Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 4 (25.6.1897)
- Article
- Uriel Acosta
- Date
- 1897-06-25
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16. MHWc Nr. 4. auf, den halb abtrünnigen Arzt zu besuchen. Je mehr er sich in das alte Testament, in dessen einfache Lehre von einem auserwählten und geheiligten Volke vertiefte, desto stärker ward sein Bewußtsein von den weitreichenden Schicksalen einer dem geheimnißvollen Osten und der Dämmerung der Geschichte entsprungenen verbündeten Raffe, die der Zerstörung trotzte, die Verfolgung überlebte, für ihre Treue und Treulosigkeit den Tod' erlitt — eine Vorstellung, welche die Quellen der Romantik und der Thränen berührte. Sein Blick wandte sich sehnsüchtig gen Amsterdam, der Stadt der Heiligen, dem Heim des wahren Glaubens, der Bruderschaft der Menschen und der Vaterschaft Gottes. VI. „Mutter," sprach Gabriel, „ich habe Dir etwas zu sagen." Sie befanden sich in dem Zimmer, das wie eine halbe Orange aussah, und sie war nur eingetreten, um dem einsamen Gelehrten eine» Gutenachtkuß zu geben; aber seine Worte hielten sie auf der Schwelle fest. Sie ließ fich nieder und betrachtete liebevoll ihren schönen Erstgeborenen, in dem ihr todter Gatte wie in seiner Manneskraft auflebte. „Er wird von Jsabella sprechen wollen," dachte fie mit Herzklopfen und freute fich bei dem Gedanken, daß die grübelnden Augen des Gelehrten endlich die Schönheit und Güte der hochgeborenen Erbin, die ihn liebte, erkannt hatten. „Mutter, ich habe einen großen Entschluß gefaßt und cs ist Zeit, daß ich ihn Dir mittheile" Ihre Augen wurden noch strahlender. „Mein süßer Gabriel!" „Nein, ich fürchte, Du wirst mich hassen." „Dich Haffen?" „Ich muß Dich verlassen." „Mein Gabriel, das natürliche Los der Mutter ist, daß ihre Kinder sie verlassen." „Aber dies ist ganz unnatürlich. O Gott, warum werde ich so hart geprüft!" „Was meinst Du? Was ist geschehen?" Die alte Frau hatte fich erhoben. „Ich muß Portugal verlassen." „Warum, nm Himmels willen? Portugal verlassen?" „Stille, sonst hören es die Diener. Ich möchte" — er athmete schwer — „Jude werden." Donna da Costa erbleichte und starrte ihn athemlos an; in ihren Augen leuchtete ein seltsames Licht auf, aber nicht das, welches er erwartet hatte. „Es ist der Finger Gottes!" flüsterte fie entsetzt. „Mutter!" Ein wilder Argwohn durchschauerte ihn. „Ja, mein Vater war ein Jude. Ich bin als Jüdin erzogen worden." „Stille, stille!" warnte er abermals, ging zur Thür und schaute in das Dunkel hinaus. „Aber mein Vater?" fragte er, sorgsam die Thür schließend. Sie schüttelte den Kopf. „Seine Leute, obgleich ebenfalls Marannos, waren frommgläubig. Es war der Kummer meines Lebens, daß ich es ihm nie zu sagen wagte. Seit seinem Tode zerren Erinnerungen aus meiner Mädchenzeit oft an meinem Herzen; aber ich wagte den Glauben meiner Kinder nicht zu beeinfluffen, denn cs hätte für fie tödtliche Gefahren bedeutet, und jetzt — o Gott — vielleicht die Folter — der Scheiterhaufen —" „Meine Mutter, ich will in ein Land ziehen, wo der Glaübe frei ist." „Dann verliere ich Dich doch! O Gott Israels, Deine Rache hat mich endlich getroffen!" Und fie fiel schluchzend außer sich auf das Ruhebett nieder. Er stand hilflos daneben und bemühte sich verstört, fie zu beruhigen. „Wie ist es gekommen?" schluchzte sie endlich. Er schilderte ihr kurz seinen Kampf, die Episode mit Dom Diego und seine lleberzeugung, daß das alte Testament der wahre und ausreichende Führer des Lebens sei. „Aber warum fliehen?" sagte fie. „Wir wollen alle zum Judenthum zurückkehren; Dein Bruder Vidal ist jung und leicht zu lenken, er wird uns folgen. Wir werden es geheim halten; Herausgeber : Paul Nafchauer. — Verantwortlicher Redacteur Dr. von meiner Kindheit an weiß ich, wie jeder Argwohn vermieden werden kann. Wir werden die ganze Dienerschaft mit Ausnahme Pedros allmälig wechseln und nur Schwarze halten. Warum solltest Du Dein schönes Heim, Deine Freunde, Deine Stellung in der Gesellschaft, Deine Aussichten auf eine vornehme Heirat verlaffen?" „Mutter, Du kränkst mich. Was ist das Alles gegen unsere Pflicht gegen die Wahrheit, gegen die Vernunft, gegen Gott? Ich muß diese drei unter freiem Himmel verehren." „Mein tapferer Sohn, verzeihe mir!" Sie sprang auf, um ihn zu umarmen. „Wir werden mit Dir gehen, wir werden uns in Amsterdam ein neues Heim gründen." „Mcht doch, in Deinen Jahren, Mutter!" Und er streichelte ihr silbernes Haar. „Doch! Auch ich habe das alle Testament studirt." Und sie lächelte unter Thränen. „Wohin Du gehst, dahin will auch ich gehen, Dein Land soll mein Land sein und Dein Gott mein Gott!" Er küßte sie auf die nasse Wange. Ehe fie sich in der grauen Morgendämmerung trennten, hatten sie sich Mittel und Wege ausgedacht, wie sie ihren Besitz so vortheilhast und unauffällig wie möglich veräußern und wie sie fich heimlich nach den Niederlanden einschiffen sollten. Die geringste Unvorsichtigkeit konnte fie dem heiligen Officium verrathen und daher sollte Mdal nichts erfahren, bis es unbedingt nothwendig war. Der arme junge Manu erbleichte vor Schrecken. „Willst Du mich in die Hölle bringen?" fragte er. „Nein, das Judenthum hat keine Hölle." Gabriel sah, daß dieser Trost etwas undeutlich war, und fügte, um die Angst des geliebten Bruders zu stillen, nachdrücklich hinzu: „Es gibt keine Hölle!" Vidal sah noch erschreckter aus. „Aber die Kirche sagt —" „Die Kirche sagt, daß die Hölle fich unter der Erde befindet; aber da die Welt rund ist, gibt es kein „Unten" und vielleicht bewohnen Menschen wie wir, unsere Antipoden. Die Kirche hält es auch mit Aristoteles, daß der Himmel unveränderlich sei, und verachtet die Theorie des Copernicus; dennoch hörte ich von Dom Diego de Balthasar, daß ein junger Italiener namens Galileo Galilei eben ein wunderbares Instrument verfertigt habe, das die Gegenstände zweiunddreißigmal vergrößert, und daß er damit einen neuen Stern entdeckt habe Er erklärt auch, daß die Milchstraße nichts sei, als kleine Sterne; darum ist das heilige Officium, wie es heißt, erbost auf ihn." „Mer was habe ich mit der Milchstraße zu schaffen? jammerte Vidal, dessen eigenes Gesicht so weiß wie Milch war." Aber zuletzt willigte der jüngere Bruder, der die Eindrucksfähigkeit Gabriels, nicht aber seine Festigkeit besaß, ein, die Flüchtlinge zu begleiten. Während jener heimlichen Vorbereitungen zur Flucht mußte Gabriel wie bisher seinen halbgeistlichen Pflichten nachgehen und an den kirchlichen Ceremonien theilnehmen. Das ärgerte ihn so, daß er manchmal daran dachte, ein offenes Bckenntniß abzulegen; aber obwohl er den Gedanken an den Scheiterhaufen nicht scheute, schreckte er vor einer erniedrigenden Einkerkerung, der öffentlichen Demüthigung zurück. Er stellte sich das Grauen vor, das fich auf den Gesichtern aller seiner einstigen Gefährten malen würde. In der That, manchmal fiel es ihm ein, wie theuer diese Jugendfreunde ihm trotz Vernunft und Religion waren, welch' ein Labetrunk ihre lachenden Augen, ihr Händedruck, die abgedroschenen SchulundKloster, Markt- und Reitschulscherze waren. Wie gut war doch dieses gewöhnliche Leben, wie süß war es, in dem allgemeinen Strom unterzusinken und sich mühelos weitertragen zu lassen! Selbst wenn er im Bewußtsein seiner Heuchelei am Boden kniete, ergriff ihn die Bewcgung aller dieser Andächtigen mit 'magnetischer Theilnahme und die festlich gekleidete Menge auf den Straßen erweckte sehnsüchtige, versöhnliche Gedanken in ihm. Wie theuer war ihm jetzt, da er sich von Allem losreißen' wollte, jeder vertraute Ort — die Wälder und das Wasser, die lieblichen, mit grasenden Herden bestreuten Hügel! (Fortsetzung folgt.) 6. R. Landau — Truck der „Gesellschaft für graphische Industrie.,,