Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 4 (25.6.1897)
- Article
- Die Colonisation Argentiniens
- Date
- 1897-06-25
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Seite 8. jHt^Wdtr Nr. 4. flutheten die Felder; auch die „Biehe morc“ stellten sich ein und wir haben keine Hoffnung, in diesem Jahre eine Ernte zu erreichen, obwohl manche Gebiete verschont geblieben; denn kaum werden diese ihre Früchte treiben, werden sie gewiß den Heuschrecken anheimfallen. Es sind also drei Jahre in Noch uud Elend verstrichen und wir sind auf eine Unterstützung angewiesen, die kaum für trockenes Brot hinreichend ist. Denn die uns bei unserer Ankunft bestimmten acht Pesos (für Erwachsene, Kinder unter zehn Jahren erhalten blos die Hälfte davon) konnten nur am Anfang genügen, um den Hunger zu stillen, als die Lebensmittel um die Hälfte billiger waren und die Colonisten Kleidung sowie Hausgeräthe noch aus ihrer Heimat (Manche auch Baargeld) hatten und die Arbeitsgeräthschaften noch neu waren. Jetzt fehlt es uns an Kleidung, die Geräthe bedürfen einer Reparatur und die Theuerung der Lebensmittel nimmt zu — und woher das Alles beschaffen? Zwar hatte uns die Administration versprochen, uns die Ernte dieses Jahres zu schenken, damit wir unser Dasein fristen können. Aber ihre gute Absicht kann leider nicht verwirklicht werden, da die Heuschrecken uns nichts als die nackten Körper und den verödeten Boden zurückließen. Im Austrage der Directoren wurden wir von den Administratoren zu einer Berathung einberufen, um Voisichlsmaßregeln für solche Jahre zu treffen, wo wir von Heuschrecken heimgesucht werden sollten. Doch führten unsere Berathungen zu keinem Resultate. Wollten wir nämlich, wie Manche vorgeschlagen haben, mit Hilfe der „Association" irgend eine Industrie einführen, die mit der in- oder ausländischen concurriren soll, dann müßten wir einen Industriezweig auS den Producten unseres Bodens wählen, und da find wir vor den Heuschrecken nicht sicher. Zur Viehzucht sind unsere Besitzungen nicht geeignet, da die Ländereien eine geringe Ausdehnung haben. Wollten wir uns endlich von Meierei ernähren, so belehrt uns die Erfahrung eines Besseren. Jeder von uns besitzt zwei Kühe, die wir bei der Ankunft von der Administration erhielten, und Manche haben sogar noch eine oder gar zwei Kühe, die sie selbst kauften — und doch reicht die Milch kaum für den eigenen Bedarf aus. An einen Industriezweig, der nicht auf Bodenproducten beruht, können wir aber nicht denken, denn wir würden dann den Ackerbau aufgeben müssen und wir find doch ausschließlich in der Absicht hergekommen, um Ackerbauer zu werden. Auch würde unsere Industrie kaum gegen andere Maschinenindustrien aufiommen können. Wir wenden uns daher an die edlen Wohlthäter unseres Volkes und bitten sie um Rettung. Unser sehnlichster Wunsch ist es, dem Ackerbau zu leben, und durch diesen wollen wir unserer Nation dienen. Helfen Sie uns mit gutem Rathe! Wir sind zu Allem bereit, was Sie für gut erachten. Wir wollen nicht dem Kampfe mit den Heuschrecken weichen, wollen ausharren auf dem Posten, auf den wir gestellt wurden. Aber helfen Sie uns, rathen Sie uns, wie wir der vielen Hindernisse Herr werden können, die uns im Wege stehen, und wie wir dem Verhungern entgehen, bevor wir unser Ziel erreicht haben. Wir gedachten ursprünglich, einige Delegirte an Sie zu entsenden, allein unsere materielle Noth erlaubt es uns nicht, solche Ausgaben zu machen; es mögen daher diese unsere Worte bei Ihnen Wohlwollen und Berücksichtigung finden." Tribüne. (An dieser Stelle geben wir gerne Zuschriften Raum, die in schicklichem Ton Angelegenheiten von allgemeinem Interesse oder gerechtfertigte Beschwerden enthalten. Die Redaction.) Sehr geehrte Redaction! In dh. 1 der Welt erschien ein Artikel „Zwei Tage in Tarnow", der das Elend, das man hier unter den Juden findet, getreulich wiedergibt. Gestatten Sie, daß ich Ihnen als Ergänzung zu dieser Schilderung einen Vorfall berichte, der sich Samstag den 12. d. hier abgespielt hat. Unweit unserer Stadt ist ein öffentlicher Spaziergang, der Weg zum Martinsberge, wo Samstag und an den Feiertagen größtenteils jüdische Arbeiter und Kaufleute an der freien Luft Erholung für die mühevollen Tage der Woche suchen. Da es auf dem langen Wege keine einzige Bank gibt, so benützen die Spaziergänger seit jeher du beiderseits des Gehweges befindlichen Gräben als Ruheplätze. Heuei wurde den Spaziergängern die, wie erwähnt, überwiegend Juden sind, das Betreten der Gräben untersagt. Das Verbot ist nun für den Pöbel ein willkommener Anlaß, um diesen oder jenen Juden, fMs eres wagt den Graben zu betreten, in Wort und That die antisemitische Gesittung fühlen zu lassen. Samstag vergaß sich wieder ein fünfjähriges Judenkind und betrat im Eifer des Spieles das verbotene Gebiet. Ein tapferer Bauer, stürzte sich auf das Judenkind und mißhandelte es. Auf das Geschrei der Mutter und des Kindes, kamen einige jüdische Spaziergänger herbei und befreiten das Kind von dem heldenmütigen Angreifer. Und nun nahte die Rache dafür, daß sie das schwache Kind beschützt hatten. Eine Menge Bauern Liefen mit Rechen, Heugabeln und anderen Feldgeräthen zusammen und warfen sich auf die Juden. Der angeborene Judenhaß hatte eine Gelegenheit gefunden um sich zu entladen und er that es in ausgiebiger Weise. Die Juden wurden schrecklich zugerichtet. Einen Juden hat man so mit den Werkzeugen bearbeitet, daß er nach 12 Stunden starb. Es war ein 22-jähriger junger Mann. Ich selbst sah, wie ein Jude von dem Schauplatze dieses Excesses nach Hause geführt wurde. Es war ein erbärmlicher Anblick, der Arrüe konnte sich kaum fortschleppen. Die Kleider hingen ihm in Fetzen vom Leibe, und überall trug er die Spuren der hrutalsten Mißhandlung an sich. Die meisten Juden, die sich damals des Kindes angenommen, liegen noch heute auf dem Krankenlager. Solche Thaten werden hier an Juden bei helllichtem Tage vollführt. Mau wird geschlagen und beschimpft, weil man ein Jude ist. Man ist seines Lebens nicht sicher, weil man ein Jude ist. Wann wird das einmal ein Ende nehmen?! Wenn sie nur schon da wäre, die Zeit, wo wir diese Stätte der Bedrückung verlassen könnten, wo wir uns iit ein Land wenden könnten, in dem wir unter Brüdern leben, in dem man sich mit Stolz offen als Jude bekennen dürfte, in dem man uns nicht wegen unseres Judenthums erschlägt. M. L., Tarnow. Weltchronik. Barney Jsaacs-Barnato. Der Diamantenkönig, der in der Blüthe seiner Jahre so tragisch in den Mecresfluthen endete, entstammte einer armen jüdischen Familie in London. Am 5. Juli 1852 geboren, wurde er von seinem Vater Jsaac Jsaacs streng religiös erzogen. In der jüdischen Freischule (Jews Free School) genoß der junge Barney den ersten Unterricht. Von hier nahm er die Liebe zu seinen armen Glaubensgenossen mit, denen er in den schönen Tagen seines Lebens rettend und helfend zur Seite stand. Als Barney Jsaacs, der sich im Jahre 1872, von seiner BohLmenatur getrieben, unter dem Namen Barnato nach Südafrika einschiffte, von seltenem Glücke begünstigt, zum Milliardär wurde, da gedachte er in erster Linie seiner armen Anverwandten und all' der armen Juden in Whitechapel, die ihn jetzt so bitter vermissen werden. Erst vor einigen Jahren stellte er der.lewe Free School, die in Bedrängniß gerieth, 1600 Pfund Sterling (19.200 Gulden) zur Verfügung. Für das Judenthum und den jüdischen Glauben hegte der Verstorbene viel Pietät. Seit dem vor zwei Jahren erfolgten Tode seines Vaters ließ er, wie dieser es gewünscht hatte, sein Bureau in Drapers Gardens an Samstagen sperren, während der Kadisch, da Barney das ganze Jahr auf Reisen war, vom jüngeren Bruder und Gesellschafter Harry gesagt wurde. Zur Erinnerung an den Vater spendeten beide Brüder eine große Summe für die Reue Westend Synagoge. Die Marmortafel im Vestibüle wird nunmehr nicht blos das Andenken des alten Jsaac, sondern auch Barney's ehren: „Die Marmordecorationen zu den Säulen wurden in liebevoller Erinnerung an Jsaac Jsaacs-Barnato von seinen Söhnen H. Jsaacs und B. Jsaacs-Barnato gespendet. Niflan, 5155. April 1895." Einen interessanten Lebenslauf hatte der am 2. v. M, in Biebrich a. R. verstorbene israelitische Lehrer Dr. Phil. S. Baer. Als Kind armer Eltern war ihm in der Jugend die Wohlthat hörerer Studien versagt. Er war israelitischer Volksschullehrer in Niederhofheim und Heddernheim i. Taunus. Sein Talent zog ihn zur orientalischen Sprachwissenschaft hin. Sein Lebenswerk war die textkritische Bearbeitung der Bibel in der hebräischen Ursprache, wobei er zeitlebens mit seinem, Freunde und Studiengenossen, dem berühmten Leipziger Gelehrten und protestantischen Theologieprofessor Franz Delitzsch, in eifriger Correspondenz blieb. Baer's Werke erregten bald in jüdischen Gelehrten- und Fachkreisen das größte Aufsehen, und auf Professor Delitzsch' Antrag verlieh die philosophische Facultät zu Leipzig 1876 dem Lehrer Baer das Ehrendoctorat. Nach seiner Pensionirung verlieh ihm Kaiser Wilhelm I. den Kronenorden IV. Classe und setzte ihm ein Jahrgehalt aus. Die „deutsch-morgenländische Gesellschaft" ernannte ihn zu ihrem ordentlichen Mitglieds die Stadt Biebrich 1882 zu ihrem