Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-06-25 · 4 (25.6.1897) · p. 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
4 (25.6.1897)
Article
[Kommentar]
Date
1897-06-25
Page
11 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
table
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315714--00349-3377850
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 4.;dk$wc Seite 11. nützten diese Stimmung der Arbeiter aus. So verlangt zum Beispiel Herr Charles Perkins, ein Grubeneigenthümer, daß Jakob Schuliem Wilf und Mendel Selinger, deren Häuser dem Betriebe zweier seiner neueröffneten Schächte wegen drohender Feuergefahr im Wege stehen, diese Häuser räumen. Vor drei Wochen kam Perkins zu Selinger und drohte, ihm für den Fall, daß er die Wohnung, nicht räume, seine Arbeiter zu schicken,! die ihn hinauswerfen und ihn schlagen werden. Aehnlich und noch schärfer drohte er dem Wilf. „Man wird Ihnen Thüren und Fenster herausnehmen, man wird Sie ohrfeigen u. s. w." Und gerade diese beiden Juden wurden auch am stärksten heimgesucht, ja gröblich mißhandelt und gänzlich bis auf den kleinsten Löffel ausgeplündert und ruinirt. Ein anderes Beispiel: Nach den Exzessen sagte Herr Z b r z e s k i, der Verwalter der Firma Wolski und Komp.: „Diesmal war es nicht vorgesehen; das nächste-Mal wird man mit eisernen Rohren schlagen." Oder Herr M a l c z e w s k i, du Grubenverwalter, äußerte zu verhafteten Arbeitern am nächsten Tage: „Ihr habt gut geschlagen; aber wenn ihr zurückkehrt, werdet ihr besser schlagen." Ein Arbeiter sagte, Perkins habe seinerzeit in Sloboda 1000 fl. Caution sür ihn gegeben, auch jetzt würde das der Fall sein." Aus dem Berichte der „Arbeiter-Zeitung" geht klar hervor, daß die Unternehmer den antisemitischen Heldenstückchen der Arbeiter nicht ganz fernestanden. Die „Ausbeuter" und die „Ausgebeuteten" künrpften Arm in Arm/ sobald es gegen die Juden losging. Wo bleibt da der „unausweichliche, unbedingte" Classenkampf? —Die Monatsschrift „Zion" präsentirt sich nunmehr sowohl inhaltlich als auch äußerlich in einer neuen trefflichen Form. Sie zerfällt in drei Theile, einen deutschen (Redacteur Dr. N. Birnbaum), einen französischen (Redacteur Bernhard Lazare) und einen Hebräischen Theil (Redacteur Rüben Brainin). Aus dem reichhaltigen Inhalte nennen wir die Artikel „Zum Münchener Congresse" von Mathias Ach er, „Solidaritö" von B. Laz are, einen.glänzenden Vortrag von Max Nord au „Der jüdische Soldat" (im Alterthum), eine politische Studie „Die Lage der Juden in Westösterreich" von Dr. S. R. Landau u. s. f. Bemerkenswerth und für die Berliner Philanthropen gewiß sehr unangenehm ist der Artikel Achers. Es ist eine geistreiche, scharfe Abfertigung der Berliner Leisetreter, die der in Berlin wohnende Verfasser am besten kennt, weil er sie und ihr Treiben auf Schußweite gesehen hat. Und ihnen gilt auch sein Artikel in erster Reihe, den wir in der Rubrik „Der Congreß" auszugsweise reproduciren. —Einer Notiz der „Münchener Neuesten Nachrichten", betitelt „Das Königreich Neu-Jsrael", entnehmen wir folgendes : Im frormüen Judenthnin, das an der Klagemauer zu Jerusalem der Herrlichkeit gedenkt, ist die Hoffnung lebendig, daß in den letzten Zeiten das königliche Israel wieder erstehe. Es ist auch eine irrthümliche Behauptung mancher Geschichtskritiker, als fehle es bei den Juden an historischen: Sinn für ihre palästinensischen Erinnerungen, an Opferwilligkeit für die Erhaltung ehrwürdiger Stätten. Seit den Tagen Hadrians war es die Gewalt, die. die Juden vom Lande der Väter fernehielt oder ihre Bewegung hemmte. Hadrian, übrigens auch ein Zerstörer der christlichen Erinnerrurgen, erließ das Edikt, wonach kein Jude würdig sei, ben Boden Palästinas zrr betreten und du jeder gehalten sein solle, nach Egypten auszuwandern. Der „Antisemitismus" Hadrians war voll Hohn und Satire. Ihm eiferte um 629 der christliche Kaiser Heraklius nach, der das Kreuz auf Golgatha wieder erhöhte. Er erneuerte das Edikt sdnes heidnischen Vorgängers Hadrian; nur die Taufe erhielt dem Juden das Vaterland, wie denn die „Zwangstaufe" seit des Phokas Zeiten -ein beliebtes Bekehrungsmittel der byzantinischen Kaiser war. Ein historisches, moralisches Recht auf das hl. Land ist dem Jüdenthum in gewissem Sinne nicht abzustreiten und die Sehnsucht nach dem Lande der Verheißung ist unter den frommen Orthodoxen nie ausgestorben. Vereinsnachrichten. Lundenburg. Sind. iur. Rudolf Nassau von der „Veritas" in Brünn hat im Vereine mit mehreren Bundesbrüdern die einleitenden Schritte zur Gründung' einer jüdisch-nationalen Ferial-Verbindung „Gamala" in Lundenberg (Mähren» unternommen. Die Statuten wurden bereits überreicht. Zürich. Sonnabends den 19. Juni fand hier eine äußerst zahlreich besuchte Versammlung jüdischer Uiriversitätshörer und Hörer des eidgenössischen Polytechnikums statt. Einberuser waren die Herren: chem. Alfred M a y, pdl. Lazar Ettingen, cand. David K ö n i g. Auf der Tagesordnung stand: Stellungnahme der Züricher akademischen Bürger zu dem bevorstehenden Zionistencongreß. Als Referent fungirte Dr. Farbstein Nach der lebhaften Diskussion, die sich an das vorzügliche Referat schloß, faßte die Versammlung den Beschluß, gemeinsam mit der Berner jüdischen Studentenschaft einen Delegirten zu dem Zionistencongresse 51t entsenden. Krakau. Vor kurzer Zeit hielt hier der Verein „Chowewe Erez Israel" unter Leitung des Vicepräses Herrn Julius S ch ö n w e t t e r seine Generalversammlung ab. Herr T a u b e s, Redacteur des „Haam" aus Kolomea besprach unter großem Beifalle der Anwesenden die Idee eines Judenstaates in Palästina. Acclamirt wurde auch die Rede des Herrn. Israel Krasucki, der ebenfalls für den Zionismus energisch eintrat. Dem Vereine sind eine große Anzahl neuer Mitglieder zugekommen. In Podgarze hat sich ein Localcomit6 des Tarnower Verbandes „Ahawas Zion" gebildet, das sich die Propagirung des Zionsgedankens zur Aufgabe stellt. In den Vorstand sind gewählt: Herr Kurzmann als Präsident, Herr Majercyk als Cassier, Herr Salomon Markus als Secretär. . Brünn. Am 16. d. M. haben unsere Gesinnungsgenossen wieder einen Zionsabend veranstaltet. Der Abend nahm einen glänzenden Verlauf, und das haben wir hauptsächlich dem Wiener Schriftsteller Herrn Uork-Steiner zu verdanken, der uns seine bewährte Kraft zur Verfügung, gestellt hatte. In den kleinen Skizzen, die er unter dem Titel „Ein Blick in die jüdische Volksseele" vorlas, verlieh er seiner Begeisterung für das gedrückte Judenthum in packender Form Ausdruck und weckte die gleiche Begeisterung bei seinen Zilhörern. Bereinspräsident Dr. Löwenstein sprach im Nammen aller, als er dem Verfasser herzlichen Dank sagte. Hierauf sprach I. U. C. Berthold Feiwel, der zunächst die Anwesenden in wenigen herzlichen Worten zum Eintritt in ben Brünner Zionsverein eintud. Der zweite Theil seiner Ausführungen galt dem Z i 0 n i st e n - C 0 lt g r e ß. Er schilderte dessen eminente Bedeutung und holte sich die einmüthigc, begeisterte Zustimmung und die Namensfertignng aller Versammelten zu einer Resolution, worin der Zionisten-Congreß und die Bestrebungen der Zionisten überhaupt mit warmer Sympathie und froher Zuversicht begrüßt werden und ben Veranstaltern und Theilnehmern des Congresses der Dank ausgesprochen wird. Hierauf sprach Herr Ludwig S t r a s s e r im Namen der Brünner Gesinnungsgenossen seine Freude über das Erscheinen des zionistischen Parteiblattes „Die Welt" aus. Sodann hieltnoch Dorf-Steiner eine herzliche Ansprache an die Studenten der „Veritas", „Zephirah" und „Astra". in deren Namen der „alte Herr" der „Veritas" Ing. Arthur T i n t e r antwortete. Daun wurde die Versammlung geschlossen. Der Abend hat dem Brünner Verbände des „Zion" zahlreiche neue Mitglieder rmd viele neue Freunde geworben. Je ui Ne ton. Nauycdimlren für Palästina. Von Architekt Oskar Marmore! in Wien. I. Der Tempel. Für Viele, gegenwärtig noch für die Meisten, ist Zion ein Phantom, der Traum von Phantasten, den sie höhnisch, im besten Falle mitleidig belächeln. Wer da wohl Recht hat — das wird die Zukunft, hoffentlich eine schöne Zukunft, lehren .. . Einer der hauptsächlichsten Vorwürfe, die von Feind und Freund den Juden gemacht werden, ist der einer ausschließlichen materialistischen Gedankenrichtung. Jahrtausende währende Bedrückung führte dazu, den Glauben an ein Ideal zu zerstören. Die vertiefte ethische Bildung der Gegenwart, auch von Juden errungen, mußte bei diesen nicht blos eine Empörung gegen die immer auss Neue ihnen angethane Schmach und Zurücksetzung erzeugen,, sondern sie auch veranlassen, Ideale zu suchen, an denen sie sich begeistern und erheben könnten. So ist die Sehnsucht nach dem eigenen Heim bei den Juden erwacht — man wird dieser Gedankenrichtung den Idealismus wohl nicht absprechen können. Wär's darum auch nur ein Traum, ein erquickender ist cs jedenfalls. An den Männern der That wird es sein, den Traum zu verwirklichen. Ist doch dieses Jahrhundert das der Völkerauferstehung. Staaten, die Jahrhunderte, Jahrtausende lang politisch zerklüftet waren, haben Einheit und Macht wieder errungen, wie Deutschland und Italien. Sclavenvölker sind zu freien Herren geworden, wie die Rumänen, Serben, Bulgaren. Die Griechen haben ihr Vaterland wieder erlangt. Und auch sie waren zumeist — gezwungen oder freiwillig — in der ganzen Welt zerstreut. Die in gleicher Lage befindlichen Armenier regen sich gewaltig, es jenen gleichzuthun. Sind die Juden diesen Völkern numerisch und geistig inferior? Manche dieser „interessanten Nationen" haben keine Vergangenheit und ihre ganze Legitimation zu ihrem Vorgehen in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.