine Anhänger über ihn hinweg. Er hat dafür gewiß die Witterung, er versteht seine Menge. Im Augenblick, wo er seine Besprechungen vergäße, stünde eine noch

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