Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 4 (25.6.1897)
- Article
- Appell an das Judenthum und seine getreuen Söhne, vom Landescomité der Zionisten in Bulgarien [Rezension]
- Date
- 1897-06-25
- Page
- 15 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 4. Seile 15. Die Bücherwelt. Appell an das Judenthum und seine getreuen Söhne, vom Landescomitv der Zionisten in Bulgarien. Sophia 1897, Hofbuchdruckerei, 15 Seiten. Es ist sehr symptomatisch für den Zionismus, den seine Gegner lediglich als eine Reaction gegen den Antisemitismus hinstellen möchten, daß er dort am tiefsten wurzelt, wo es den Juden in politischer Freiheit relativ noch am besten geht: in Amerika, England und auf den: Balkan. In den Ländern politischer Freiheit sind auch sie muthig, selbstbewußt; hingegen in den Ländern politischer Entrechtung und' Zurücksetzung, wie in Oesterreich und Deutschland beugen sie ihr Rückgrat, gehen sie dem eigenen Schatten aus dem Wege und verstecken feige ihre Köpfe im Sand. Und nur Wenige bilden eine Ausnahme. Darum hat auch die Idee des Münchener Congresses im Herzen von Tausenden unserer Brüder in Amerika und auf dem Balkan ein lautes Echo gefunden. Einen Beleg hiefür bildet die vorliegende Schrift. Das bulgarische Landeseomito wendet sich mit hinreißenden Worten an die „Rabbiner, Lehrer, jüdische Jugend und Söhne in Israel" und fordert sie auf, den Congreß in München zu besuchen. Aus jedem Worte athmet eine glühende edle Begeisterung für den Zionismus, der in den bulgarischen Juden eine seiner festesten Stützen hat. Es heißt da: „Wie lange noch soll das jüdische Volk in einer Situation ber* bleiben, die unsere Volksseele eorrumpirt, Feindseligkeiten und Gehässigkeit eines Bruders gegen den anderen verursacht, unseren Geist entkräftet, unsere Nerven dermaßen zcrrüttert, daß die zeitgenössischen Psychiater sogar die Hypothese aufstellen, unser Volk sei mehr als jedes andere vielerprobte Volk den Geisteskrankheiten ausgesetzt! Wie lange noch soll unser Volk der Möglichkeit beraubt fein, jede physische und geistige Nahrung zu genießen, die es mit seinen Händen in Hülle und Fülle seiner Heimatserde abzugewinnen wußte? Wie lange noch, wie lauge noch soll unser Volk den Stempel der Knechtschaft auf der Stirn tragen und, die Hände im Schooße, über den Trümmern unserer ruhmreichen Vergangenheit weinen?" Und dann weisen die Verfasser, die selbst vor ihren Augen die Renaissance eines Volkes nach mehrhundertjähriger Knechtschaft gesehen haben, auf das Vorbild Bulgariens hin. „Die Geschichte des XIX. Jahrhunderts lehrt uns. daß der einzige Ausweg zur Förderung des Wohlergehensauch der kleinen etnographischen Gruppen immer nur die Freiheit ist. Welch magisches Wort! Welche Metamorphosen ruft nicht die Freiheit nach jeder Richtung im Volksleben und in der Volksseele hervor! Fast unglaublich ist es! Wer, wie wir, in der Mitte eines Volkes weilt, das seit kaum 20 Jahren die Fesseln der Knechtschaft gesprengt und ein selbstständiges Leben zu führen begonnen, nur der, sagen wir, ist im Stande, sich mit seinen eigenen Augen zu überzeugen, daß die Wiedergeburt eines Volkes ein so kostbares Gut ist, daß auch jeder Jude sich itnb seine ganze Habe zur Erreichung dieses hohen und heiligen Ideals einsetzen muß. „Israel! So oft wir Völker sehen, die vor Kurzen: erst vor um seren Augen sich als politische Sonderkörper gegründet haben, und die an den Tagen der Feier ihrer nationalen Wiederbelebung stürmisch und jubelnd ihre Freude über die erworbene Freiheit kundgeben, bricht uns unser gequältes Herz und Thränen überströmen unsere Wangen bei dem traurigen Gedanken, in welcher Lage Du, unser Volk, Dich befindest, wann denn Deine Martyrologie ein Ende nehmen, und wann denn die Sonne Deiner Freiheit hinter den heiligen Bergen der Heimat schließlich auftauchen wird." Wie richtig die bulgarischen Zionisten die Bedeutung des Eongresses verstanden haben, beweist der Schluß der Broschüre. „Es ist unbedingt ein für allemal p erklären und zu verlautbaren, daß wir nur dann jene Macht erlangen werden, welche unsere Sache in eine ununterbrochene und entsprechende Bewegung zu versetzen vermag, wenn wir ein bestimmtes Programm einer rationellen Politik und strengen Disciplin befolgen wollen. Um eine solche Centralisation zu schaffen und einen einheitlichen Plan der Thütigkeit auszuarbeiten, dürfte es kaum ein wirksameres Mittel geben, als den für Ende August einberufeneu Weltkongreß der Zionisten." Wir empfehlen dieses Manifest besonders unseren Gegnern:. Sie werden sich überzeugen, daß die zionistische Bewegung viel zu sehr angeschwollen ist, als daß sie durch ihre kleinlichen Jntriguen beeinträchtigt werden körrnte. Und wenn ein Wiener jüdisches Blatt den bestbekannten, geachteten und nur aus Bescheidenheit sich nicht vordrängenderr Mitgliedern des Landescomitos vorwirft, daß sie unter das Schriftstück etwa deshalb ihre Namen nicht gesetzt haben, weil das dem Zionismus schaden könnte, so können sie darüber zur Tagesordnung übergehen, weil für sie der Zionismus oder der Anti-Zionismus kein Geschüftsobject bildet. L. Uriel Acosta Erzählung von I. Zangwill. Erster Theil. Gabriel da Costa. (3. Fortsetzung.) „Kennst Du denn nicht die Passahbrote?" fragte Dom Diego. Gabriel schüttelte den Kopf. „Du hast nie ungesäuertes Brot gegessen?" „Ungesäuertes Brot? Ach, ich habe erst gestern davon im Pentateuch gelesen. Sag', ist das nicht einer der Anklagepunkte der Inquisition? Aber so habe ich sie mir nicht vorgestellt." „Es ist das unvergeßliche Muster, von Amsterdam eingeschmuggelt," sagte der vom Wein erhitzte Arzt, der jetzt alle Vorsicht in den Wind schlug. „Ist Amsterdam also, eine jüdische Stadt?" „Nein; aber es ist das Jerusalem des Westens. Das kleine Holland hat, seit es die Papstherrschast abgeschüttelt, keine Berfolgungspolitik wie die anderen Nationen. Das ist ganz natürlich, denn es ist mehr ein Schiff als ein Land. Die Hälfte meiner alten Freunde ist hinübergezogen — es ist ein trauriger Verlust für unsere alte portugiesische Gemeinde!" Gabriels Herz klopfte. „Warum schließt Du Dich ihnen nicht an?" Der alte Arzt schüttelte den Kopf. „Nein, ich liebe mein Portugal; hier ward ich geboren und hier will ich sterben! Ich liebe es — seine Berge, seine Ströme, seine Thäler, seine Heilquellen. Hörst Du, Janthe, Du mußt Portugal immer lieben!" — „Ja, Vater!" sagte das kleine Mädchen ernsthaft. „Und seine Dichter — sein Rubeiro, sein Falcano, sein Camoens! Mein eigener Großvater wurde eines Platzes im „Cancioneiro Gerat" würdig gehalten und auch ich habe ein portugiesisches Gedicht über den ersten Aphorismus des Hippokrates gemacht, obwohl es noch nicht gedruckt ist." „Aber wenn Du nicht wagst, Deinen Glauben zu beennen, so ist das mehr als alles Uebrige," sagte Gabriel. „Das Leben eine tägliche Lüge — unerträglich!" „Potztausend, Du bist jung und starrsinnig! Ich liebe mein Judenthum mehr als mein Portugal; aber wenn ich um den Preis von ein wenig Schlauheit meine beiden Geliebten behalten kann. „Aber die Gefahr des Lebendigverbranntwerdens?" „Sie ist wie die Hölle, wie sie der christliche Sünder sich vorstellt — unklar und fern " „Mich dünkt, Du bist bereits gesengt worden." „Wie ein versengter Baum; der Blitz wird nicht zweimal niederfahren. Gieße Dir noch etwas Wein ein. Außerdem verträgt mein Magen nicht den Golf von Biscaya. Gott hat uns zu Landthieren erschaffen." Aber Gabriel ließ sich von den Ansichten des würdiger: Arztes nicht bekehren und auch der Mann selbst vermochte ihn nur zur Hälfte zu gewinnen. Dennoch war dies nicht sein letzter Besuch; denn er klammerte sich an Dorn Diego, als den einzigen Juden, den er kannte, borgte von ihm eine hebräische Bibel und Grammatik aus und begann heimlich die heilige Sprache zu erlernen. Zum Dank sür die Hilfe des Vaters brachte er der kleinen Janthe Spielsachen und Blumen, einst auch eine kostbarere Laute, als sie selbst besaß. Er borgte auch einige der eigenen Werke Dorn Diegos, die anonym aus den Amsterdamer Druckereien hervorgegangen waren, und aus dem „Paradies irdischer Eitelkeit" seines neuen Freundes und anderen seltsam betitelten theologischen Streitschriften sog der junge Schwärmer Belehrung und Bestätigung seiner Zweifel. Den portugiesischen Mitbürgern Dom Diegos galt der alte Herr als der Verfasser gelehrter Essays über die Behandlung der Schwindsucht, in denen er mit Nachdruck sein unbeschränktes Vertrauen auf Milch verkündigte. Aber Gabriel vermochte dieses bequeme Anpaffen an die Umgebung nicht nachzuahmen. Er hatte das Gefühl, daß das nur ein halber Kampf um die Wahrheit war, und so hörte er