Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 4 (25.6.1897)
- Article
- Der Congreß
- Date
- 1897-06-25
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 4. JPkpMi: Seite 7. ist, daß der Zionismus aus einem Spielball in den Händen des Zufalls und einiger Geldgeber eine ernste Sache der Allgemeinheit, aus einer „praktischen" und romantischen eine wirkliche Bewegung, aus einer reactionären Zwangsanstalt der Ueberzeugungen ein weites offenes Kampffeld, aus einer Marotte eines Theiles der jüdischen BildungsphiLister der Wille des Volkes werde." Wir glauben, daß der Verfasser den „Praktischen" Unrecht thut, wenn er ihnen zumuthet, daß sie zum Congreß kommen und dort mit sachlichen Argumenten opponiren werden. Die Herren bleiben lieber zu Hause und begnügen sich damit, durch Jntriguen und gefärbte Berichte gegen den Congreß Stimmung zu machen. Jedenfalls wird sein Artikel viel dazu beitragen, über die Berliner Verhältnisse Klarheit zu verschaffen. -- Christen über die Judenfrage. Baron Suttner, Präsident des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus. Sehr geehrte Redaction! Die Rubrik „Die Woche" in Nummer 2 der „Welt" enthält eine Besprechung der Generalversammlung des Abwehrvereins, und als Präsidenten dieses Vereins sei es mir gestattet, einige Worte darauf zu erwidern: Der Titel „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" hat leider schon zu allem Anbeginn bedauerliche Mißverständnisse hervorgerufen, indem man das Wort „Abwehr" dahin deutete, daß der Verein die Bestimmung habe, als Kampf- und Schutzverein für das Judenthum aufzutreten. Durch diese Auslegung hat man unsere Absichten ganz und gar verkannt. Der Gründung des Vereins lag in erster Linie die Idee zu Grunde, alle gerechtdenkenden Mitbürger zu einem öffentlichen Proteste gegen eine Bewegung zu sammeln, die in allen ihren Punkten den Staatsgrundgesetzen den Krieg erklärt hat. Nicht, wie die Gegner sagten, eine Judenschutztruppe sollten wir sein, sondern eine Vereinigung von Menschen, die gegen jeden Angriff auf das Menschenrecht auftreten. Hätte sich die Hetze gegen die in Oesterreich lebenden Protestanten oder Mohammedaner gerichtet, so wären wir wahrscheinlich ebenso zusammengetreten, um gegen eine solche schreiende Ungerechtigkeit zu protestiren. Ich denke also, daß in dieser Demonstration nichts Beschämendes oder Kränkendes für die Juden zu suchen war oder zu suchen ist. Der Mangel an Rückgrat, den Hofralh Nothnagel in seiner Ansprache mit Recht beklagte, war allerdings der Grund, daß wir isolirt blieben, und ich stimme Jhr^m Vorwurfe vollkommen bei, daß sich dieser Mangel nicht nur bei der christlichen, sondern auch bei der jüdischen Bewohnerschaft Oesterreichs fühlbar mache. Wir hätten aus unserem Protesiverein einen Kampfverein machen könren, wenn Jene, deren gutes Recht wir vertraten, sich uns activer angeschlossen hätten. Ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich annehme, daß in Oesterreich-Ungarn 2 Millionen Juden leben. Hätten sich nur 5 Procent von diesen zu uns geschlagen, sv wären wir eine Macht geworden; wir hätten aus dem Idealen in's Reale übergehen, wir hätten mit ethischen und den unerläßlichen materiellen Mitteln in den Wahlkampf treten, wir hätten Volksredner und Werber entsenden können, kurz, wir wären in der Lage gewesen, dem Gegner bei Zeiten Hindernisse in den Weg zu legen, die er vielleicht nicht überstiegen hätte. Daß das nicht erreicht wurde, ist weder Schuld des Vereins, noch seiner Tendenz. Man hat uns, um einen volksthümlichen Ausdruck zu gebrauchen, in der Patsche sitzen gelassen; von jüdischer und von christlicher Seite. Hätte damals die liberale Partei, als sie noch eine Macht war, mit demselben Furor, wie jetzt in Sachen der Sprachenverordnung, gegen die noch flagrantere Vergewaltigung der jüdischen Mitbürger Stellung genommen, hätte zudem die Regierung nach dem Beispiele Ungarns ihre Pflicht gethan, dann wäre der Liberalismus nicht zerschmettert worden und wir stünden hellte anders da, als es leider der Fall ist. Allein man hat für uns taube Ohren gehabt und in höherer Weisheit gemeint, die Sache werde in den Sand verlaufen. Wir wissen sehr gut, daß man mit einem Kieselstein eine Sturmfluth nicht brechen kann, — und ein Kieselstein ist gegenwärtig unser Verein gegen jene antisemitische Sturmfluth. Wir wollen auch keine modernen Don Quixotes sein, aber wir wollen immerhin unser Recht als freie Männer wahren, das Recht: unseren Protest gegen eine Bewegung hinauszurufen, die unsere ethischen Gefühle als Menschen und als österreichische Staatsbürger auf das tiefste beleidigt. Und weil wir dieses unser Recht nicht aufgeben wollen, darum harren wir auf unserem Posten aus, darum ziehen wir unsere Fahne nicht ein, darum bleibt der Abwehrverein bestehen, so lange unsere Kräfte reichen. Hochachtungsvoll Suttner. Harmannsdorf im Juni 1897. Die Eolonisatian Argentiniens. Zur Veröffentlichung erhalten wir von Herrn I. S. Trachtmann in Ackermann, dem Bevollmächtigten in Angelegenheiten der jüdischen Emigration nach Argentinien, das nachstehende Schreiben, das die im Bezirke „Entre-Rios" in Argentinien angesiedelten Colonisten an Baronin Hirsch, Rabbiner Adler, Goldsmid, Montefiore und andere Mitglieder der „Jewisli Colon. Association“ gerichtet haben: „Als Baron Hirsch in Rußland seine Absicht verkünden ließ, dortigC Juden in Argentinien anzusiedeln und denselben Bodenbesitz zu geben, damit sie sich dem Ackerbau widmen, da waren wir voller Freude ob dec für unser Volk und seine Zukunft so vielverheißenden Botschaft. Mit Begeisterung nahmen wir diese Kunde auf und freuten uns, gleichsam die Pionniere zu sein, die berufen wären, Israel von dem Vorwurfe der Arbeitsscheu zu befreien. Muthig und entschlossen unterzogen wir uns dieser ehrenden und heiligen Pflicht: seit drei Jahren bebauen wir unseren Boden im Schweiße unseres Angesichtes rastlos und unermüdlich, was sowohl von unseren Nachbarn* als auch von Reisenden, welche die Colonien besuchten, an' erkennend bezeugt wird. Allein all' unsere mühevolle Arbeit ist bis jetzt leider ohne jeden Erfolg. Im ersten Jahre unserer Ansiedlung wandten wir uns, da es für Feldarbeit zu spät war, dem Gartenbau zu. Wir legten prächtige Gärten an und bebauten dieselben mit allem zu unserem Haushalt Nothwendigen. Unendlich groß war unsere Freude; als die Saat herrlich zu gedeihen versprach, da wurden un'ere Gärten plötzlich von der hier bekannten „Niobe more“ bedeckt und diese kleinen Jusecten vernichteten Alles vollständig. Im zweiten Jahre gingen wir ins Feld, arbeiteten da nach Kräften, das Getreide begann sehr schön zu gedeihen und sein Anblick ließ uns die. Zukunft der Colonien in glänzendem Lichte erscheinen. Da wurden wir plötzlich gegen Ende September von Heuschrecken hcimgesucht, die unsere Saat znm großen Theile vernichteten. Während der Ernte richteten heftige Regengüsse großen Schaden an und auch die „Bieke more“ thaten das Ihrige, um Alles zu verheeren, was von den Heuschrecken verschont worden war, und so gingen wir abermals leer aus. Die Administration kam uns nun mit Rücksicht aus unsere Lage entgegen und gewährte Jedem eine Unterstützung von 150 Pesos; aber das half nicht viel. Im dritten Jahre gingen wir mit freudiger Hoffnung an die Arbeit, trotz der erlittenen Unfälle, und fast alle Colonisten bestellten ihre Aecker. Auch diesmal schien die Aussicht auf eine segensreiche Ernte säst gesichert; da wurde der Himmel am letzten Juli wie von einer düsteren Wolke bedeckt; ein dichter Schwarm von Heuschrecken ließ sich herab, furchtbar wie wir sie noch nie gesehen hatten, und unsere ganze Arbeit war total vernichtet, so daß keine Spur zurückblieb. Manche versuchten es nochmals, zu säen, nachdem sie von der Administration Samen erhielten; abermals gedieh die Aussaat, aber die Heuschrecken kehrten wieder zurück und übe-.-